Sibelius Festival

Deutungshoheit in Sachen Sibelius

Foyer und Konzertsaal der Sibelius Hall in Lathi

Foyer und Konzertsaal der Sibelius Hall in Lathi

Das Sibelius-Festival im finnischen Lahti fand jetzt zum 8. Mal statt.
(Lahti, 6.-9. September 2007) Lahti, ca. 100 Kilometer von Helsinki entfernt, ist vor allem Freunden des Skisports ein Begriff. Ein halbes Dutzend mal fanden hier bereits nordische Skiweltmeisterschaften statt. Dass Lahti auch als Musikstadt von einiger Bedeutung ist, dafür sorgt vor allem das 1949 gegründete und seit zehn Jahren von Osmo Vänske sehr erfolgreich geleitete Lahti Symphonie Orchester mit seinen mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen des finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius. Im Jahr 2000 kamen mit der neu errichteten Sibeliushall, einem optisch und akustisch überaus gelungenen Konzertsaal und dem erstmals durchgeführten Sibelius-Festival zwei bedeutende Attraktionen hinzu. In diesem Jahr, dem 50. Todesjahr von Sibelius, fand das Festival zum achten Mal statt, wie immer unter der Führung des Lahti Symphonie Orchesters.
Die Nachricht vom Tod des Komponisten Jean Sibelius am 20. September 1957 versetzte ein ganzes Volk in Staatstrauer. Tausende Finnen säumten die Strassen von Helsinki als der lange Zug dunkler Limousinen den Komponisten zu seiner letzten Ruhstätte geleitete. Ein eindrucksvolles Foto des Trauerzugs ist im Programmheft des diesjährigen Sibelius-Festivals abgebildet.
Mit Jean Sibelius starb nicht nur der pupulärste Komponist Finnlands, es starb auch ein nationales Symbol. Wie kein anderer Künstler vor und nach ihm hat er den lange Zeit fremdbestimmten Finnen dabei unterstützt, eine nationale Identität zu gewinnen. Fünfzig Jahre nach dem Tod von Jean Sibelius ist die Verehrung für den Komponisten in Finnland ungebrochen.
„Sibelius war vielleicht die erste finnische Person, die international so bekannt wurde. Wenn ein kleines Land wie Finnland unabhängig sein will, braucht es solche Monumente, um zu sagen: ‚Hier sind wir, seht was wir können'“, sagt Osmo Vänskä, Chefdirigent des Symphonieorchesters von Lahti.
Mit seinen zahlreichen Sibelius-Aufnahmen und den Konzerten bei den bislang acht Ausgaben des Sibelius-Festival erhebt das Lahti Symphonie Orchester unter Osmo Vänksä so etwas wie die Deutungshoheit in Sachen Sibelius. Ohne Frage bringt das Ensemble den Werken des großen Finnen nicht nur jede Menge begeistertes Engagement, sondern auch eine bemerkenswerten Flexibilität und Intensität im Ausdruck entgegen.
Die Vielfalt im Schaffens von Sibelius zu zeigen, das ist ein wesentliches Anliegen des im Jahr 2000 gegründeten Sibelius Festivals, bei dem das Lahti Symphony Orchestra traditionell sämtliche Orchesterkonzerte bestreitet.
So waren in diesem Jahr neben Repertoire-Werken wie der vierten und der fünften Symphonie sowie der wunderbaren frühen „Kullervo“-Symphonie für Sopran, Bariton, Männerchor und Orchester auch wenig bis gänzlich unbekannte Werke wie die Musik zur Pantomime „Scaramouche“ aus dem Jahr 1913 oder einige von Sibelius‘ Orchesterliedern mit dem noch immer fantastischen finnischen Bariton Jorma Hynninen zu hören. Lieder mit melancholischem Trauerflor wie dem „Kom nu hit, död!“ („Come away, death“) oder der expressionistisch anmutenden Miniatur „Pa verandan vid havet“ („On a Balcony by the Sea“).
Ergänzt wurden die Orchesterkonzerte durch eine Klaviermatinee mit dem finnischen Pianisten Eero Heinonen. Zu hören waren einzelne Stücke oder Teile aus Zyklen wie die Zehn Stücken aus Opus 24, meist sehr virtuose Kompositionen zwischen Salon und spätromantischer Geste.
Was beim Hören von Sibelus‘ Musik neben ihrer Empfindungstiefe auffällt, ist der Ideenreichtum, die sprühende Originalität, die sich in den sinfonischen Formen ebenso ausdrückt wie in Miniaturen wie Liedern oder kleinen Orchesterstücken, die in Lahti zum Teil als Zugaben gespielt wurden.
Für den Sibelius-Spezialisten Osmo Vänskä liegt denn auch im Detailreichtum die besondere Herausforderung für die Interpreten, wie er im Gespräch erzählt. „Wenn diese Details nicht an der entsprechenden Stelle hörbar werden, klingt es nicht gut. Bei Haydn zum Beispiel ist völlig klar, was die Baßlinie ist, was die Begleitung und was die Melodie. Bei Sibelius ist es manchmal nicht so offensichtlich, was passiert. Also muß der Dirigent immer genau wissen, was wichtig und was weniger ist, um die klanglichen Ereignisse entsprechend zu gewichten.“
Einspielungen des Lahti Symphony Orchestras sind wesentlicher Bestandteil des Mammutprojekts des schwedischen Plattenlabels BIS. Leiter des Labels ist Robert von Bahr, dessen Sibelius-Begeisterung in der Familie liegt. Ein Vorfahre von ihm reparierte Sibelius‘ Geige, ein anderer führte Stücke von ihm urauf. Von Bahr hält die allermeisten der rund 900 Kompositionen von Sibelius für wertvolle Musik und ärgert sich, dass er meist nur mit ein paar Stücken in Verbindung gebracht wird.
Die ersten beiden CD-Schuber mit Tondichtungen und Kammermusik wurden jetzt beim Sibelius-Festival stolz der Öffentichkeit präsentiert. Bis zum Jahr 2010 soll das Gesamtwerk von Sibelius auf CD veröffentlichen vorliegen.
Das nächste Sibelius-Festival findet im nächsten Jahr statt – auch dort kann man wieder zahlreiche Entdeckungen machen.
Robert Jungwirth

Zum Sibelius-Festival gibt’s Sibelius Champagner

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.