Sylvesterkonzert Thielemann

Auf dem Silbertablett

ChristianThielemann und die Staatskapelle Dresden Foto: Matthias Creutziger

Silvesterkonzert der Dresdner Staatskapelle unter Christian Thielemann

(Dresden. 30. und 31. Dezember 201) Man sollte sich davor hüten, die Operette zu unterschätzen. Der Vortrag einer Szene oder Arie überzeugt erst dann, wenn subtile Erotik, Witz, Charme und Eleganz ins Spiel kommen. Qualitäten, die in den nüchternen Inszenierungen unserer Zeit oftmals kaum noch Raum finden, bei einem Zeitgeistverweigerer Christian Thielemann aber Ehrensache sind. Der setzte wie schon 2010 für sein erstes Silvesterkonzert mit der Sächsischen Staatskapelle Franz Lehár aufs Programm, diesmal mit Hits aus den Bühnenwerken "Das Land des Lächelns", "Zarewitsch", "Paganini" und "Giuditta". 

Ursprünglich hatte der Berliner mit Anna Netrebko und Erwin Schrott dafür auch zwei prominente Stars an der Angel. Doch dann sorgte Ende November die überraschende Absage der des Operntraumpaars für Aufruhr. Empfindlich berührte sie die Konkurrenz zwischen dem dieses Konzert live ausstrahlenden ZDF und der ARD, die parallel das Silvesterkonzert der vom ZDF abservierten Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle überträgt. Bedeutet eine solche Rivalität zwischen Sendern und Orchestern für den Zuschauer einen Gewinn oder eine unnötige Qual der Wahl?  
Jedenfalls sollten sich diese nicht dazu verleiten lassen, musikalischen Anspruch an Einschaltquoten zu messen. Angela Denoke, die für Anna Netrebko einsprang, präsentierte sich durchaus als Operettendiva von Klasse, mit ihrer gesanglichen Kultiviertheit und eleganter Kurzhaarfrisur sogar ein wenig an die unvergessliche Elisabeth Schwarzkopf erinnernd. Nur verfügt sie noch nicht über vergleichbare klangliche Finessen, wie sie die Lehár-Interpretationen der Schwarzkopf einst so unvergleichlich machten.

Dasselbe gilt für die Rumänin Ana Maria Labin, in den Spitzen zudem mitunter eine Spur zu dick. Ihre stärksten Nummern sparen sich beide Sopranistinnen effektreich als Zugaben auf: Mit dem androgynen Charme einer Marlene Dietrich, dem sich der ihr zu Füßen kniende grüblerische Christian Thielemann ebenso wenig entziehen kann wie der von ihr umgarnte staunende Konzertmeister, gestaltet Denoke ihr nur vom Klavier begleitetes Solo "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben" (Oscar Straus). Ana Maria Labin entfaltete den Lehár- Evergreen "Ich bin verliebt" mit anrührendem mädchenhaften Liebreiz.
Es ist indes der polnische Tenor Pjotr Beczala, der diesem Abend in sängerischer Hinsicht Glanzlichter aufsetzt. Mit lyrischem Schmelz und Charisma gibt er den perfekten Charmeur. Seine besondere Delikatesse sind feinste, im Kopftonregister angesetzte Pianotöne ("Gern hab‘ ich die Fraun geküsst"). Daran zeigt sich, dass er sein feines Ohr an großen Vorbildern wie Fritz Wunderlich oder Nicolai Gedda geschult hat, verstehen sich doch unter seinen Kollegen nicht allzu viele auf eine solch exklusive Technik.

Und Christian Thielemann? Er serviert die oft zu Unrecht als seichte Kost belächelten Schmankerln exquisit wie auf einem Silbertablett, balanciert stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen Gefühl, Sentiment und Frivolität, führt seine Sächsische Staatskapelle und den Sächsischen Staatsopernchor in bester Champagnerlaune durch schwungvolle Zigeunermärsche und prickelnde Walzerfolgen. Am schönsten sind wie so oft in Thielemann-Konzerten die Momente, wenn es ganz leise wird und die stark entschleunigte Musik fast zum Stehen kommt. Bravi, Ovationen für einen rundum stimmungsvollen Jahresausklang!

Kirsten Liese

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