Sol Gabetta fasziniert mit Martinu in Luzern

Ein aufwühlender Seelenkrimi

Sol Gabetta und das Mahler Chamber Orchestra unter François-Xavier Roth begeistern mit dem Cello-Konzert von Martinu in Luzern – Kirill Petrenko stellt sich als neuer Chef der Berliner Philharmoniker vor 

Von Robert Jungwirth

(Luzern, 28. Und 29. August 2018) Täuscht es oder sind Kirill Petrenkos Bewegungen am Dirigentenpult elastischer und eleganter geworden? Bei seinem Auftritt beim Lucerne Festival als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker (offiziell ist er es erst ab 2019, aber nachdem Rattle dort seinen Abschied hatte, ist Petrenko natürlich schon jetzt Chef in Berlin) wirkte der bescheidene Russe um einiges agiler als man es bislang bei ihm erlebt hat – mitunter dirigiert er sogar schneidig aus der Hüfte heraus. Natürlich, der Sprung vom (in Bayreuth sogar verdeckten) Orchestergraben in München auf das Podium des vielleicht weltbesten Konzertorchesters erfordert ein anderes Auftreten. Das Auge des Publikums hört schließlich mit. Ganz offensichtlich hat Petrenko hier etwas an seiner Außenwirkung gearbeitet.

Zweimal Strauss einmal Beethoven standen auf dem ersten von zwei Programmen, die das Orchester und Petrenko beim Lucerne Festival boten – das Festival am Vierwaldstättersee ist ja nach wie vor eine Leistungsschau der internationalen Spitzenorchester und -dirigenten.

Beeindruckend bei den beiden Tondichtungen „Don Juan“ und „Tod und Verklärung“ waren vor allem die souveräne Gestaltung von Steigerungen und Spannungsbögen. Beide nahezu zeitgleich entstandenen Werke sind ja genialische Selbstvergewisserungsstücke des jungen Strauss, mit denen er sich den kompositorischen Übervater Richard Wagner aus dem Kopf komponiert hat und zu neuen musikalischen Ufern aufgebrochen ist – sehr zum Entsetzen übrigens von Cosima Wagner, die den Dirigenten Strauss zwar überaus schätzte und gerne und oft für Bayreuth verpflichtete, seine eigenen Werke aber ebenso entschieden ablehnte.

Petrenko setzte in „Don Juan“ ganz auf die Entfaltung der Fülle des Wohllauts, auf den emotionalen Überschwang, weniger auf die aufgekratzte Expressivität und Modernität des Werks. Kann es sein, dass die Berliner unter ihrem neuen Chef im Ton runder klingen als unter Rattle?

„Tod und Verklärung“ ist im Gegensatz zum erzählerischen „Don Juan“ ein reichlich kurioses Werk, das die Feier des (künstlerischen) Lebens mit der Todessehnsucht des Fin de Siecle in eine eigentümliche Verbindung bringt – und das aus der Feder eines 25-Jährigen! Der Beginn wirkt unbestimmt und etwas konturlos bis sich endlich eine Art Dauerapotheose Bahn bricht. Auch hier glänzen Petrenko und die Berliner wiederum mit fein abgestimmten Crescendi und hochemotionalen Klangexaltationen. Täuscht es oder hört man hier nicht auch schon ein bisschen „Ariadne“ und „Rosenkavalier“ anklingen? Man muss diese Tondichtungen ja durchaus als Vorstufen zum Opernwerk von Strauss sehen.

Einen etwas eigenartigen Eindruck indes hinterließ Petrenkos Interpretation von Beethovens Siebenter (siehe auch unsere Besprechung der Salzburger Aufführung). Schon im ersten Satz zelebrierte er mit 6 grummelnden Bässen mehr Klangopulenz als er die Dramatizität des Werks betonte. Und der zweite Satz klang bei ihm ganz nach alter Tradition mehr nach Trauermarsch als das Beethoven wohl je beabsichtigt hat. Schon erstaunlich, mit welcher Unbefangenheit sich Petrenko über die Erkenntnisse der Beethovenforschung und auch über die der historischen Aufführungspraxis hinwegsetzt. Natürlich ist das legitim, aber auch angreifbar. Die Wiener Klassik ist ja (noch) nicht wirklich Petrenkos Steckenpferd (sein Münchner „Titus“-Dirigat ist noch in wenig schmeichelhafter Erinnerung), seine große Freude an differenzierter Gestaltungskunst, die auch diese Wiedergabe kennzeichnete, wird ihn aber vielleicht auch noch zu anderen An- und Einsichten bringen.

Tags zuvor haben François-Xavier Roth, Sol Gabetta und das Mahler Chamber Orchestra für ein Highlight des diesjährigen Festivals gesorgt. Die argentinische Cellistin hat es sich – wie sie sagt – zum Ziel gesetzt, Bohuslav Martinus 1930 entstandenes und bis 1955 zweimal umgearbeitetes Cellokonzert 60 Jahre nach dem Tod des Komponisten zum Durchbruch zu verhelfen, und ihm einen Platz im (ohnehin nicht gerade riesigen) Repertoire der Cellokonzerte zu sichern. Ein ehrenwertes und chouragiertes Unterfangen, für das der Star der Klassikszene seine ganze Popularität und technische Souveränität in die Waagschale wirft. In Roth und den exquisiten Musikern des MCO hatte sie denn auch die denkbar besten Mitstreiter, die die klangliche Eigenwilligkeit und instrumentale Schwierigkeit des Werks ebenso leicht wie klangintensiv bewältigten.

Was wird hier dem Solocello schon und gerade am Beginn nicht alles an technisch-rhythmischen Vertracktheiten und expressiv-gezackten Unmöglichkeiten abverlangt! Danach gibt es intensive kammermusikalische Begegnungen mit Fagott und Oboe, die allein schon so berührend waren, dass man umso mehr staunte, zu welch innig-existentiellem Gesang zwischen Trauer und Trotz sich Martinu im zweiten Satz noch aufschwingt. Das war in dieser Wiedergabe geradezu sensationell! Ein aufwühlender Seelenkrimi. Man sollte die Gelegenheit nicht verpassen, die Cellistin auf ihrer Welttour in Sachen Martinu einmal live zu hören.

Schon das einleitende Divertimento von Bartok, entstanden 1939 und Ausdruck tiefster Verunsicherung und Besorgnis angesichts eines möglichen heraufdämmernden Krieges, war von überwältigender Spannung und tief empfundener Klanglichkeit. Jede Instrumentengruppe des Streichorchesters agierte mit maximaler Perfektion und größter interpretatorischer Dichte. Welch ein genauer, verständiger und umsichtiger Dirigent Roth ist, jenseits aller Vordergründigkeit, konnte man hier exemplarisch erfahren.
Kurios, aber nicht minder auf höchstem Niveau musiziert, war das Programm nach der Pause mit den „Jeux d’enfants“ von Bizet und Haydns g-Moll-Symphonie mit dem Beinamen „La Poule, Das Huhn“. Selbstverständlich spielten die Musiker des MCO unter Roth den Haydn historisch informiert und akzentuiert.

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