Stefan Herheim stellt sich in Wien vor

Oper darf sich selbst nicht genug sein

Mit Stefan Herheim übernimmt einer der weltweit gefragtesten Opernregisseure ab der Spielzeit 2022/23 das Theater an der Wien. Jetzt hat er sich öffentlich zu seiner neuen Aufgabe geäußert – und geht mit dem Opernbetrieb hart ins Gericht

(Wien, 12. Dezember 2017) Der aus dem norwegischen Oslo stammende Regisseur Stefan Herheim inszeniert regelmäßig an Europas größten Opernhäusern, sein Repertoire spannt sich von der barocken Oper bis hin zum zeitgenössischen Musiktheater. Bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt wurde er dreimal zum „Regisseur des Jahres“ gewählt, u.a. für seine Inszenierung von Parsifal bei den Bayreuther Festspielen. 2022 übernimmt Herheim erstmals die Leitung eines Opernhauses.

„Mit großer Freude nehme ich mir die Verantwortung zu Herzen, um an diesem geschichtsträchtigen und zugleich jüngsten Wiener Opernhaus zu wirken“, sagte Stefan Herheim bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach Bekanntgabe seiner Intendanz am Theater an der Wien am 12. Dezember in der Donaustadt. „Oper ist mein Leben! Das Theater an der Wien wird mein zukünftiger Lebensmittelpunkt. Es gilt, die Sinnsuche fortzusetzen, die Publikum und Künstlern jene Heimat bietet, aus der alte Welten neu betrachtet sowie neue Welten offen und mit allen Sinnen zu erkunden sind. In einer sich immer schneller und wilder drehenden Welt kommt der künstlerischen Heimat in lokaler, sozialer und kultureller Dimension eine besondere Bedeutung zu“, so Herheim weiter.

Das unter Roland Geyer etablierte internationale Renommee des Hauses biete wunderbare Voraussetzungen, um dieses Theater als Kulturbrücke zwischen Wien und der Welt, zwischen Kunstideal und Realitätswachen, zwischen unterschiedlichsten Menschen zu spannen. Die Bühnenbretter des Theaters an der Wien gehörten zu den fruchtbarsten kulturellen Äckern Europas, auf dem sich die prächtigsten Früchte ernten lassen. Der Samen dafür ist ein Grundvertrauen in die künstlerische Integrität.“

„In den letzten Jahren bin ich mehrfach gefragt worden, ob ich bereit wäre, ein Opernhaus zu leiten. Da ich die Bühnenbretter dem Büroparkett vorziehe, war meine Antwort bislang immer ein resolutes „Nei, takk!“. Mit den Jahren ist aber mein Bedürfnis nach einem beruflichen Zuhause gewachsen – nicht zuletzt zum Schutze meiner eigenen künstlerischen Integrität und meines Glaubens an die Oper. Denn der ständige Wechsel zwischen Opernhäusern unterschiedlichster Prägungen kann belastend sein – erst recht, wenn mangelnder künstlerischer Konsens und unflexible Betriebsregelungen das Machen von Kunst erschweren oder regelrecht verhindern.“

Im internationalen Opernmarkt erlebe er „Sachen, die mich im höchsten Maße befremden und nicht selten mit Scham diesem Geschäft gegenüber erfüllen. (…) Wenn man den kulturellen Nährboden, von dem man existenziell abhängig ist, bedroht sieht, muss man die eigene Verantwortung für dessen Erhalt in Betracht ziehen und den daraus abzuleitenden Konsequenzen Folge leisten“. Oper dürfe sich selbst nie genug sein, postulierte Herheim.

Sein Anspruch für die Produktionen an dem Haus werde es sein, „profunde Kompetenz mit kindlicher Neugierde zu vereinen und einen künstlerischen Konsens zu bilden, der den Aufschrei gegen politische und soziale Missstände erfassen und zugleich den sinnlichen Zauber, der der Oper innewohnt, aktivieren kann“.

Nicht der Titel eines Intendanten interessiere ihn, „sondern die Möglichkeit, als solcher motivierte, kompetente Menschen zu einer Kreativität zu einen (…). Die künstlerische Leitung muss sich als Kern einer Musiktheater-Werkstatt begreifen, die kreative Beziehungen zu Künstlern, zum Publikum und zur Stadt pflegt. In diesem Sinne gelobe ich, dem Theater an der Wien treu zu dienen und die Freiheit der Kunst kreativ zu verteidigen“.

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