Simon Rattle beim SO des BR

Bravourarien der etwas anderen Art

Simon Rattle Foto: Monika Rittershaus / EMI Classics

Simon Rattle dirigiert ein außergewöhnliches Programm beim Symphonieorchester des BR
(München, 2. November 2012) Vor dem letzten Programmpunkt, der zweiten Symphonie von Robert Schumann, greift Simon Rattle zum Mikrophon und hält auf Deutsch! eine kleine Ansprache. Er widmet die Aufführung dieser Symphonie dem Gedenken an Hans Werner Henze, den er als einen der ganz großen Komponisten würdigt und dessen 10. Symphonie er seinerzeit in Luzern uraufgeführt hat. Auch ohne diese Widmung wäre die Schumann-Symphonie vermutlich der Höhepunkt dieses außergewöhnlichen Abends geworden: spukhaft brillant das Scherzo, mit ungeheurer Tiefe das Adagio. Nicht nur seine Berliner vermag Rattle zu Höchstleistungen zu animieren, auch Gastorchester, wie jetzt das SO des BR erliegen ganz offensichtlich dem Charme und dem Charisma dieses bei aller auch äußerlichen Bühnenwirksamkeit doch so angenehm unprätentiös und authentisch wirkenden Dirigenten. Die Klarheit von Rattles Zeichengebung, die ungekünstelte Expressivität seiner Gestik und Mimik lassen die Musiker nie darüber im Zweifel, wie er sich den Klang einer Phrase vorstellt, was damit ausgedrückt werden und in welchem Kontext sie stehen soll. Und die Musiker der BR-Symphoniker folgen diesen seinen Vorgaben motiviert und lustvoll. So wurde die vielgestaltige, heterogene Zweite zu einem spannungsvollen Klangpoem unterschiedlicher dramatischer Charaktere und Situationen – und ein würdevoller Abschiedsgesang für einen großen Komponisten.
Von Haydn über Schumann bis Sibelius und Ligeti reichte die stilistische Bandbreite an diesem Abend – ein reichlich unkonventionelles Programm, das wie mit dem Zeigefinger mahnt: seht her, man muss Konzertprogramme nicht immer nach Schema F gestalten, man kann das auch anders machen.
Haydns ebenfalls etwas querständige 91. Symphonie eröffnete den Abend. In ihr treibt der Esterhazysche Großmeister das Understatement und das Spiel mit Erwartung und Enttäuschung mal wieder auf die Spitze und verbirgt die technischen Schwierigkeiten in der Umsetzung hinter seinem feinen ironischen Lächeln. Rattle macht sich mit gutem britischen Humor zu Haydns Komplizen, vor allem im witzelnden zweiten Satz! Die Soli gelingen ganz hervorragend (z.B. Fagott), während der Geigenklang im einleitenden Allegro nicht ganz so spritzig wirkt, wie er vielleicht sollte.
Kontrastierend dazu setzte Rattle die naturmystische Tondichtung "Luonnotar" für Sopran und Orchester von Jean Sibelius mit der phänomenalen Sopranistin Barbara Hannigan, die sich dazu als Waldfee verkleidete – jedenfalls wirkte ihr wallendes Abendkleid und die dazu korrespondierenden wallenden langen Haare so. Die Solistin agiert hier als eine Art Naturgeist, der die Kräfte der Natur, deren Wohl und Weh beschwörend beschreibt. Das ist ebenso eigentümlich wie faszinierend in zumeist düstere Klänge übersetzt – und Hannigan und Rattle gelingt es, diese überaus selten zu hörende Musik zu suggestiv-mystischen Klangräumen zu gestalten.
Nach der Pause, vor Schumann, kommt Hannigan dann als Vamp im kurzen schwarzen Lederdress mit Netzstrümpfen und schwarzem Ledermantel auf die Bühne – was dann doch für einige fragende Blicke im Publikum sorgt. Die abenteuerlichen skurrilen Sprachfetzen als Karikatur eines geheimdienstlichen Machtapparates, die György Ligeti in seinen Arien aus der Oper "Le Grand Macabre" in Musik übersetzt hat, sind ebenso halsbrecherisch wie grotesk. Sogar die Orchestermusiker müssen hier zusätzlich singen, zischeln, flüstern. In den "Drei Arien" darf auch Rattle mitspielen, als Entsetzensschrei entfährt ihm: "President Mitt Romney…?" Das Publikum jedenfalls war – was so nicht unbedingt zu erwarten war – aus dem Häuschen vor Begeisterung über die virtuos-grotesken Bravourarien der etwas anderen Art, die Barbara Hannigan ganz hinreißend und mit ganzem stimmlichen und körperlichen Einsatz zum Besten gab.
Robert Jungwirth
 

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