Szymanowski

Exotisch und erotisch

Karol Szymanowski: Sinfonien Nr. 2 und 3. Ryszard Minkiewicz (Tenor), Chor und Orchester der Warschauer Philharmonie, Antoni Wit. Naxos 8.570721
Karol Szymanowskis dritte Sinfonie mit dem Untertitel „Das Lied von der Nacht“ (1914-16) ist vielleicht das faszinierendste Werk des großen polnischen Komponisten. Sie entstammt einer Phase seines Schaffens, in der er sich von arabischer Kultur inspirieren ließ. So bildet ein Text des Dichters Dschalal-ad-din Rumi aus dem 13. Jahrhundert die Vorlage für die Sinfonie, vertont für Tenorsolo, Chor und gigantisch besetztes Orchester. Luxuriös und dekadent schillernd gibt sich diese Musik, gleichermaßen exotisch wie erotisch. Sicherlich finden sich einzelne Elemente der Klangsprache Skrjabins und Ravels, doch der Tonfall ist unverkennbar Szymanowskis eigener – wie von Drogen berauscht, in den Höhepunkten von exstatischer, geradezu schmerzender Intensität. Bislang konnte Simon Rattles Interpretation dieser Sinfonie (EMI) die Referenz für sich beanspruchen, doch die vorliegende Neueinspielung unter Antoni Wit braucht sich vor der großen Konkurrenz nicht zu verstecken. Der formale Bogen, den die Partitur spannt, ist ebenso zwingend realisiert wie der schier unüberschaubare klangfarbliche Reichtum – man beachte die Orgel nach der letzten Steigerung im Finale! Orchester und Chor vollbringen Höchstleistungen, lediglich das Vibrato des Tenors Ryszard Minkiewicz macht nicht restlos glücklich. Auch die Zweite Sinfonie (1909-10) in der Szymanowski die Einflüsse Strauss‘ und Regers sowohl verarbeitet als auch transzendiert, ist Wit hervorragend gelungen – ebenso transparent wie, wo nötig, energisch, und die abschließende Fuge eintwickelt eine mitreißende Sogwirkung.
Thomas Schulz
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