Streiflichter aus Wien

Wiener Melange

Plácido Domingo als Pablo Neruda am Theater an der Wien Foto: Art Streiber

Musikalische Streiflichter aus Wien

(Wien, im Dezember 2010) In der Musikstadt Wien hat man auch heute noch (fast) tagtäglich die klassische Qual der Wahl. Auch wenn unter ganz strengen Gesichtspunkten natürlich die Qual früher einmal größer gewesen sein mag: Heuer begann der letzte Teil der Qual mit der Frage: Grigory Sokolov oder Don Giovanni? Ein Solo­abend, dessen Pro­gramm man zur Hälfte schon aus dem Salzburger Sommer zu kennen glaubt, oder eine (hoffentlich) neue Sicht auf einen alten Bekannten, der in der Hölle landet? Davor aber, am Nachmittag, lud Esa-Pekka Salonen zum Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker, mit seinem eigenen Klavier­konzert (souveräner Solist: Yefim Bronfman), einem Werk, dem man geneigt ist, amerikanische, französische und nordische Einflüsse zuzuge­ste­hen, sehr farbig, sehr dicht, teilweise geradezu undurchdringlich. Nach der Pause dann eine sehr dynamische, mo­derne, in die Zukunft blickende Zweite Symphonie von Sibelius. Die Philharmoniker nutzten die Gelegenheit, zu beweisen, dass sie um vieles besser und aufgeschlossener sind als ihr Ruf: Das klang so gar nicht nach Wabber-Norden und ewigem Wäldersingen. 

Sokolov spielte Bachs c-moll-Partita unwirscher als in Salzburg – aber mit wieviel variantreichem, tänzerischem, leichtem Elan! Kontrastreich Brahms´ Fantasien op. 116 und die neu ins Programm genommenen Schumann-Kom­po­sitionen, die B-Dur-Humoreske op. 20 und die Vier Klavierstücke op. 32. Auch die Zugaben – allesamt von Couperin und Chopin – sind aus langem Grübeln entstanden, selbst im Pianissimo noch durchdacht gemeißelte Poesie.
Wechsel in die Staatsoper: Daß Don Giovanni ein Schlawiner ist, weiß man seit den 1780er-Jahren. Jean-Louis Marti­notys  Produktion hat – die einheimische Kritik mag es im Durchschnitt nicht – französischen Charme, versucht den Text zu achten und hat (daher?) einige äußerst gescheite und unkonventionelle Regielösungen parat. Die sehr geschmackvolle Szenerie, die die alte Kulissen­ästhetik mit Stand-Pro­jektionen belebt, stammt von Hans Schavernoch. Ein in Maßen brutaler Don Giovanni (Ildebrando d´Arcangelo), ein frecher Leporello (Alex Exposito), ein Komtur (Albert Dohmen), der vor 20 Jahren noch selbst die Titelpartie gesun­gen hat und nun mit geschwärzter Stimme den Komtur gibt, und ein stimmlich souveräner Don Ottavio (Saimir Pirgu), der – natürlich in der handelsüblichen Mischfassung – alle Farben ausspielen darf, zählen zu den Pluspunkten der Aufführung.
Schwachpunkte waren in den ersten beiden Aufführungen – wie so oft – die beiden großen Frauenpartien. Die musikalische Bilanz fiel insgesamt etwas gemischt aus. Franz Welser-Möst, der als neuer Generalmusikdirektor die Produktion betreut, schlug im Durchschnitt gefällige, nie schleppende Tempi in einigermaßen richtigen Relationen ein. In den Anfangstakten der Ouvertüre freilich triumphierte – wie so oft – die Laut­stärke über Kraft und Nachdruck, ehe im weiteren Verlauf das Orchester – selbst mit den Philharmonikern funktio­niert das nur partiell – an die Grenzbereiche des nur noch gehudelt Machbaren geführt wurde.

Das Gegenteil davon – wenn man das so ausdrücken kann – regierte bei der Wiederaufnahme des "Rosenkavalier":  Auf bittersüßen Neuglanz gebrachter Zuckerguß im Szenischen, und Generallärm aus den Graben. "Laut, laut, überall laut" würde Hans Sachs da wohl sagen, wenn man ihn ließe. Asher Fisch deckt von den ersten Takten des Vorspiels an die Sänger kräftigst zu. In der von Otto Schenk selbst betreuten Restaurierung der Produktion vom April 1968 dominie­ren die Frauen (Adrianne Pieczonka als melancholische Marschallin, Ileana Tonca als herzig-mädchenhafte Sophie und – mit Abstrichen – Stephanie Houtzeel als leider wort­undeutlicher Komponist.)
Der neue Staatsoperndirektor Dominique Meyer läßt sich in seinem Opern-Renovier-Kurs von solchen kleinen Unbilden nicht beirren: Im Haus am Ring wird mehr und gründlicher geprobt als vor seiner Zeit. An den Aufbau eines Mozart- und Strauss-Ensembles glaubt er so fest, wie er vorhat, das Reper­toire-System auf Glanz zu bringen. Vielleicht ist das ja wirklich eine mögliche Antwort auf die Unsitten des heutigen Opernbetriebs, der Sänger "ausqetscht", um sie nach wenigen Jahren wieder wegzuwerfen. Man sollte den freundlichen Eifer, in dem an der Staatsoper das Gegenteil davon betrieben wird, nicht unter­schätzen.

Oper ist eben ein schwieriges Metier, in dem neben den Sängern auch die ste­tige, nachhaltige Qualität der Dirigenten und Szenenzauberer von Belang ist. Volltreffer zu landen fällt auch der Volksoper schwer. Denoch steht sie in der Publikumsgunst hoch im Kurs. Warum das so ist, ist nicht immer leicht zu ergründen, auch nicht nach der neuesten Premiere, Otto Nicolais "Lustigen Weibern von Windor". Hier tritt bekanntlich ein Herr Bach auf; in der Volks­oper spielt er mit Johann-Sebastian-Perücke sogar selbst Klavier. Im übrigen lebt auch diese Produktion eher von der Musik – es dirigiert der junge Sascha Goetzel, Sohn eines philharmonischen Geigers, mit italiano-österreichischem Esprit und feinem romantischen Weichzeichner – als von der Inszenierung (Alfred Kirch­ner), die nebst einem witzigen Gartenzwerg-Einfall in einige Rein­fallen tappt. Nebst Sir Johns Privathaserl gibt’s einen VW-Bus und Baron Richthofens Doppeldecker als szenischen Aufputz. Gesungen wird jedoch auf durchgängig hohem Niveau. Das ist an der Volksoper nicht immer so.

An Wiens Stagione-Opernhaus, dem Theater an der Wien, jedoch schon. Dort war "Il Postino" (fast) in der Uraufführungsbesetzung von Los Angeles zu sehen, mit dem – welch eine Untertreibung – unverwüstlichen, fast siebzigjährigen Placido Domingo als Pablo Neruda. In jeder Beziehung ein Ausnahmekünstler, absolvierte er am letzten Tag der Auffüh­rungsserie die insgesamt 3500te Vor­stellung in seiner Opernkarriere.
Und die Oper selbst? Man würde es sich zu leicht machen, täte man die in sehr professioneller, daher etwas glatter Regie (Ron Daniels) ausgeführte Produk­tion als seichtes musikalisches Spektakel ab. Auch der mexikanische Komponist Daniel Catán ließe sich leicht als zu spät gekom­me­ner Puccinist verunglimpfen. Dann müßte man freilich auch Giancarlo Menotti und viele zeitgenössische amerikanische oder mexikanische Kompo­nisten zu nichtsnutzigen Dilettanten erklären. Natürlich ist die "Postino"-Musik in weiten Passagen plakativ, und bis zum Ende des 2. Aktes trabt sie musi­cal­haft der Handlung hinterher. Aber am Schluß löst sie sich von der Nacher­zählung des bekannten Films und schwingt sich zu eigener, beachtlicher  Qualität auf. Nur: Für europäische Gegenwarts­musik-Ohren hört sich das eben über weite Strecken wie harmloser Pseudo-Neo-Verismo an. Die amerikanischen Komponisten waren im ganzen 20. Jahrhundert näher am Ohr des Publikums als die europäische Avantgarde, schrieben zugänglicher, eingängiger, volksnäher, kompromißbereiter.

Und was gibt es demnächst in Wien? Die Wiener Philharmoniker werden das Neu­jahrs­konzert mit Franz Welser-Möst, dem Generalmusik­direk­tor der Wie­ner Staatsoper, absolvieren, wie immer mit einem Potpourri aus bekannten und unbekannten Werken der Familie Strauß. Für das Besondere sorgt diesmal der Zufall: Der Dirigent ist ein direkter Nach­fahre jenes Ferdinand Dommayer, in dessen "Casino" in Hietzing Johann Strauß Vater und Josef Lanner zum Tanz aufspielten, und 1844 Johann Strauß Sohn sein öffentliches Debüt als Dirigent gab. Das Programm enthält daher Werke, die im Dommayer-Casino uraufgeführt wurden.
Zweiter Schwerpunkt: Welser-Möst hat sich in seiner Züricher Zeit Verdienste um die Wiederentdeckung der in Vergessenheit geratenen "Simplicius"-Operette von Johann Strauß Sohn er­worben. Der dritte gruppiert sich um den Mephisto-Walzer von Franz Liszt, dessen 200. Geburtstag 2011 zu feiern ist. Und dann gibt es noch einen Gruß an Spanien – u.a. mit einem feurigen Zigeunertanz von Joseph Hellmes­berger -, der sicherlich nicht als Hommage an jene Immobilien-Spekulanten gedacht ist, die Spanien die aktuellen Probleme eingebrockt haben. (Die Abzocker-Polka ist noch nicht zu Ende geschrieben.)
Auch die Wiener Festwochen haben ihr Programm für 2011 vorgestellt, mit einigen pfiffigen Ideen fürs Schauspiel und einer weniger pfeffrigen Nicht-Koor­dination zwischen dem Programm des Musikfestes im Konzerthaus ("Mahler und Amerika") und den Opernaufführungen (Verdis "Rigoletto" in der Regie von Luc Bondy, Iannis Xenaxis‘ "Oresteia" und der Uraufführung eines neuen Beat Furrer-Stückes ("Wüstenbuch", inszeniert von Christoph Marthaler).
Nun ja, vielleicht ist ein Übermaß an Programmdramaturgie eh des Guten zu viel und man sollte sich auf eine hoffentlich neue Verdi-Deutung, Xenakis schrille Tragödie und Furrers sensible Wüstenmusik konzentrieren.

Derek Weber  

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