Susanna Mälkki

Konzertkritik: Chamber Orchestra of Europe

Das Orchester lodert

Susanna Mälkki Foto: Agentur/Simon Fowler

Viktoria Mullova und das Chamber Orchestra of Europe unter Susanna Mälkki mit dem Brahms-Konzert, Haydn und Schönberg zu Gast in Köln
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 17. Dezember 2014) Zwischenbeifall – ein Thema, das spaltet. Manche Musikfreunde empfinden ihn als Sakrileg, und häufig genug wird bei Konzerten, vor allem bei Liederabenden, ausdrücklich darum gebeten, von Applaus innerhalb eines mehrteiligen Werkes oder zwischen Werkgruppen Abstand zu nehmen. Doch hin und wieder zündet eine Interpretation dergestalt, dass es einfach in den Fingern juckt. In der Kölner Philharmonie wurde kürzlich Jean-Yves Thibaudet für sein funkelnd serviertes Gershwin-Konzert in F (Gürzenich-Orchester unter Gilbert Varga) solcherart gefeiert. Wenige Tage später erlebte Viktoria Mullova die gleiche Akklamation beim Violinkonzert von Johannes Brahms (Chamber Orchestra of Europe unter Susanna Mälkki). Auch hier war die Spontanreaktion des Publikums eine Eruption spontaner Begeisterung.

Das Brahms-Konzert wurde nicht gerahmt, sondern bildete den kompletten Nachpausen-Teil des Abends. Das Werk entstand in den gleichen glücklichen Sommermonaten des Komponisten wie auch die lichtdurchflutete zweite Sinfonie (kaum von ungefähr die gleiche Tonart D-Dur). Wenn das Konzert auch musikalisch entspannt wirkt, in technischer Hinsicht ist es dies keinesfalls. Joseph Joachim, der es am Neujahrstag 1879 in Leipzig zur Uraufführung brachte (Brahms dirigierte das Gewandhaus-Orchester), wetterte sogar gegen die spieltechnischen „Zumutungen“, ohne freilich bei seinem Freund Gehör zu finden, obwohl dieser um geigerische Ratschläge gebeten hatte. Doch an seiner Konzeption gedachte er nicht zu rütteln. Bereits die aufwärts schäumenden Tonkaskaden des Solobeginns markieren die spieltechnischen Ansprüche, welche sich später in Oktavsprüngen, heiklen Doppelgriffen u.a. wiederholen, teilweise sogar steigern.

Viktoria Mullova meisterte die Herausforderungen bravourös, ohne Momente des Virtuosen vordergründig auszustellen. Bei ihrem sicheren Bogenstrich vermochte die Musik stets noch zu atmen. Beim Adagio konnte man aufgrund solch disziplinierten, kontrollierten Spiels vielleicht ein gewisses Maß an Weichheit und Süße vermissen, aber Emotionen kamen deswegen nicht zu kurz. Allerdings hatte zuvor der Solooboist des Orchesters, Kai Frömbgen, die Hauptmelodie des Satzes mit seinem traumhaft schönen, ätherischen Spiel geradezu paradiesisch schön intoniert. Im Finale fanden Solistin, Orchester und Dirigentin besonders nachdrücklich zu einem Spiel wie auf einem Atem zusammen. Viktoria Mullova wählte Bach als Zugabe. Was anderes hätte dem Brahms-Konzert auch noch folgen können?

Das Zusammentreffen von zwei Frauen auf dem Konzertpodium in führender Position ist nichts eigentlich Sensationelles, aber noch immer etwas ungewöhnlich. Die Finnin Susanna Mälkki gehört (neben Simone Young, Marin Alsop und einigen anderen) zu dem überschaubaren Kreis von Pultmatadorinnen. Mit ihrer grazilen Gestalt und ihrem herzlichen Wesen wirkt sie freilich nicht als eine solche, auch wenn ihre Weisungen von kraftvoller Gestik (kein Taktstock) bestimmt sind. Joseph Haydns “Feuer-Sinfonie“ (Hob. I:59), Introduktion des Abends, konnte man fast als Visitenkarte ansehen. Eine lodernde Musik, die gleichermaßen angestachelt und gebändigt werden will. Das tat Susanna Mälkki mit autoritativer Zugewandtheit. Damit erlebte man Haydn einmal mehr als einen Komponisten, der im fernen Esterházy-Schloss musikalische Abenteuer wagte, vor denen er sich an zentraleren Fürstenhöfen wahrscheinlich gescheut hätte. Das wunderbare Orchester loderte.

Arnold Schönberg hatte zu Brahms ein besonderes Verhältnis, bewunderte seine kompositorische Disziplin und Fantasie. Indem er sich immer wieder gerne auf ihn und das 19. Jahrhundert berief, hat er seinen Zwölfton-Schritt wohl nie so radikal gesehen, wie er noch heute vielfach empfunden wird. Seine zu Beginn des 20.Jahrhunderts entstandene Kammersinfonie Nr. 2 (noch mit Tonartenbezeichnung – es-Moll) lässt retrospektive Momente deutlich spüren. Das mitunter erstaunlich leichtfüßige Werk erfuhr unter den Händen Susanna Mälkkis bezaubernde Luzidität. Ihre Zusammenarbeit mit dem Chamber Orchestra of Europe war übrigens ein Debüt, wie sie in dieser Spielzeit auch in den USA (New York, Cleveland, Philadelphia) wichtige Entrées absolviert(e).

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