Tage Alter Musik Regensburg

Zürcher Barockorchester Foto: Festival

Erlesene Verlockungen

Weiterhin sind Qualität des Musizierens und besonderes Repertoire das Herausstechende des Programms der Regensburger Tage Alter Musik

Von Laszlo Molnar

(Regensburg, Pfingsten 2017) In Regensburg machte zu Pfingsten das Wort vom „Delikatessenladen“ die Runde. Damit war nicht die Eröffnung eines neuen Geschäftes für Gourmetfreunde gemeint. Es galt dem Festival „Tage Alter Musik“, das in der Domstadt 2017 vom 2. bis 5. Juni abgehalten wurde – wie immer über die Pfingsttage.
In diesem Jahr, dem 33. seit der Gründung des Festivals, wollten die Gründer und seitherigen Leiter Ludwig Hartmann und Stephan Schmid offenbar besonders zeigen, wo für sie die Maßstäbe in der Interpretation der Alten Musik liegen. Beim diesmal eher stichprobenartigen Besuch der „Tage Alter Musik“ reihte sich eine Erlesenheit an die andere. Zum Teil beängstigend schöne und perfekte Aufführungen, die belegten, dass die Interpretation der Alte Musik eine Welt für sich geschaffen hat.
Es gibt Musiker der Originalklang-Szene, die diese extreme Professionalisierung schon beklagen und eine ähnliche Kommerzialisierung wittern wie im „normalen“ Klassik-Betrieb. Aber um in diese Falle zu tappen, dafür sind Schmid und Hartmann viel zu „alte Hasen“ und schlaue Füchse. Dem Barock-Kommerz gehen Schmid-Hartmann geschickt aus dem Weg, indem sie Musiker präsentieren, die eigene, neue Wege gehen.

Bach solistisch besetzt

Alia Mens Foto: Festival

Alia Mens Foto: Festival

Das Ensemble „Alia Mens“ aus Frankreich zum Beispiel, in der goldstrotzenden „Alten Kapelle“. Die fünfzehn Musizierenden boten drei Kantaten aus Bachs Vor-Leipziger Zeit – BWV 12, 18 und 106 – in durchweg solistischer Besetzung: je ein Sänger und Instrumentalist pro Stimme. Man kann sagen, das haben andere auch schon gemacht. Und ja, die „Tage Alter Musik“ hatten schon Joshua Rifkin zu Gast, als er mit dieser Besetzungsgröße noch für Aufsehen wie für Kopfschütteln sorgte. Aber die Intensität, der Zugriff, mit dem die solistischen Ensembles sich der Bachkantaten annehmen, hat große Fortschritte gemacht. Der barocke Musizierstil ist nun aufgeladen mit persönlicher Leidenschaft, mit dem Mut zur größeren Geste. Der Gedanke, Bach könnte in Mühlhausen und Weimar seine Kantaten tatsächlich so aufgeführt haben – ohne Chor, dafür mit vier rundum präsenten Gesangssolisten – wird plausibel ohne wenn und aber. Auf der CD von Alia Mens mit den Kantaten 12, 18 und 161 kann man sich auch daheim davon überzeugen.

Mit ähnlicher Perfektion und ebensolchem Sinn für Zusammenspiel und Aufeinander-Hören spielte das Zürcher Barockorchester unter der Leitung der Geigerin Renate Steinmann in der optisch nicht minder überwältigenden Basilika St. Emmeram. Auch dieses Ensemble gilt es noch zu entdecken; sein Spiel ist deutlich auf Makellosigkeit gerichtet, ohne von der beflissenen Routine einer Akademie für Alte Musik oder eines Freiburger Barockorchesters befallen zu sein. Da erscheint jeder Moment neu und frisch zu entstehen. Ziel der Zürcher sei es, so das Programmheft, im regulären Konzertbetrieb vernachlässigte Musik wieder präsent zu machen. Welch ein Glück! Diese Musik von Telemann und Bach möchte man wirklich öfter hören, und dann sehr gerne so wie in St. Emmeram vorgeführt. Eine Telemann-Suite (für zwei Blöckflöten und Orchester a-Moll) und ein Konzert für Blockflöte, Violine und Orchester a-Moll sind, so gespielt wie vom Zürcher Barockorchester, Gegenstände wahrer Spielfreude zum Vergnügen der Zuhörer. Bach lotete in seinen Kantaten für Solosopran und Orchester (BWV 84 und 199) die Tiefen von Seelen- und Gefühlsleben – und das machte die Interpretation von Miriam Feuersinger klar – in einem Maß aus, das den Gefühlsdarstellungen des 19. Jahrhunderts nicht nachsteht. Auch mit diesem Konzert hatten Schmid und Hartmann ins Zentrum der Leidenschaft für die Musik des Barock getroffen.

Irische Fassung von Händels Messias

Salomon’s Knot Baroque Collective Foto: Festival

Salomon’s Knot Baroque Collective Foto: Festival

Ob das mit Händels Messias in der „ersten“ Fassung für die Aufführungen im irischen Dublin 1742 in fast solistischer Aufführung durch das Londoner „Salomon’s Knot Baroque Collective“ ebenso gelingen würde, davon waren manche Besucher vor dem Konzert in der Dreieinigkeitskirche noch nicht ganz überzeugt. Hinterher schlossen auch sie sich dem begeisterten Applaus an. Selbst aus dem in- und auswendig bekannten Oratorien-Schlachtschiff ist Neues, Überraschendes, so nicht Gehörtes herauszuholen. Wie machen die zusammen 23 Sänger und Instrumentalisten das? Sie gehen davon aus, dass Händel „Messiah“ in Irland etwa in dieser Besetzung – im Orchester nur Streicher, keine Oboen – aufgeführt haben und – als alter Opernhase – auf besondere Intensität der Darstellung gesetzt haben muss. So singen die drei Sängerinnen und fünf Sänger des „Baroque Collective“ alles auswendig, auch die Chorpartien. Man sieht ihnen die innere Beteiligung an: Sie wenden sich ganz offen dem Publikum zu, sie treten an den entsprechenden Stellen in Dialog miteinander, sie verkünden emphatisch, sie jubeln mit Hingabe und zeigen Betroffenheit. Die Chorteile erscheinen als Szenen, in denen sich alle über das in den Arien reflektierte verständigen; einzigartig in dieser Art die Wucht des Chorsatzes „Behold the Lamb of God“ am Beginn des zweiten Teils, der nun als direkte Ansprache und als ganz neues Moment im Oratorium vernommen wird. In diesem Konzert verband sich ideal und zündend die hohe britische Alte-Musik-Kultur und ihre Perfektion mit dem Operntemperament und der Musizierlust der jungen Musikergeneration. Das Wort vom „blutleeren“ Originalklang kann man getrost vergessen.

Spielwitz und Grandezza

In dieser Hinsicht haben Briten, Franzosen, Belgier den deutschen Kollegen einiges voraus. Das Abschlusskonzert mit den deutschen Ensembles „La Capella del Torre“ und „Musica Fiata“ unter der Leitung von Roland Wilson mit mehrchöriger Musik zu einer fiktiven Reformationsmesse von Henrich Schütz und Michael Praetorius war prächtig besetzt – Zinken, Trompeten, Posaunen, Pauken Streicher, viele Continuo-Instrumente – und tönte mächtig in der Dreieinigkeitskirche. Aber der Aufführung fehlte die Eleganz, die lässige Grandezza, die spielerische Präzision – ja, der daraus entstehende Spielwitz –, mit dem die Briten den nicht minder ernst zu nehmenden „Messiah“ zelebriert hatten. Mit einem solchen Mix der Fertigkeiten tut man sich hierzulande eher schwer. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum in Regensburg überwiegend Musiker und Gruppen aus dem Ausland zu hören sind, während sich die aus Deutschland in der Minderheit befinden.

Scherzi musicali

Scherzi Musicali Foto: Festival

So war auch das Selbstbewusstsein faszinierend, mit dem der junge belgische Lautenist und Bariton Nicolas Achten sein Ensemble „Scherzi Musicali“ in der Dreieinigkeitskirche leitete, seine langhalsige Theorbe erhaben haltend wie auf einem Gemälde der niederländischen Schule. Mit seinen Musikerinnen und Musikern – ausgestattet mit Zink, Posaune, Gamben und vielen rauschenden, zirpenden und brummenden Continuo-Instrumenten – präsentierte er zwei Oratorien über Maria Magdalenda aus dem 17. Jahrhundert. Eines als Zusammenbau verschiedener Kompositionen aus Mantua, ein anderes vom Wiener Hof aus der Feder des Komponisten Antonio Bertali. Bei aller Schönheit der Musik wurde da einem schnell bewusst, welch außergewöhnliche Erscheinung zu dieser Zeit Claudio Monteverdi war. Die jungen Musiker stürzten sich dennoch mit Hingabe und großer Raffinesse in die Sache.

Klare interpretatorische Haltung

Warum, mochte man sich fragen, haben Schmid und Hartmann sogar Gäste aus so fernen Ländern wie Kanada hergelockt. Das „Ensemble Masques“, eine Streichergruppe mit Violinen, Gamben, Bass und einer Orgel unter der Leitung des Cembalisten Olivier Fortin, gab die Antwort: Es geht Schmid und Hartmann um Musiker von höchster Kunstfertigkeit, mit einem besonderen Programmschwerpunkt und einer klar umrissenen interpretatorischen Haltung. „Masques“ befasst sich aktuell mit Kammermusik des deutschen Frühbarock. Das Programm des siebenköpfigen Ensembles (mit dem französischen Countertenor Damien Guillon) in der Oswald Kirche umfasste Instrumentalstücke und Kantaten von Johann Heinrich Schmelzer, Heinrich Ignaz Franz Biber, Dietrich Buxtehude und anderen Zeitgenossen. Heraus kam ein Nachmittag von größter Intimität und Konzentration, ein erlesener Dialog von Instrumenten und Stimme, dessen Teile zu ihrer Zeit für die verwöhntesten und kultiviertesten Ohren bestimmt waren. Wenige Musiker, höchste Versenkung.

Wäre man zu allen Konzerten gegangen, man hätte kaum Zeit gehabt, das Gehörte auch zu verarbeiten. Trotz aller Verlockungen sollte man die Tage Alter Musik Regensburg als großes Angebot, eben den Delikatessenladen, sehen, aus dem man schließlich wählen muss. Denn, das darf man ja nicht vergessen, auch die Stadt und ihre phantastischen Kirchen, ihre prachtvollen Bürgerhäuser und Plätze, ihre schier unendliche Auswahl an Ess-Orten sind eine riesige Verführung, ein für Deutschland ganz seltener Augenschmaus und Wohlfühlort, zumal bei schönem Wetter wie in diesem Jahr. Daher kamen so verführerische Programme wie die Beethoven-Sonaten für Klavier und Violine mit Susanna Ogata und Ian Watson, die Nachtkonzerte etwa mit „The Gesualdo Six“ aus England oder der „Capella Mariana“ aus Tschechien nicht ins Körbchen. Der Genuss des Gehörten aber wird weitertragen ins nächste Jahr – bis zu den nächsten Tagen Alter Musik in Regensburg.


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