Süchtigmachend

Süchtigmachend

Jérôme Ducros, Philippe Jaroussky Foto: Silvia Lelli

Französische Lieder mit Countertenor Philippe Jaroussky bei den Salzburger Festspielen
(Salzburg, 27. August 2010) Er ist wahrlich nicht der erste Countertenor, der sich jenseits der Barock-Oper – oder der zeitgenössischen Musik – dem intimem Lied-Repertoire des 19. oder 20. Jahrhundert widmet, aber Philippe Jaroussky steht mit den französischen "Mélodies" seiner Heimat doch auf einem einsamen Gipfel, den ihm derzeit niemand streitig machen kann. Vor anderthalb Jahren ist seine CD "Opium" mit Liedern eines Reynaldo Hahn, Cécile Chaminade, Ernest Chausson, Jules Massenet, Vincent d’Indy oder César Franck erschienen, jetzt bewies Jaroussky – wieder mit Jérôme Ducros am Flügel – welchen Zauber diese Lieder gerade live und im intimen Rahmen des Mozarteums entfalten können und wie man danach süchtig wird.
Noch immer gibt es Musikliebhaber, die meinen, Countertenöre hätten in ihrer Stimme keine Farben und würden immer irgendwie angestrengt und scharf klingen. Jaroussky straft sie mit seiner ungemein flexiblen, wunderbar timbrierten Stimme mit 20 Liedern – und drei großartigen Zugaben – auf unwiderstehlich charmante Weise Lügen. Diese eigentümlichen Lied-Gewächse – raffiniert changierend zwischen leichtem Chanson, melancholischem Sich-Verströmen und wild wirbelndem Virtuosenstück – wie "Tournoiement ‚Songe d’opium’", das der CD den Namen gab – finden in Jarousskys heller, verführerisch zarter, modulationsreicher und auf eigentümliche Weise erotischer Stimme mit dem ganz gewissen "Thrill" das ideale Ausdrucksmittel. Unnachahmlich, wie der Franzose mit den russischen Wurzeln die Grazie und die Abgründigkeit dieser Lieder schwerelos und doch mit vielen Schattierungen auslotet.
Zwar folgt das Konzert einer anderen Dramaturgie als die CD, aber Jaroussky und der am Flügel enorm lebendig und plastisch mitgestaltende Jérôme Ducros enden CD wie das offizielle Konzert mit Reynaldo Hahns "L’heure exquise" und lassen dessen letztes Wort – zu deutsch: "erlesen" – im pianissimo der Höhe wie eine fortdauernde Verheißung im Raum verklingen. Mit einem immer virtuoseren, zunehmend koloraturengesättigten Lied von Pauline Viardot und einem nun mit zwei Stimmen – also auch einem durchaus klangvollen Bariton! – gesungenen Lied des Programms sowie einer zarten spanischen Barcarole folgen denn auch noch drei "Encores", die in euphorischem Beifall und stehenden Ovationen münden.
Klaus Kalchschmid 
Dieser Text ist kostenlos für Sie, er ist aber nicht ohne Kosten entstanden.

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