Spannendes bei den Wiener Festwochen

Orestie im Rattenmilieu

Die Wiener Festwochen auf Entdeckungsreise u.a. mit „The Song of Roland. The Arabic Version“, „Kamp“ und der „Orestie“

Von Derek Weber

(Wien, Mai 2018) Es war immer schon eine der wesentlichen Aufgaben der Wiener Festwochen, interessante ausländische Produktionen nach Wien zu bringen. Voriges Jahr war das nur in Ansätzen zu erleben. Da hatte sich der neue Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin viel vorgenommen, wahrscheinlich zu viel, was die Folgebereitschaft des Publikums gehörig überstrapazierte. Die Folge: Das Programm wurde – um es milde auszudrücken – nicht sehr enthusiastisch aufgenommen. Heuer hat Zierhofer-Kin insgesamt zu einer verständlicheren, besser durchgemischten Gesamtdramaturgie gefunden.

Das Rolandlied auf Arabisch …

Song of Roland Foto: Janto Djassi

Was das im besten Fall zu bringen vermag, zeigte sich schon am Anfang bei Wael Shawskys „The Song of Roland: The Arabic Version“, einer mit Trommeln und anderem Schlagwerk untermalten, breiten und abwechslungsreichen, so episch wie blutigen Gesangserzählung, welche die vielen und großen Massaker der Kreuzritterzeit einmal – vom Hörgefühl her – von der „anderen“ Seite aufleben lässt.
Und da das Blutige nur erzählt wird, wird es leichter konsumierbar. Die Musiker und Sänger aus Bahrein und den Vereinigten Arabischen Emiraten musizieren erlesen und singen – auch wenn’s noch so orientalisch klingt – doch nur eine arabische Übersetzung des Rolandliedes. (Denn ein vergleichbares arabisches „Rolandlied“ gibt es nicht).
Das Ganze ist also ein Kunstprodukt, aber durchaus gelungen, zumal auch die Solosänger von exquisiter Qualität sind.

… KZ als grausiges Puppenspiel

Für eine gänzlich andere, mit Musik untermalte (doch von der Wortseite her stumm bleibende) Veranstaltung sorgte die holländische Gruppe „Hotel Modern“ mit der Produktion „Kamp“. Mit „Kamp“ ist ein Konzentrationslager gemeint, dessen unübersehbares Vorbild das KZ Auschwitz bildet. Im auf dem Fußboden aufgebauten KZ-Modell wird von quasi gesichtslosen Puppen-Gestalten mit Hilfe von Kameras ein grausiges Geschehen vergrößert und lebendig gemacht, das nur manchmal in wirklich aggressive, laute Dimensionen vordringt, das meiste aber der Phantasie des Zusehers überantwortet. Die Musik spielt dabei eine zweitrangige Rolle, auch wenn KZ-Bands (die es wirklich gegeben hat) darin kurz vorkommen.

Schon erstaunlich, wie einem das nahegeht. (Ein noch viel beeindruckenderes Erlebnis dieser Art hatte ich vor einigen Monaten im russischen Sotschi, wo eine georgische Puppenspieler-Truppe die Schlacht um Stalingrad mit Musik von Dmitri Schostakowitsch thematisierte und das Grauen nicht zuletzt auch an Hand des Schicksals von malträtierten Pferdepuppen zeigte – siehe Artikel auf KlassikInfo über das Musik-Festival in Sotschi.)

… und griechische Tragödie

Sehr viel schwerer – oder, je nachdem, wie man es sieht: leichter – tat sich die in „normaler“ Körper- und Bühnengröße im Theater an der Wien agierende Truppe des Hamburger Thalia-Theaters mit Aischylos´ „Orestie“ mit ihrer ins Rattenmilieu verlegten, etwas angeschrägt bearbeiteten Geschichte, die sich allerlei Freiheiten nimmt. Textliche Grundlage ist die Nachdichtung von Walter Jens. Die Regie besorgte eingreifend Ersan Mondtag. So ganz ernst nimmt er die Geschichte nicht. Die Musik von Max Andrzejewski ist ein wenig schwerfällig, will archaisch sein, spielt mit vor-barocken Floskeln und enthält sich jeder Tiefe. Dabei gäbe es doch so spannende mitreißende Musik: die von Iannis Xenakis. Aber die kommt aus einer anderen Zeit, arbeitet sich am alten Text ab und würde wohl nicht zu der immer wieder von der alten griechischen Dramaturgie abschweifenden und vieles ins Quasi-Satirische ziehenden Regie von Ersan Mondtag passen, die erst am Ende, wenn Pallas Athene eingreift und ihr demokratisches Modell der Konfliktlösung durchdrückt, ihre ernsthaften Muskeln spielen lässt.
Es gibt viele – für sich betrachtet – gute Einfälle und ein Bühnenbild, das gegen Ende zu ins Plattenbau-Milieu kippt. (Was wohl so zu lesen ist, dass der trojanische Krieg mit all seinen Weiterungen auch heute noch fortdauert.) Aber etwas, das man eine homogene Regie nennen könnte, schaut dabei nicht heraus. Dennoch: Der Regisseur und seine Produktion wurden nach der Hamburger Aufführung mit Elogen überschüttet.
Haben wir vielleicht irgendwelche Intentionen und Hintergedanken nicht genau genug gelesen?

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