Strawinsky in Aix-en-Provence

Foto: Pascal Victor

Die Verführbarkeit des Menschen

Strawinskys „The Rake‘s Progress“ bei den Festspielen Aix-en-Provence

Von Georg Rudiger

(Aix-en-Provence, 5. Juli 2017) Ein weißer, kahler Raum. Hier liegt Tom Rakewell zu Beginn von Igor Strawinskys „The Rake‘s Progress“ am Boden und wird von seiner treuen Verlobten Ann Truelove besucht. Am Ende der Oper kehrt das Bild wieder. Nach einem bewegten Leben landet der gescheiterte Glückssucher in der Psychiatrie. Das Schlaflied, das Julia Bellock als Ann mit ihrem klaren, schlackenlosen Sopran singt, wird beim Musikfestival in Aix-en-Provence zum Grabgesang. Dazwischen erzählt Regisseur Simon McBurney im Innenhof des erzbischöflichen Palais vom Aufstieg und Fall des Rastlosen, dem der lyrische, über eine ganz unangestrengte Höhe verfügende Tenor Paul Appleby auch ganz zarte Züge verleiht.

Zu Beginn ist die Welt noch in Ordnung. Die Liebe zwischen Tom und Ann erhält durch ein projiziertes Landschaftsgemälde im Hintergrund fast pastorale Züge (Video: Will Duke). Der Wechsel von Farbe zu Schwarz-Weiß deutet aber schon an, dass diese Idylle gefährdet ist. Mit dem Auftritt des teuflischen Verführers Nick Shadow (mit Eleganz und Stehvermögen: Kyle Ketelsen), der ihm eine reiche Erbschaft in London verspricht, kommt die neoklassizistische Nummernoper, zu der Igor Strawinsky durch den Bilderzyklus „Das Leben eines Wüstlings“ des englischen Malers William Hogarth (1697-1764) angeregt wurde, in Gang.

Foto: Pascal Victor

Julia Bellock und Paul Appleby Foto: Pascal Victor

Nick Shadow schlitzt die weiße Bühnenleinwand mit einem Messer auf, um zu Tom Rakewell zu gelangen. Im Laufe des Abends kommen viele weitere Löcher hinzu, die wie Wunden klaffen und von den Verletzungen erzählen, die das aufregende Leben zwischen Bordell, Börse und seiner bärtigen Braut Baba the Turk bei ihm hinterlassen haben. Regisseur Simon McBurney verlagert die Geschichte in einen Wolkenkratzer im modernen London. Der virtuose Bilderbogen (Ausstattung: Michael Levine, Kostüme: Christina Cunningham) in den Projektionen bleibt bei dieser Koproduktion mit der Niederländischen Nationaloper Amsterdam nah am Libretto. Die Regie widmet sich der Verführbarkeit des Menschen ohne moralischen Zeigefinger. Der Open-Air-Zuschauerraum im Théâtre de l’Archevêché wird immer wieder als Bühne mit einbezogen, was besonders bei den Auftritten des Chors (mit vokaler und darstellerischer Präsenz: The English Voices/Tim Brown) zusätzliches Tempo schafft. Altus Andrew Watts als bärtiges Glamourgirl Baba the Turk ist schön schräg und verstärkt den Showcharakter der Produktion.

Die musikalische Interpretation des Orchestre de Paris hat bei dieser Oper ebenfalls die notwendige spielerische Leichtigkeit, auch wenn es gerade in den Holzbläsern bei den Tuttieinsätzen hin und wieder klappert. Der für Daniel Harding eingesprungene Eivind Gullberg Jensen hält unaufgeregt die Fäden zusammen und führt das durchsichtig klingende Orchester und die herausragenden Solisten (auch Alan Oke/Sellem, David Pittsinger/Trulove und Hilary Summers/Mother Goose brillieren) bis zum letzten Takt um 1 Uhr nachts souverän durch die mal verspielte, mal verfremdete Partitur. Und wenn der Sternenhimmel auf der Bühne mit dem echten über den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer korrespondiert, dann entfaltet das Musikfestival in Aix-en-Provence einmal mehr seinen besonderen Zauber.

Internationales Musikfestival in Aix-en-Provence mit insgesamt fünf szenischen Opernproduktionen, noch bis 22. Juli 2017. festival-aix.com

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