Stefanovic, Aimard, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Gefrorene Zeit

Pierre-Laurent Aimard Foto: Marco Borggreve

Pierre-Laurent Aimard, Tamara Stefanovich und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit Beethoven, Mozart und Ligeti
(Köln, 21. Oktober 2012) Pierre-Laurent Aimard ist derzeit in Köln sehr aktiv. Vor kurzem bestritt er eine Master Class an der Musikhochschule, wo er ja, wie auch in Paris, regelmäßig lehrt. Jetzt drei sehr unterschiedliche Konzertauftritte in der Philharmonie, die an dieser Stelle allesamt gewürdigt werden. Ein Liederabend mit Matthias Goerne konzentriert sich zwar ganz auf Klassik und Romantik, aber in seinem Solorecital am Ende dieses Monats kombiniert Aimard Robert Schumann und Claude Debussy mit Heinz Holliger: kontrastreiche Komponisten, unterschiedliche Epochen.
Der erste Abend zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gab Reibungen einen noch breiteren Raum. Mit seiner ehemaligen Schülerin Tamara Stefanovich (heute eine bevorzugte Partnerin und selber an der Kölner Musikhochschule lehrend) spielte Aimard im Wechsel Ludwig van Beethoven und Wolfgang Amadeus Mozart und stellte diesen Komponisten György Ligetis gegenüber. "Musikalische Wurzeln pflegen" und "mit Begeisterung neue Musik entdecken" – das waren und sind die Pole von Aimards künstlerischem Credo.
Zunächst stand das zeitgenössische Schaffen im Zentrum von Aimards Interesse und Tätigkeit. So wurde er beispielsweise einer der wichtigsten Interpreten für Olivier Messiaen, bei dessen Frau, Yvonne Loriod, er als junger Mensch studiert hatte. 18 Jahre lang war er fest eingebunden in das von Pierre Boulez 1976 ins Leben gerufene Ensemble intercontemporain. Eine besonders enge künstlerische Beziehung verband Aimard mit György Ligeti, dessen gesamtes Klavierwerk er auf CD eingespielt hat. In jüngster Zeit widmet sich der Pianist aber verstärkt dem traditionellen Repertoire (u.a. Einspielung sämtlicher Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven), so dass hier und da gemutmaßt wurde, er würde seiner einstigen "Mission" untreu. Man sollte das Nebeneinander von Alt und Neu aber wohl einzig als Offenheit und Neugierde werten, welche ein Einfrieren des musikalischen Blickwinkels verhindert und u.U. darüber hinaus konzeptionelle Parallelen oder Verwandtschaftliches im Ausdruck entdecken lässt. Allerdings verneint der Pianist, dass sich dies in seinem Spiel wirklich messbar niederschlägt.
Die beiden Ligeti-Werke zeigen ihrerseits, dass der ungarische Komponist sich immer wieder neu zu orientieren imstande war. Das "Cantabile" aus der in den frühen fünfziger Jahren entstandenen "Musica ricercata" ist ein noch einigermaßen tonal konturiertes Opus mit melodischen Formulierungen und ostinat spielerischer Begleitung (Aimard bestechend locker). Das gegen Ende der achtziger Jahre geschriebene Klavierkonzert befleißigt sich einer sehr viel raueren Sprache. In all dem spiegelt sich, so kann man wohl sagen, eine Ich-Findung Ligetis, dessen Stil(e) mitunter durchaus Kritik erfuhr(en). Für das Konzert hat der Komponist die Formulierung "Musik als gefrorene Zeit" gebraucht, und dieses Bild wurde von Tamara Stefanovich musikalisch exakt umgesetzt. Bei diesem Werk fungierte Aimard nur als Dirigent und führte das solistisch besetzte, bestens aufgelegte Orchester souverän durch das etwas spröde musikalische Geschehen.
Diese Interpretation kam beim teilweise sehr jungen Publikum (z.T. wohl aus dem Hochschul-Umkreis) ebenso an wie die der klassischen Konzerte. Die perlende, luzide Widergabe von Beethovens 2. Klavierkonzert durch Aimard ließ an die ganz anders geartete Aufführung des 5. Konzertes zwei Tage zuvor durch Kristian Bezuidenhout und das Freiburger Barockorchester zurückdenken, selbst wenn Non-Vibrato-Spiel die Klangkörper miteinander verbindet. Ganz entspannt gaben sich Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich bei Mozarts bereits leicht romantisch angehauchtem Doppelkonzert KV 365, welches die beiden mit der Camerata Salzburg unter Jonathan Nott auch im Studio aufgenommen haben. Aimard sieht sich und seine Kollegin eigentlich "sehr verschieden, was hoffentlich den Reichtum unserer Zusammenarbeit ausmacht". Trotz geringfügiger Anschlagsvarianten (Aimard um eine Spur kristalliner) glaubte man das Mozart-Konzert wie aus einer Hand zu hören.
Es macht immer wieder eine besondere Freude, die Deutschen Kammerphilharmonie Bremen mit ihrem gänzlich unroutinierten "Feuer-und-Flamme"-Spiel zu erleben. Dem Ligeti-Konzert begegnete das Orchester mit bewundernswert eiserner Energie. Aber das große Erleben rührte doch noch stärker von Mozart und Beethoven her. Deren Werke erfuhren so etwas wie eine Frischzellenkur. Man hörte zwar keine gegen den Strich gebürstete Interpretation, aber doch ein ungewöhnlich vitales und farbleuchtendes Spiel. Besondere Eindrücke: der körperdynamische Konzertmeister, der Oboer mit seinem melodisch wölbenden Spiel, die schwerelos intonierende Hörnergruppe. Insgesamt: ein Glück, welches noch lange nachwirken dürfte.
Christoph Zimmermann

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