Siegfried Hamburg

Warum bin ich so stark?

Vom Haudrauf zum richtigen Mann: Christian Franz alias Siegfried Foto: Hamburgische Staatsoper

Vor 16 Jahren gab es an der Hamburgischen Staatsoper zum letzten Mal eine Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen". Die Generalmusikdirektorin und Intendantin Simone Young "schmiedet" deshalb gerade an einem neuen "Ring". Die Regie übernahm Claus Guth. Gestern hatte "Siegfried" Premiere.
(Hamburg, 18. Oktober 2009) Im Rheingold und in der Walküre hatte der Hausherr von Walhall, Wotan, noch große Pläne, wie er sich die Welt vorstellte und wie die Menschen zumindest in seinem Kopf zu funktionieren hatten. Deshalb gestanden ihm Claus Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt auch ein großes Welt-Architekten-Planungsbüro zu. Das gibt es im "Siegfried" nun nicht mehr. Wotan hat sich, nachdem letzte intrigante Aktionen fehlgeschlagen sind, in Erdas riesige, meterhohe Bibliothek zurückgezogen, was ihm auch nicht mehr viel nützt. Denn seinen Enkel Siegfried beeindruckt das überhaupt nicht. Der zerschmettert mit seinem Schwert kurzerhand Wotans Speer, worauf die Bücherregale auseinanderbrechen und Siegfried dann irgendwie den Weg in den noch aus der "Walküre" bekannten Keller findet, wo die im Feuerkreis schlafende Brünnhilde auf ihn wartet, und ihn zum ersten Mal in seinem Leben das Fürchten lehrt. Kein Wunder, hat der junge Kraftprotz doch noch nie eine Frau in seinem Leben gesehen.
Claus Guth zeigt Siegfrieds Reifungsprozess vom aufmüpfigen Jungen zum mutigen und dann verliebten Mann sehr einfühlsam, aber auch mit Charme. Überhaupt ist ihm im dritten Teil der Tetralogie eine besonders plausible Profilierung der Personen gelungen, die ein sehr spannendes Spiel miteinander treiben. Mime ist ein Kerl, der mit den Nerven am Ende ist, und den permanenten Streit mit seinem Ziehkind Siegfried nur aushält, weil er regelmäßig Tabletten einwirft. Trotzdem hat er seine nervösen Zuckungen nicht unter Kontrolle. Peter Galliard spielt und singt das schlicht phänomenal, mit hervorragender Textverständlichkeit.
Siegfried ist anfangs noch ein infantiler Bursche, der mit Puppen und Teddybär spielt, doch als es dann ans Schwertschmieden – sprich Erwachsenwerden – geht, fliegt all der Kinderkram energisch in den sich im Boden auftuenden Ofen. Christian Franz gibt in seinen knielangen Hosen und den Schnürstiefeln den idealen unbeholfen-ungestüm-naiven Helden ab, dem mit Kraft alles gelingt, der aber nie weiß warum. Er ist dann auch geschockt, als er in kurzer Zeit den Riesen Fafner und seinen Ziehvater Mime erledigt hat, dem er dann doch noch einmal zärtlich übers Haupt streicheln muss, bevor er sich zu Brünnhilde aufmacht. Es sind diese feinen Momente, die besonders in dieser Inszenierung anrühren.
Musikalisch ist der neue Hamburger "Siegfried" auf allerhöchstem Niveau. Simone Young leitete die Hamburger Philharmoniker sensibel und mit dramatischem Impetus. Das Sängerensemble war in allen Partien hochklassig, u. a. mit Falk Struckmann als Wotan, Wolfgang Koch als Alberich und Ha Young Lee als Waldvogel.
Elisabeth Richter

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