SWR-Sinfonieorchester

Opernkritik: SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

Dringlichkeit des Musizierens

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter François-Xavier Roth Foto: SWR

Ein halbes Jahr vor der Fusion präsentiert sich das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter seinem Chefdirigenten François-Xavier Roth in Bestform
Von Georg Rudiger
(Freiburg, 20. Dezember 2015) Geradezu manisch schraubt sich die Solovioline am Ende des Kopfsatzes von Jean Sibelius‘ Violinkonzert in die Höhe. „Con tutta forza“ – mit aller Kraft – steht in der Partitur. Christian Tetzlaff arbeitet sich ab an diesen Tonleiterketten und Doppelgriffen. Der Bogen kratzt, die Spitzentöne sind grell. Das SWR Sinfonieorchester bettet den Solisten nicht weich, sondern sorgt mit scharfem Blech und wuchtigen Streichern für einen massiven, kantigen Sound, gegen den sich der Solist behaupten muss. Im Gespräch mit der SWR-Redakteurin Lydia Jeschke vor dem Konzert hatte Tetzlaff dieses Satzende als Wutanfall bezeichnet. Und von der Dringlichkeit des Musizierens gesprochen – die er beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter seinem Chefdirigenten François-Xavier Roth angesichts der bevorstehenden Fusion mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart im Sommer 2016 erlebt.
Wenn Peter Eötvös am 22. September 2016 in der Stuttgarter Liederhalle das erste Konzert des dann fusionierten SWR-Symphonieorchesters mit Dienstsitz Stuttgart leitet, dann beginnt für den Sender und das Publikum eine neue Zeitrechnung. Rund 80 Konzerte wird das fusionierte Orchester in seiner ersten Spielzeit geben und drei internationale Tourneen durchführen. Die Abonnementreihen in Stuttgart und Freiburg mit zehn verschiedenen Konzertprogrammen werden beibehalten, wobei in Stuttgart jeweils zwei Konzerte stattfinden. Freiburg erhält vier einwöchige Residenzen, in denen vor allem Vermittlungsarbeit geleistet und Konzerte in kleinerer Besetzung gegeben werden sollen. Mit Kaija Saariaho und Gustav Mahler stehen in der ersten Saison zwei Komponisten im Mittelpunkt. Für die Wahl eines Chefdirigenten will man sich Zeit lassen. Unter den Gastdirigenten befinden sich mit Christoph Eschenbach, Ingo Metzmacher, David Zinman und Philippe Herreweghe bekannte Persönlichkeiten, wobei auch junge Dirigenten wie David Afkham und Jakub Hrusa engagiert wurden. Der Schwerpunkt Neue Musik ist mit knapp vierzig Werken, darunter zwölf Uraufführungen, erhalten geblieben.
„Weder sind die schlimmsten Befürchtungen eingetreten, dass für das neue Orchester nur drittklassige Gastdirigenten gewonnen werden können, noch gehen manch vollmundige Ankündigungen und Stuttgarter Träume in Erfüllung, dass nun alles besser, schöner und größer wird“, kommentiert Frank-Michael Guthmann, Orchestervorstand und Solocellist des SWR-Sinfonieorchesters, die erste Spielzeit. „Insgesamt muss man unter den gegebenen Bedingungen wohl zufrieden sein, gerade auch weil die Neue Musik weiterhin einen großen Stellenwert haben wird.“ Die schwierigen Tarifverhandlungen konnten inzwischen abgeschlossen werden. Die Deutsche Orchestervereinigung hat der vom Sender gewünschten häufigeren Teilbarkeit des Klangkörpers für den Zeitraum von fünf Jahren zugestimmt. Das bisher nur mündlich gegebene Versprechen von Intendant Peter Boudgoust, es werde keine Kündigungen geben, wurde bis 2023 tariflich abgesichert.
Dass nun alles glatt laufen wird, ist aber nicht zu erwarten. Durch die Fusion gibt es statt zwei alternierender Konzertmeister deren vier, die statt der auf dieser Position üblichen 50 nur 25 Prozent Dienst tun. Auch bei vielen Bläserregistern wie den Trompeten, Klarinetten, Hörnern und Fagotten wird es voraussichtlich vier Solo-Stellen geben und nicht zwei wie am Ende des Fusionsprozesses. Je nach Stimmgruppe müssen manche Musiker bei gleicher Bezahlung viel häufiger Dienst tun als andere – über Jahre und vielleicht Jahrzehnte hinweg. Das ist nicht gerade günstig für das Betriebsklima. Ob das fusionierte SWR-Symphonieorchester in ein bis zwei Jahren an der Spitze der nationalen Orchester ankommen wird, wie Johannes Bultmann, künstlerischer Gesamtleiter der SWR-Klangkörper und Festivals, in einem Interview Anfang 2013 selbstbewusst verkündete, scheint fraglich. Offene Stellen werden gestrichen und nicht wie bei der Konkurrenz mit den besten Talenten besetzt, bis die Zielstellenzahl von 119 erreicht ist. Das Durchschnittsalter der Orchestermitglieder wird so immer höher. Und warum sollte nach all den Vertrauensbrüchen und den vielen konkreten Problemen nun schnell zusammenwachsen, was nie zusammengehörte? 
Das Niveau des SWR Sinfonieorchesters in seiner letzten Spielzeit, die einer langen Abschiedstournee mit Stationen bei renommierten internationalen Festivals wie dem Musikfest Berlin, dem Lucerne Festival oder dem Festival d’Automne Paris gleicht, ist nach wie vor hoch. Musikalisch hat sich der nervenaufreibende und letztendlich frustrierende Fusionsprozess zumindest bis jetzt noch nicht negativ auf die Spielkultur ausgewirkt. Die gemeinsame Interpretation des Sibelius-Konzertes gleicht im ausverkauften Freiburger Konzerthaus einem Naturereignis. Wie einen Bogen spannt Tetzlaff seinen Körper, um die Energie zu stauen. Jede Melodie erkämpft er sich von neuem. Auf der G-Saite klingt seine Violine wie eine Bratsche. Auch die Streicher des Orchesters übernehmen diesen dunklen, pathosgetränkten Ton.  Das Finale wird zu einem wilden Ritt auf der Rasierklinge. Tetzlaff fährt bei den eruptiven Läufen volles Risiko. Dass es gelegentlich knirscht im Zusammenspiel mit dem Orchester, sorgt bei dieser fulminanten Interpretation für zusätzliche Reibung, aus der neue Funken schlagen.  Der letzte Fortissimoeinsatz des Orchesters ist ein echter Schocker, ehe sich die Spannung im Publikum in enthusiastischem Beifall entlädt. Tetzlaff bedankt sich dafür mit einer innigen Version der Sarabande aus Bachs Partita in d-Moll.
Claude Debussys selten gespielte Ballettmusik „Jeux“ fordert den Interpreten andere Fähigkeiten ab. Nicht dramatische Zuspitzung, sondern unendliche Differenzierung ist hier gefragt. Was das riesig besetzte SWR Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten hier an Klangfarben kreiert, ist unerhört. Der meist gedämpfte, flexible Streicherklang wirkt wie ein Weichzeichner. Hell, transparent, elegant klingt diese Musik. Auch Schönbergs opulente symphonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ (1905) ist ständig im Fluss. Hier wird das Farbenspiel zur Explosion. François-Xavier Roth sucht die Extreme. Auf die Idylle folgen Panikattacken. Die  emotionalen Eskalationen in dieser Dreiecksgeschichte zwischen Melisande, ihrem Ehemann Golaud und dem Liebhaber Pelleas werden vom Orchester in mal verführerische, mal beängstigende Klänge verwandelt. Als Zugabe gibt’s den Schweinemarsch, um die düstere Aussicht auf die Fusion wenigstens für einen Moment aufzuhellen. Roth bittet Zuhörer auf das Dirigentenpodest. Und diese bewältigen ihre Aufgabe mindestens so gut wie die Fußballspieler des SC-Freiburg, die das gleiche Werk einmal bei einem Probenbesuch dirigieren durften. Auch der Fußballverein und sein Präsident Fritz Keller hatten wie die gesamte Region für einen Erhalt des SWR-Sinfonieorchesters gekämpft. Es war ein Kampf gegen Windmühlen.


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