Simon-Mayr-Festspiele

Vater der italienischen Oper aus der Oberpfalz

Heute beginnen die ersten Simon-Mayr-Festspiele in Eichstätt, Ingolstadt und Umgebung

(6. Mai 2011) Wer immer in St. Gallen oder München (Bayerische Staatsoper, siehe Kritik auf KlassikInfo.de) "Medea in Corinto" von Johann Simon Mayr (1763-1845) erlebt hat, wunderte sich, warum diese Oper so selten gespielt wird und der Name des seinerzeit in Italien hochgeschätzten Komponisten und Lehrers von Donizetti fast nur noch Spezialisten bekannt ist, vom Wissen um sein umfangreiches musiktheatralisches und kirchenmusikalisches Werk ganz abgesehen.

Das könnte sich nun allmählich ändern. Denn erstmals finden im Wechsel mit den seit Längerem bestehenden Simon-Mayr-Tagen vom 6. bis 22. Mai in Ingolstadt und Umgebung alle zwei Jahre geplante umfangreiche Simon-Mayr-Festspiele statt. Franz Hauk, Kirchenmusiker am Dom in Eichstätt und Hochschullehrer, hat nicht nur das Gros der bislang ungedruckten Noten nach den Autographen für zahlreiche dieses Jahr aufgeführte Werke erstellt oder erstellen lassen, Hauk ist mit Jürgen Bachmann (Kulturreferent von Audi in Ingolstadt) für das vielfältige Programm verantwortlich. Es umfasst das ganze Spektrum Mayrs, dessen Musik noch Haydn und Mozart reflektiert, aber schon auf den italienischen Bel Canto vorausweist – mit Arienabenden, vier Messen innerhalb von Gottesdiensten (in der Neuburger Hofkirche, der Basilika von Kloster Scheyern, der Asamkirche in Ingolstadt und der Taufkirche Mayrs in Mendorf) und zwei Kirchenkonzerten (in der Wallfahrtskirche von Maria Beinberg und der Wallfahrtskirche Heilig Kreuz in Bergen), dem großen Requiem in g-Moll im Eichstätter Dom, einem Internationalen Symposium sowie Opernaufführungen.

Von Mayr 60 (!) Opern und 600 Kirchenmusikwerken sind heute nur noch wenige bekannt, darum will das Festival, an dem auch die Johann-Simon-Mayr-Gesellschaft beteiligt ist, das Werk des "Vaters der italienischen Oper", in seiner Vielfältigkeit auch an Orten präsentieren und erschließen, wo alles anfing: In St. Leodegar in Mendorf, der Taufkirche Mayrs, etwa erklingt am 7. Mai im Gottesdienst eine Messe, die die Grupo Fiati Musica Aperta aus Bergamo aufführt, wo Mayr studierte, am von ihm gegründeten Konservatorium unterrichtete und bis zu seinem Tod am 2. Dezember 1845 mit 82 Jahren starb. Hier findet aber auch unter dem Titel "Mayr und seine Köngin" eines der ambitionierten, von Michaela Mirlach und Lena Heil verantworteten, Kinderprojekte statt. Dabei wird die "Königin der Instrumente", also die historische Orgel, an der schon Mayr spielte, in ihren Funktionen erklärt, und was eine Barocktrompete ist, die vielfach Verwendung findet bei Mayr gleich mit, aber auch im Garten ein Grillfest gefeiert.

In verschiedenen Kindergärten und Schulen erklingt eine Kurzfassung von "Che originali!", einer einaktigen Farsa Mayrs. Sie dreht sich ganz um die Musik, da sie im Haushalt eines permanent und penetrant als Musiker dilettierenden Vaters spielt, der nur einen musikalisch gebildeten Bräutigam für seine Tochter gelten lässt. Das freilich ist nur durch eine List mit Hilfe aller Hausangestellten zu bewerkstelligen: die Ankunft und Lobpreisung des Maestro Semiminima, niemand anderes als der Liebhaber selbst! Aber auch eine komplette, szenisch aufgeführte Oper, das Dramma giocoso von 1810 unter dem Titel "Amore non soffrir opposizioni – Liebe duldet keinen Widerspruch" steht in einer Koproduktion mit der Bayerischen Theaterakademie auf dem Programm. Die Diplominszenierung von Lena Kupatz, dirigiert von Franz Hauk, wird im kleinen, 300 Zuschauer fassenden Theater von Neuburg am 13. Mai aufgeführt – und am 18. und 19. Juni in der Münchner Reaktorhalle gezeigt.

In zwei Konzerten werden Bezüge zwischen Opern Simon Mayrs und seinen Zeitgenossen hergestellt: in einem Konzert der Mailänder Theaterakademie mit jungen Sängern der Scala di Milano und in einer Operngala, mit der das Festival beginnt. Olga Peretyatko singt, begleitet vom Georgischen Kammerorchester Ingolstadt im Festsaal von Ingolstadt Arien aus Mayrs "I misteri eleusini", Rossinis "Il turco in Italia" sowie Donizettis "Lucia di Lammermoor" und "Linda di Chamounix". Letztere sind auch auf der Debüt-CD der jungen Russin bei Sony enthalten, die im August erscheinen wird. Darin erweist sich Peretyako mit hell timbriertem Sopran, der spannungsvoll vibrieren kann, als intensiv gestaltende Belcantistin mit einem großen Spektrum, das bis zu Offenbach, Massenet und Puccini reicht.

Ein Symposium (13./14. Mai) mit renommierten Wissenschaftlern, davon viele aus Italien, ist Untersuchungen zur Akustik alter italienischer Theater sowie der zeitgenössischen Aufführungspraxis und Rezeption von Mayrs Opern gewidmet. Studierende aus Eichstätt stellen ihre Ergebnisse zur Erforschung von Mayrs venezianischen Opern vor.

Den Abschluss der diesjährigen Simon-Mayr-Festspiele bildet am 22. Mai im Eichstätter Dom die deutsche Erstaufführung der anderthalbstündigen "Grande Messa di Requiem" in g-Moll mit Solisten, dem Eichstätter Domchor und L’Arpa Festante. Sie folgt zwar dem liturgischen Text und enthält große Fugen, ist aber "ganz aus dem Geist der Oper geboren, experimentiert mit der Instrumentation und biete eine abwechslungsreiche Ausdeutung der Affekte", wie Hauk bewundernd feststellt.

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