Spannende Konzerte beim Rheingau Musikfestival

Maximale Identifikation und Bach-Annäherungen

Anna Prohaska, Uri Caine und Brett Dean zeigen beim Rheingau Musikfestival, dass es wichtig ist, kreative Konzertprogramme zu entwickeln

Von Robert Jungwirth

(Wiesbaden, 7.,8. August 2018) Anna Prohaska singt wie Giovanni Antonini dirigiert: mit dem ganzen Körper. Tief aus ihm holen beide die Töne für die stürmerisch-drängerischen oder verzweifelt-resignativen Arien der Dido und Cleopatra, zwei populären Frauenfiguren der Barockoper, die von Liebe und Leidenschaft nur so durchgeschüttelt werden und denen erst im tragischen Ende Ruhe beschieden ist. Was für eine wunderbare Idee, diesen beiden Heldinnen der Antike ein thematisches Konzert und eine gemeinsame CD zu widmen. Und neben Bekanntem von Händel und Purcell auch vergessene Preziosen von Graupner, Hasse, Cavalli, Sartorio und anderen Komponisten zu präsentieren.

Dass Anna Prohaska sich für dieses Projekt mit dem italienischen Oroginalklangensemble Il Giardino Armonico und seinem Leiter Giovanni Antonini zusammengetan hat, ist eine hervorragende Wahl und unterstreicht die Ernsthaftigkeit dieser Sängerin, jeder Musik, ganz gleich ob sie von Aribert Reimann oder Georg Friedrich Händel stammt, stilistisch so gerecht wie möglich zu werden. „Aufgewühlt vom Sturm, bin ich ein Boot, auf der Suche nach einem Hafen. Doch mit feindseligen Winden peitscht das Schicksal die Wellen immer höher, ohne Trost“, singt Dido in Graupners „Agitato da Tempeste“ und aufgepeitscht sind dabei sowohl die abenteuerlichen Koloraturen des Gesangsparts wie auch die Begleitfiguren im Orchester.

Es liegt natürlich auch an der messerscharfen, pointierten Spielweise der Italiener, dass die Musik bis in die letzten Reihen der riesigen Basilika von Kloster Eberbach trägt – und das nicht nur im Forte. Auch die Pianotöne etwa in der Arie „A Dio regne, a Dio scettri“ von Daniele da Castrovillari aus der Oper „La Cleopatra“ schweben durch den Raum genauso wie Prohaskas luzides und ätherisches Lamento. Wie überaus originell und anheimelnd ist die Arie „Holdes Lispeln der spielenden Fluten“ von Graupner aus „Dido, Königin von Karthago“, in der Anna Prohaska von Antonini auf der Flöte begleitet wird, der ebenso wie die Sängerin sprudelndes Wasser imitiert.

Das Ausdrucksspektrum, die stimmlichen Anforderungen dieses Programms sind riesig und kulminieren dann doch in den überragenden Highlights wie Händels „Se pieta di me non senti“ („Giulio Cesare“) oder Purcells „When I am laid in earth“ („Dido and Aeneas“). Hier singt sich die wunderbare Sopranistin in einem Akt maximaler Identifikation und Einfühlung gleichsam die Seele aus dem Leib (und natürlich auch im zugegebenen „Piangero la sorte mia“).

Barocke Todessehnsucht trifft in diesen Stücken auf hochvirtuoses Aufbegehren und Begehren – eine Musik der Extreme, beispielhaft für eine Epoche der Extreme. Anna Prohaska und die Musiker von Il Giardino Armonico lassen uns daran teilhaben und verlebendigen diesen Geist geradezu exemplarisch. Das Publikum beim Rheingau Musikfestival jedenfalls war vollends verzaubert und aus dem Häuschen.

Tabea Zimmermann, Thomas Dausgaard und Brett Dean Foto: Rheingau Musikfestival

Tags darauf gab es ein nicht minder bemerkenswertes Konzert beim Rheingau Musikfestival zu erleben: Die beiden Komponisten Brett Dean und Uri Cane präsentierten in Ergänzung und in Anlehnung an die beiden Brandenburgischen Konzerte Nr. 5 und 6 von Bach eigene Kompositionen, die auf die Bachschen Werke Bezug nehmen. Eine spannende Idee, die bereits im vergangenen Festivalsommer mit einem ersten Konzert begonnen hat. Nun also die Fortsetzung mit Dean und Caine. Während Cains „Hamsa“ für Flöte, Violine, Klavier und Streichorchester zunächst wie Bach mit falschen Noten klingt und erst allmählich – vor allem in Caines verrückt-abgefahrenem Klaviersolo – Eigenständigkeit gewinnt, ist Deans „Approach – Prelude to a Canon“ für zwei Bratschen und Orchester eine vom Violakonzert des 6. Brandenburgischen inspirierte und dieses intelligent in eine zeitgenössische Klangsprache übersetzende Annäherung (wobei der Beginn mehr wie ein Nachhall wirkt). Auch das barocke Konzertieren wird hier weitertransportiert – und von Dean selbst zusammen mit Tabea Zimmermann klangvoll und virtuos umgesetzt. Wobei Dean schon gut zu tun hat, um mit seiner Partnerin vor allem im Bach-Konzert mitzuhalten). Als Orchester war das Swedish Chamber Orchestra unter Thomas Dausgaard zu hören, das in kleiner Besetzung mit Elan und wunderbarer Phrasierung spielte.

Die beiden Konzerte zeigten eindrucksvoll, wie sinnvoll und erhellend es für Musiker und Publikum gleichermaßen ist, wenn bedeutende Solisten (und Komponisten) eigene programmatische Ideen für Konzerte entwickeln, statt einfach nur mit Standardprogrammen um die Welt zu tingeln. Gott sei Dank gibt es diese Musiker, die den Willen und die intellektuelle Kompetenz dazu haben und Veranstalter, die das unterstützen. Denn das weitet die Perspektiven der Wahrnehmung von Musik und ihrer jeweiligen Entstehungs-Kontexte und schafft so neue Hör-Erfahrungen und Erkenntnisse.

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