Simone Boccanegra in Baden-Baden

Sängertheater vor platter Kulisse

Placido Domingo ist Simone Boccanegra in Baden-Baden – Valery Gergiev dirigiert Chor und Orchester des Mariinsky Theaters

Von Georg Rudiger

(Baden-Baden, 9. Juli 2019) „Ihr Bariton ist ein junger Mann“, schreibt Giuseppe Verdi im November 1880 enttäuscht an seinen Verleger Giulio Ricordi, als er seine Oper „Simon Boccanegra“ für eine Aufführung in der Mailänder Scala gemeinsam mit dem Librettisten Arrigo Boito gerade umarbeitete. „Er mag Stimme, Talent und Gefühl haben, soviel Sie wollen, aber er wird niemals die Ruhe, die gesetzte Haltung und die gewisse darstellerische Persönlichkeit haben, die für den Simon unerlässlich ist.“ Im Festspielhaus Baden-Baden kann man den Sänger des Simon Boccanegra optisch nicht erkennen, als er im Prolog mit einem Piratentuch auf dem Kopf die dunkle Bühne betritt. Aber die Stimme verleiht der unbekannten schwarzen Gestalt sofort eine besondere Aura, wenn im Mezzavoce die ersten Töne dieses Baritons erklingen – schwebend, leuchtend, mit tenoralem Glanz.

Als Plácido Domingo vor zwanzig Jahren zum letzten Mal im Festspielhaus Baden-Baden gastierte, war der spanische Weltstar noch Tenor und sang die Partie des Samson in Camille Saint-Saens‘ Oper „Samson et Dalila“. Nun kehrt er zum Abschied von Intendant Andreas Mölich-Zebhauser als Bariton zurück, um in einem starken Solistenensemble unter Valery Gergiev die vielschichtige Partie des Dogen von Genua zu singen. Mit seinen 78 Jahren steht Domingo im Spätherbst seiner langen Karriere. Durch seinen klugen Fachwechsel hat er sich in den letzten Jahren ein ganz neues Repertoire erschlossen. Sicherlich legt er die Simon-Boccanegra-Partie ein wenig lyrischer an als manche seiner Kollegen. Aber diese Interpretation passt auch zur Figur, die von Beginn an in den aufgeheizten Emotionen und schwarzen Abgründen für Ausgleich und Versöhnung sorgen möchte. Domingo teilt sich die Partie gut ein. Er spart Kraft für die dramatischen Ausbrüche wie bei der Fluch-Szene, wo er seinen perfekt geführten, in runden Legatolinien geführten Bariton härtet und sich auch gegenüber dem hier erstmals von Gergiev entfesselten Orchester des Mariinsky Theaters behaupten kann. Aber trotzdem bleibt er immer kultiviert, lässt Zwischentöne anklingen und zeichnet die Partie mit feinem Pinsel. Am Ende gibt es stehende Ovationen im ausverkauften Festspielhaus für diesen großen Sänger, der im Jubelsturm beim Rückwärtslaufen nur mit seinem Kostüm kämpfen muss – alle anderen Herausforderungen des Abends besteht er mit Bravour.

Aber diese letzte Opernproduktion der Spielzeit ist weit mehr als nur eine One-Man-Show. Chor und Orchester des Mariinsky Theaters zeigen sich in Bestform. Gergiev entwickelt einen immer körperlichen, plastischen Verdi-Klang, der auch im Piano über Substanz verfügt. Lange bleibt das Klangbild verbindlich und ausgewogen. Nur gelegentlich setzt er besondere Akzente wie mit der exponierten Bassklarinette, die die Bedrohlichkeit von Paolos Intrige zu Beginn des zweiten Akts noch erhöht. Der insgesamt dunkle Streicherklang liefert die passende Grundierung zu dem düsteren Drama, das nur für Momente wie dem lichten Chor zu Beginn und am Ende ein wenig aufhellt. Einzig die Balance innerhalb des Solistenensembles ist nicht immer ausgewogen.

Das Bühnenbild von Andrea de Rosa, der bei dieser St. Petersburger Produktion von 2016 auch für die Inszenierung verantwortlich ist, findet mit dem digitalen Meer eine Klammer zwischen den Akten. Dieser Ausblick auf die Wellen und den weiten Himmel spiegelt die Stimmungen der Figuren. Da fällt die schwache Personenführung kaum ins Gewicht. Mit dem ebenfalls schon zu Lebzeiten legendären italienischen Bass Ferrucio Furlanetto (70) hat Domingo einen langjährigen Weggefährten an seiner Seite, der ebenfalls seine hohe stimmliche Qualität bis ins Alter bewahrt hat. Furlanetto kann aus dem Vollen schöpfen und muss nie forcieren, um die wuchtigen Ausbrüche, aber auch die gelassene Tiefe klingen zu lassen. Roman Burdenko ist ein scharfkantiger, metallen klingender Bösewicht Paolo. Otar Jorjikia verfügt als Gabriele Adorno über einen tragfähigen, höhensicheren Tenor, dem nur manches Mal die farblichen Nuancen fehlen. Diese vermisst man auch ein wenig bei Tatiana Serjan (Amelia), besonders in der etwas unflexiblen Höhe. Ihr hochdramatischer, über eine satte Tiefe verfügender, enorm strahlkräftiger Sopran ist dennoch ein Ereignis. Im lyrischen Schluss findet dieser „Simon Boccanegra“ seinen Höhepunkt, wenn sich der sterbende Doge und Fiesco aussöhnen und Plácido Domingo und Ferruccio Furlanetto dafür die berührendsten Töne finden – und das Bühnenbild zum Gemälde wird.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.