Simon Rattle vor seiner 1. Londoner Spielzeit

Evangelist der Musik

Im Interview mit dem „Guardian“ äußert sich Simon Rattle über seine neue Aufgabe beim London Symphony Orchestra und über den Brexit

„Ich wäre misstrauisch gewesen, den Job anzunehmen, wenn ich vom Brexit gewußt hätte“, sagt Simon Rattle in einem aktuellen Interview mit dem englischen „Guardian“. Darin äußert sich der Dirigent über seine bevorstehende Chefposition beim London Symphony Orchestra, die er im September antreten wird. Rattle wird dann zwei Orchester parallel leiten, denn er bleibt bis zum Sommer 2018 auch noch Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Musiker, Management und das Publikum in London erwarteten sich viel vom „heimkehrenden“ Stardirigenten, so die Zeitung. Sie hofften, dass er dem Orchester neuen Glanz, neue Hörer und einen Einnahmeschub bescheren wird. “He gets music on to the front pages of newspapers; the television cameras follow him. He takes music to a new level“, meint etwa Nicholas Kenyon, der Director des Londoner Barbican Centre und Rattle-Biograph.

Natürlich sei es für ihn auch ein wenig ein Nach-Hause-kommen sagt Rattle. Das LSO sei wegen seiner Neugierde und seiner Begeisterungsfähigkeit sehr attraktiv für ihn gewesen und wegen seines „complete lack of bullshit“. Mit seiner Berliner Erfahrung könne er dem Orchester in Sachen Klang sicher nützlich sein, meint er mit britischem Understatement. Auch für einen neuen Konzertsaal in London macht sich Rattle weiterhin stark. Seine Vertragsunterzeichnung sei aber nicht an eine Zusage diesbezüglich gebunden gewesen. Das neue Gebäude solle gleichermaßen ein Zentrum für Musikerziehung und für Konzerte werden, so Rattle. Denn diese Kunstform Musik sei für jeden da. „Es ist unsere Aufgabe, nicht nur Musik zu machen, sondern auch darüber zu sprechen. Ich sagte zu den Musikern in Berlin: „Sie sind fantastische Hohepriester, aber sie müssen jetzt auch Evangelisten sein.“

Simon Rattle wird beim LSO, das in den vergangenen Jahren häufig wechselnde musikalische Chefs hatte,  nicht nur Chefdirigent, sondern Musikdirektor sein, was bedeutet, dass er sich auch um die Administration kümmert. Er wird pro Jahr insgesamt vier Monate für das Orchester arbeiten, seinen Wohnsitz jedoch weiterhin in Berlin haben, wo seine Kinder zur Schule gehen. “I will absolutely work my ass off for the orchestra and for the arts. And then it will be good to escape.“

Auf die Frage von Musikern, ob er das LSO übernommen hätte, wenn er den Ausgang des Referendums gekannt hätte, antwortete Rattle, dass es ihn schon sehr misstrauisch gemacht hätte. „Aber wir werden das Beste daraus machen, was wir können.“

Am 19. August wird Rattle mit dem LSO Schönbergs „Gurrelieder“ bei den Proms aufführen, am 14. September beginnt er dann offiziell seine Londoner Amtszeit mit einem zehntägigen Festival. Infos unter: alwaysmoving.lso.co.uk.

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