Simone Kermes in Köln

In der Barock-Disco

Simone Kermes offeriert mit dem Ensemble La Folia in Köln zirzensischen Barockgesang

(Köln, 25. Dezember 2012) Barockgesang hat in Köln derzeit besondere Konjunktur. Vor einem Monat gab sich Cecilia Bartoli die Ehre, von der vielgerühmten Produktion von Leonardo Vincis  „Artarserse“ gab es gleich 3 Konzertaufführungen in der „Oper am Dom“ (mit Philippe Jaroussky als Anführer eines Counter-Quintetts – siehe Artikel auf KlassikInfo), und am ersten Weihnachtsfeiertag kürten die Besucher der Philharmonie Simone Kermes zu einem neuen Publikumsliebling.

Die Sopranistin ist ein ähnliches Temperamentsbündel wie Cecilia Bartoli und versteht es wie diese, sich aufreizend Szene zu setzen. Von Anfang an vibriert ihr ganzer Körper, man meint zu spüren, dass glühende Lava kurz vor dem Ausbruch steht. „Lava“ heißt wohl auch nicht von ungefähr eines von Simone Kermes‘ CD-Recitals. Das Cover zeigt sie lasziv auf den Boden hingegossen. Dieses Foto dürfte durchaus das Placet der Künstlerin gefunden haben, denn „ich bin ein Gesamtkunstwerk“, hat sie einmal, nicht eben zurückhaltend, verlauten lassen. Auch ihre Glitzergarderobe beim Kölner Konzert darf man wohl als Teil des "Gesamtkunstwerks" deuten.

Das abschließende „Lascio ch’io pianga“ von Händel, in einem mindestens 5fachen, narkotischen Pianissimo ausgehaucht, wies dann freilich den Rang von Simone Kermes auch ohne solche „Zutaten“ nach. Zuvor hatte man ja bereits darüber zu urteilen, ob die ständigen Disco-Bewegungen der Sängerin Geschmacksgrenzen nicht doch etwas zu sehr dehnten, so elektrisierend das an der Rampe offerierte Temperament auch wirkte.

Die Stimme von Simone Kermes könnte man als lyrisch grundierten Koloratursopran mit der Fähigkeit zu dramatischer Attacke umschreiben. Verdis „Trovatore“ vor drei Jahren in Ludwigsburg (CD-Mitschnitt vorhanden) dürfte als derzeitige Rollengrenze angesehen werden, auf „I due Foscari“ (Februar in München, gleichfalls konzertant) darf man nachhaltig gespannt sein. Unter Simon Rattle steht dann in Baden-Baden und Berlin noch einmal die oft gesungene Königin der Nacht im Kalender.
Diese Partie mag die Künstlerin eigentlich nicht besonders, weil für sie ein umfassender Charakter in lediglich zwei Arien nicht vermittelbar sei. Anders verhält es sich mit der Konstanze, die eine Figur mit wirklichen Höhen und Tiefen darstelle. In diesem Zusammenhang denke sie dankbar an ihre frühen Karrierejahre am Stadttheater Koblenz (1993-1996) zurück, wo sie sich Mozarts „Entführung“ grundlegend erarbeiten konnte, nicht zuletzt dank des damaligen Intendanten Georges Delnon, der sie auch sonst mit ebenso passenden wie herausfordernden Rollen konfrontierte (und das Haus auch sonst in Schwung brachte).
In dieser Zeit entstand nota bene ein CD-Querschnitt von Engelbert Humperdincks komischer Oper „Die Heirat wider Willen“, eine der frühesten Aufnahmen von Simone Kermes. Sie ist auch ein Hinweis darauf, dass sich die Sängerin nicht festlegen lässt, weder auf Genres noch auf Epochen. Eine relativ frische Einspielung ist „Bluthochzeit“ des 1943 geborenen Hans-Erik Philips, einem (allerdings) stark melodisch orientierten Komponisten.

Das virile Timbre von Simone Kermes kommt den Affekten des Barockgesangs allerdings besonders zugute, hier, wo sich melodische Innigkeit, emotional feurige Tonsprünge und Koloratur-Furor zu einem vokalen Eruptionsstrom vereinigen. Solch interpretatorisches Furioso macht Simone Kermes derzeit so schnell keine Sängerin nach (außer Cecilia Bartoli). Die Arien aus Opern Antonio Vivaldis (teilweise auf der CD „Viva“ zu hören) boten jedenfalls ein vokales Feuerwerk, welches förmlich niederstreckte.

Den Vergleich mit der ein ähnliches Repertoire beackernden Cecilia Bartoli wird jeder für sich selbst entscheiden müssen. Beide Sängerinnen sind vom Stimmcharakter her aber grundsätzlich verschieden. Die Bartoli, die Sopran-Tessitura perfekt beherrschend, ist von Natur aus ein Mezzo, die Kermes hingegen ein definitiver Sopran, welcher auch Alt-Tiefen in Angriff zu nehmen imstande ist, ohne dort freilich zu Hause zu sein. Beiden Grenzüberschreitungen eignet etwas Prickelndes. Um auch noch einen Brückenschlag zu dem oben erwähnten „Artaserse“ Vincis zu ziehen: Simone Kermes hat auf ihrer „Lava“-CD eine Arie aus dieser bislang kaum beachteten Oper berücksichtigt.

Das Barockorchester „La Folia“, das in dieser Saison eine Vielzahl von Debüts absolviert (wie jetzt auch in der Philharmonie) bot den stilistisch adäquaten Rahmen für Simone Kermes, ohne mit der Siedehitze der Sängerin immer restlos korrespondieren zu können. Doch dürfte nach Hören der Instrumentalnummern aus der Feder von Vivaldi, Telemann und Geminiani unzweifelhaft sein, dass mit dem 2007 in Mannheim von Robin Peter Müller gegründeten Originalklang-Ensemble künftig zu rechnen ist.

Christoph Zimmermann

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