Steinbacher/Nagano

Konzertkritik: Steinbacher/Nagano

Feingliedrig

Arabella Steinbacher Foto: Peter Rigaud

Arabella Steinbacher führt mit den Göteborger Symphonikern unter Kent Nagano das Mendelssohn-Konzert in Köln auf
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 10. November 2015) Der Geigerin Arabella Steinbacher und dem Dirigenten Kent Nagano ist gemeinsam, dass sie japanische Wurzeln haben. Ihr sieht man das weniger an als ihm, eine aparte Fernost-Exotik prägt ihr Erscheinungsbild gleichwohl. Ohne krampfhaft nach weiteren Parallelen suchen zu wollen, darf vielleicht noch erwähnt sein, dass Arabella Steinbacher in München geboren wurde, der Stadt, in welcher Kent Nagano bis vor kurzem als GMD der Bayerischen Staatsoper wirkte, nicht nur glücklich, wie zu hören war. Seit dieser Spielzeit hat Nagano das gleiche Amt in Hamburg inne, mit den „Troyens“ von Berlioz hatte er einen weitgehend gelungenen Einstand. Außerdem leitet er noch das Orchestre symphonique de Montréal und nimmt eine Leitungsfunktion auch bei den Göteborger Symphonikern wahr. Naganos Vorgänger dort war übrigens Gustavo Dudamel.
Das jetzt in Köln zu hörende Programm präsentierte Nagano zuvor auch in München. Die Werkzusammenstellung war mehr als kommensurabel, sogar regelrecht bequem. Sinfonisches Ausruhen nach vergangenen und künftigen Herausforderungen, welche mit viel Engagement auch zeitgenössisches Schaffen berücksichtigt? Die Abfolge Sibelius „Finlandia“, Mendelssohn-Violinkonzert und die „Erste“ von Brahms – das ist ein arg kulinarisches Programm für Naganos Verhältnisse.
Auch wenn die nationale Selbstfindung Finnlands ein längst abgeschlossenes Kapitel darstellt, erinnerte die Interpretation von „Finlandia“ doch sehr emotional an Zeiten, als diese Identität noch nicht gesichert war. Sogar Sibelius fühlte sich als Schwede und war – wie die aktuelle Biografie von Volker Tarnow darlegt – nachgerade erschrocken darüber, dass zu seinen Vorfahren finnische Bauern gehörten. Mit „Finlandia“ wurde diese „Krise“ dann bereinigt, und heute gilt die eingängige Tondichtung geradezu als Nationalhymne. Wenn dann auch noch ein (von Sibelius zwar nicht vorgesehener, aber gerne akzeptierter) Chortext gesungen wird, fließt das Herz unweigerlich über.
Kent Nagano ließ vom Göteborger Orchester die Blechbläser-Introduktion gedehnt intonieren, gab weihevollem Pathos durchaus Raum. Das weitere musikalische Geschehen besaß neben lyrischem Verströmen viel dramatische Spannung, auch wenn die Trompetenstöße etwas schneidender hätten ausfallen dürfen.
Einiges von diesem Breitwandformat floss auch in die Brahms-Sinfonie ein, obwohl der relativ moderate Beginn andeutete, dass selbst gesteigerter Ausdruck nicht ins Kolossale gleiten würde. Das finale Intonieren des Chorals geriet allerdings extrem breit.
Umgeben von diesen musikalischen Katarakten erklang Mendelssohns bei aller Energie mozart-zierliches e-Moll-Konzert. Die schlanke Erscheinung der Geigerin schien sich in der Interpretation zu spiegeln: elegant, feingliedrig, im Finale mit kapriziösem Charme, der sich auch dank des sensibel begleitenden Orchesters mühelos entfalten konnte. Arabella Steinbacher ließ den Anfangssatz der Solosonate von Prokofjew als Zugabe hören. Vom Orchester bekam man zuletzt noch Griegs farbintensive „Morgenstimmung“ aus „Peer Gynt“ und einen rasanten schwedischen Tanz zu hören, womit wiederum der Bogen zu Schweden geschlagen war.

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