Strauss-Biographie

Hellgold und tiefschwarz

Bryan Gilliams Strauss-Biographie ist ein lesenswerter Beitrag zum Strauss-Jahr
Von Robert Jungwirth

Es war eines der bittersten Ereignisse im Leben des Richard Strauss, als im Juni 1929 sein Librettist Hugo von Hofmannsthal plötzlich und völlig unerwartet an einem Schlaganfall starb – zwei Tage nachdem sich Hofmannsthals Sohn selbst getötet hatte. Kurz davor hatte Strauss noch ein Telegramm an den Dichter geschickt, in dem er sich überschwänglich für die Texte für seine neue Oper „Arabella“ bedankte. Eine 20-jährige, enorm fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und dem Schriftsteller – über alle menschlichen Unterschiede hinweg – wurde damit jäh beendet. Strauss war von dem Verlust so tief getroffen, dass es ihm nicht einmal möglich war, an der Trauerfeier in Wien teilzunehmen. In den folgenden Monaten habe sich Strauss zunehmend isoliert, ja orientierungslos gefühlt, schreibt Bryan Gilliam. Strauss sei überzeugt gewesen, seine Karriere als Opernkomponist sei jetzt vorbei. Und doch stürzte sich Strauss schon bald danach wieder in die Arbeit an eben dieser „Arabella“, deren Text von Hofmannsthal nicht mehr vollendet werden konnte.

Diese Ambivalenz von äußeren Widrigkeiten und Schwierigkeiten und innerer Hingabe an die Arbeit war typisch für Richard Strauss. Sie ist auch der Grund für die von vielen mit größtem Unverständnis quittierte Tatsache, dass Strauss auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs in Deutschland an einer Oper arbeiten konnte, die der Frage nach dem Primat von Musik oder Text in der Oper nachgeht: „Capriccio“.
Komponieren war für Richard Strauss Lebenselixier und es half ihm bis zuletzt über innere und äußere Schwierigkeiten hinweg. Und davon gab es zahlreiche im langen Leben des Richard Strauss, ungeachtet seines weltweiten Ruhms. Ja, man ist fast geneigt, zum Teil von einem tragischen Leben zu sprechen, das dieser frühvollendete, so überaus produktive Komponist seit Beginn des 1. Weltkriegs zumindest teilweise zu erdulden hatte. Je mehr Strauss sich nämlich vom äußeren Leben zurückziehen wollte, umso mehr Schwierigkeiten bekam er mit eben diesem. So hätte Strauss‘ rastlose Tätigkeit als Dirigent ihm etwa ab 1915 ein finanziell unabhängiges Leben als Komponist ermöglichen sollen – so der Plan. Das dafür ergesparte Vermögen hatte Strauss bei einer Londoner Bank deponiert. Nach dem Eintritt Englands in den Ersten Weltkrieg wurde es konfisziert, und Strauss musste weiterhin als Operndirektor in Berlin und dann in Wien arbeiten. Er, dessen vorrangiges Ziel es war, für sich und seine Familie ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen, musste während des Zweiten Weltkriegs im Alter von Mitte 70 ohnmächtig um das Leben seiner jüdischen Schwiegertochter und seiner beiden Enkelkinder bangen. Trotz seiner weltweiten Bedeutung und dem Nutzen, den die Nazis daraus zogen, war es ihm nicht gelungen, eine verbindliche Zusage der Machthaber zum Schutz seiner Familie zu erwirken. Im Gegenteil. Obwohl Strauss mit dem NS-System teilweise kollaborierte – ohne freilich je mit der Ideologie der Nazis konform zu gehen – wurde er von Goebbels niedergebrüllt, als er es wagte, für seine Interessen einzutreten. [nächste Seite]

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