Solaris

Opernkritik: Solaris

Science Fiction mit Retromusik

Kris Kelvin (Nikolay Borchev), die Baboon (Qiulin Zhang) Foto: Bernd Uhlig

Detlev Glanerts Oper "Solaris" nach Stanislaw Lem erlebte in Köln ihre deutsche Erstaufführung
Christoph Zimmermann

(Köln, 2. November 2014) Vor knapp 60 Jahren flog der erste Sputnik ins All, bald darauf folgte der erste Mensch (Juri Gagarin). Damals entstand übrigens auch die erste Weltraum-Oper, Karl-Birger Blomdahls „Aniara“. Im Gagarin-Jahr 1961 erschien auch der Roman „Solaris“ des Polen Stanislaw Lem, ein stark wissenschaftlich verbrämtes Buch, doch gleichzeitig eine spannende Abenteuergeschichte. Sie faszinierte den Komponisten Detlev Glanert so sehr, dass er sie zu einer Oper umformte. Premiere war 2013 in Bregenz, jetzt gab es die deutsche Erstaufführung in Köln.
Ort des Geschehens ist eine Raumstation auf Solaris, unter den Planeten eine Ausnahme insofern, als er sich in einer stabilen Laufbahn befindet. Grund hierfür scheint ein ihn fast völlig bedeckender Ozean zu sein. Zu dem bereits vorhandenen Forscher-Team (Snaut, Sartorius, Gibarian) stößt der junge Psychologe Kris Kelvin. Ihm wird bald bewusst, dass die Lebenssituation seiner Kollegen eine fragile, gefährdete ist. Erstes Signal hierfür ist der rätselhafte Selbstmord Gibarians am Tag seiner Ankunft. Die anderen Wissenschaftler wiederum wirken entweder verwirrt (Snaut) oder feindselig (Sartorius). Zudem erfährt Kelvin, dass es geheimnisvolle Wesen gibt, welche der Ozean, das Plasmameer, aus menschlichen Gehirnströmen generiert hat. Ihm selber tritt ein solches in Gestalt seiner früheren Geliebten Harey entgegen, die auf Erden vor langer Zeit Suizid beging. Auch die Erscheinungen bei den beiden anderen Männern sind nicht zuletzt Verkörperungen zwiespältiger Verhältnisse wie jene monströse, sexuell akzentuierte Beziehung Snauts zu seiner Mutter. Lem denkt metaphysisch und ist überzeugt, dass „alle Erforschung des Jenseitigen und des Weltraums auf unserem Wunsch beruht, einen Gott oder zumindest einen großen Bruder zu finden, der uns einen Teil unserer Schuld abnimmt. Weil der Mensch es einfach nicht erträgt, allein zu sein.“ Science Fiction mit philosophischen Überbau.
Obwohl Reinhard Palm (in diesem Jahr gestorben) bei der Umformung des Romans in ein Opernlibretto alle theoretischen Erörterungen eliminiert hat und sich auf die Grundhandlung konzentriert, ist der Text für den Zuschauer – auch aufgrund nachträglich interpolierter Reflexionen – ohne vorbereitende Lektüre auf Anhieb kaum in all seinen Aspekten zu verarbeiten, den hilfreichen Übertiteln bei der Kölner Aufführung oder auch der exzellenten Diktion von Bjarni Thor Kristinsson (Sartorius) zum Trotz.
Stefan Glanert nähert sich dem extraterrestrischen Sujet nicht mit musikalisch-plakativen Gruseleffekten (darin dem Stanley-Kubrick-Film „2001“ ähnlich), sondern behält das traditionelle Musikdrama als Grundform bei, setzt auf die Kontraste von aufgepeitschter Dramatik und lyrischer Ruhe. Er nutzt mitunter die Zwölftönigkeit, ohne sie aber demonstrativ zu präsentieren (darin Alban Bergs „Wozzeck“ vergleichbar). Sie bleibt letztlich Teil eines „harmonisch“ gearteten Ganzen. Großen Raum nehmen ohnehin die breit angelegten Szenen zwischen Kelvin und Harey ein. Da flutet die Musik oft wie bei Richard Strauss. Diese retrospektive Schreibweise, welche allerdings keine Stilkopie darstellt, wird immer ihre Kritiker finden. Dem Publikum kommt sie jedoch entgegen, zumal Glanert es auch an expressivem Vokalausdruck nicht fehlen lässt.
Die Bregenzer Uraufführung wurde von Markus Stenz geleitet, bis zur letzten Saison GMD des Gürzenich-Orchesters, welches jetzt im Rahmen seiner ständigen Opernverpflichtung für die aktuelle Produktion zur Verfügung steht. Stenz hat sich auch im Konzertsaal stets für Glanert (wie auch seinen Lehrer Hans Werner Henze) eingesetzt und fraglos mitinitiiert, dass sich die Oper Köln die Deutsche Erstaufführung von „Solaris“ sicherte. Sie findet in der „Oper am Dom“ statt, einem ehemaligen Musical-Zelt, das als Ausweichquarteier dient, bis beim Theaterkomplex am Offenbach-Platz die Generalsanierung abgeschlossen ist. [nächste Seite]

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