Sol Gabetta spielt Martinu-Konzert in Köln

,

Sol Gabetta und das Finnish Radio Symphony Orchestra unter Hannu Lintu spielen Martinus Cellokonzert in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 19. März 2018) Sol Gabetta, argentinische Cellistin. Welch eine herzliche Erscheinung, voll positiver Ausstrahlung und mit einer unangestrengten Spielweise, wie sie schöner kaum vorstellbar ist. Eine ihrer Tourneen führte sie jetzt mit dem Finnish Radio Symphony Orchestra unter Hannu Lintu nach längerer Zeit wieder einmal in die Kölner Philharmonie, und zwar mit Bohuslav Martinus Cellokonzert H 196. Der Zuschauerraum war gut besetzt, was bei einem so „speziellen“ Programm (zu Beginn noch Igor Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen, zum Abschluss freilich die beliebte fünfte Sinfonie von Jean Sibelius) nicht unbedingt erwartbar ist. Aber wahrscheinlich bedeutete Sol Gabetta für das Publikum eine besondere Attraktion.

Werke von Martinu sind nicht eben häufig zu hören, auf der Opernbühne waren in jüngerer Zeit immerhin mehrfach die „Griechische Passion“ und „Julietta“ zu erleben, die Düsseldorfer Rheinoper kündigt „Ariadne“ an. Martinu gab sich künstlerisch wie auch privat kosmopolitisch. Wenn er zu seinem Heimatland, der Tschechoslowakei, auch einen kontinuierlichen Kontakt hielt (nach 1938 allerdings kein Besuch mehr), wurde doch Frankreich zu seiner eigentlichen Heimat. Das blieb so, ungeachtet eines kriegsbedingten USA-Intermezzos. Martinus Frankreich-Liebe hatte fraglos auch mit seiner Bewunderung für Claude Debussy zu tun. Das Cellokonzert entwarf er zwar noch in seiner Geburtsstadt Policka, beendete es freilich in Paris; die Uraufführung fand 1931 in Berlin statt (Solist: Gaspar Cassadó). Der Erstfassung mit kleinem Orchester folgte eine Version in erweiterter Instrumentation, welche 1939 mit Pierre Fournier in Paris zur Premiere gelangte. Sie empfand der Komponist im Nachhinein aber doch als zu üppig und reduzierte den Orchesterapparat, ohne dabei in die Struktur des Werkes einzugreifen. Der zweite Satz – Andante moderato – klingt mitunter fast wie ein Gebet. Sol Gabetta bot ein weichtöniges, aber nicht weichliches Spiel. Superb gemeistert wurde die Kadenz mit ihren vielen Doppelgriffen samt dialogischem Spiel mit dem Solobratscher des Orchesters.

Das Martinu-Konzert gibt auch reichlich Gelegenheit für gelenkige Virtuosität. Auch hier bewies sich die besondere Kunst Sol Gabettas. Selbst horrendesten Ansprüchen begegnete sie mit ihrer stupenden Grifftechnik völlig locker, ohne Verbissenheit, nachgerade schwerelos. Vom Orchester kam bei Bedarf dramatischer Kontrast, vom körperlich lodernden Hannu Lintu machtvoll angefeuert.

Bei der ersten Zugabe, der Lenski-Arie aus Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ verbannte der Dirigent das lyrisch empfindsame Spiel der Cellistin durch allzu massive Begleitung vorübergehend in ein akustisches Off, erwies sich mit seinem Orchester aber generell als feinfühliger Begleiter. Das katalanische Volkslied „El cant dels aucells“ (zweites Encore) wurde ohnehin nur von den Orchestercellisten begleitet. Eine Klangmagie sondergleichen.

Für den nervigen Duktus von Igor Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen war Hannu Lintu der richtige Mann. Die mitunter das Bizarre streifenden Rhythmen ließ er im fabelhaft mitgehenden Orchester heftig pulsieren, gab andererseits den tänzerischen Passagen genügend luftigen Elan. Das Werk beruht übrigens auf filmischen Eindrücken des Komponisten aus dem Zweiten Weltkrieg. Beim Schreiben des Finalsatzes hatte er beispielsweise marschierende Soldaten vor Augen. Allerdings gingen solche Bilder auf für ihn selber „unerklärliche Weise“ in die Musik ein, den Zusammenhang erkannte er erst nach Beendigung der Komposition.

Die Spielzeit 2017/18 war für das Finnish Radio Symphony Orchestra eine besonders feierliche Saison: Seine Gründung vor 90 Jahren fiel mit der ein Jahrzehnt weiter zurückliegenden Unabhängigkeitserklärung des Landes zusammen. Allein wegen dieses stolzen Jubiläums stand bei dem Konzert ein Musikwerk aus Finnland notwendigerweise an. Etwas Zeitgenössisches hätte das Programm wohl etwas belastet, dabei engagiert sich das Orchester stark für Werke der aktuellen Moderne (Kaija Saariaho, Aulis Sallinen, Jouni Kaipainen oder auch Joonas Kokkonen). Für die Tournee hatte man sich indes für die „Fünfte“ von Jean Sibelius als Finalstück entschieden.

Anders als im Falle der Sinfonie von Strawinsky ist die Musik von Sibelius vielfach stark naturhaften Eindrücken inspiriert. Das Erlebnis von fliegenden Schwänen mit ihren Schreien, die der Komponist mit der Klangfarbe von Holzbläsern, durchmischt von schneidenden Tönen der Trompete assoziierte, war für ihn bei der Niederschrift der Musik prägend. An seinem 50. Geburtstag fand die Premiere der Sinfonie statt. Allerdings überarbeitete der Komponist das Werk bis 1919 mehrfach und war selbst dann mit dem Ergebnis noch nicht ganz zufrieden. Solche Zweifel haben nicht verhindert, dass die 5. Sinfonie zu einem besonders beliebten Werk von Sibelius wurde.

Vor kurzem wurde sie zusammen mit den beiden Folge-Sinfonien in den Londoner Einspielungen Herbert von Karajans (1955/1960) wiederveröffentlicht. Karajan setzte auf eine relativ schlanken Klang, Hannu Lintu, welcher als Landsmann von Sibelius dessen Musik verständlicherweise mit einem speziellen Engagement angeht, bot besonders satte Farben, machtvolle Steigerungen und brodelnde Emotionen. Dies zur großen Freude des Publikums, welches für seinen euphorischen Beifall mit einem weiteren, freilich sanfteren Sibelius-Stück belohnt wurde.

Werbung

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.