Stockhausen Mixtur

Stockhausen vorwärts und rückwärts

Stockhausens „Mixtur“ zur Eröffnung des musica viva festivals
(München, 25. Januar 2008) Am Anfang war das Schaben. Und das Kratzen. Metall auf Metall, ungefähr so unangenehm wie Fingernägel auf der Tafel. So beginnt Karlheinz Stockhausens „Mixtur“. Eine unbelebte, unwirtliche Welt wird da Klang, mit entkernten Tönen, wie Häuser, von denen nur mehr die Fassaden stehen, „Klangskelette“ nannte sie Stockhausen selbst. Zwei Töne hintereinander oder ein Glissando wirken in einem solchen Kontext schon wie eine Melodie. Klänge von traditionellen Orchesterinstrumenten und solche von elektronischen Geräten erzeugte beginnen einen eigentümlichen Dialog, ergänzen sich, stoßen sich ab. Den fünf Instrumentalgruppen des Symphonieorchesters des BR (die Gruppen sind durch farbige T-Shirts der Musiker gut unterscheidbar) sind vier Sinusgeneratorspieler, vier Ringmodulator-Spieler und ein Klangressigeur zugesellt. Letztere mischen das Orchester gehörig auf, verfremden, was aus der Geige oder dem Kontrabaß tönt, zu einem zischenden und surrenden Gebraus.
1964 hat Stockhausen Mixtur komponiert, 2003 hat er sich das Werk nocheinmal vorgenommen und überarbeitet. In den 50er und 60er Jahren waren seine Werke Pioniertaten auf dem Gebiet der elektronischen Musik und beeinflussten auch Musiker des Pop. Heute wirkt das Pfeifen und Fiepen der Sinusgeneratoren etwas überkommen, die Imaginationskraft von Stockhausen für Unerhörtes aber ist ungebrochen faszinierend. Bishin zu der Idee, das Werk nach dem Erklingen noch einmal rückwärts erklingen zu lassen. Von der Komplexität einer Verzahnung von analogen und elektronischen Klängen zurück zum Schaben und Kratzen auf Metall. Das Symphonieorchesters des BR unter dem versierten Lucas Vis und dem untrüglichen André Richard als Klangregisseur, nicht zu vergessen den Herren des Freiburger Experimentalstudios für akustische Kunst verdeutlichten dies hochkonzentriert und intensiv.
Zwischen beiden Versionen von „Mixtur“ – also der Vorwärts- und der Rückwärtsversion – eine Wiederbegegnung mit dem Tonbandstück „Gesang der Jünglinge“ aus dem Jahr 1956, eine Raumklangmusik, in der die Gesangstimmen einiger Tölzer Knaben durch allerlei technische Zaubereien verfremdet und neu montiert werden. Das Ergebnis ist eine spannende Collage, die auf ihre Weise eine Antwort des 20 Jahrhundert auf die historische Vokalpolyphonie formuliert.
Heinrich Grün

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