Semiramide

Babylon in Nordkorea

Joyce DiDonate und Alex Esposito Foto: Anne Kirchbach

Nach 180 Jahren gibt es in München wieder eine szenische „Semiramide“, exzellent besetzt u.a. mit Joyce DiDonato und mit einem sensationellen Staatsorchester unter Michele Mariotti
Von Klaus Kalchschmid
(München, 12. Februar 2017) Man hätte es nach den doch arg zähen 110 Minuten des ersten Akts – was erzählt Wagner nicht alles im ebenso langen 1. Aufzug seiner „Götterdämmerung“! – kaum erwartet, dass nach der Pause plötzlich ein spannendes Drama beginnt, das immerhin auf einem Schauspiel Voltaires basiert: Semiramide, einst Mörderin ihres Gatten und mutmaßlich auch des verschollenen gemeinsamen Sohns, wird in ihrem Schlafzimmer bedrängt vom Mittäter Assur, der seinen Teil an Thron und Bett der Usurpatorin einfordert. Wie frei und elektrisierend Rossini diese Szene komponierte, David Alden sie als Psychokrimi inszenierte, der junge Michele Mariotti am Pult des traumhaft sensiblen Staatsorchesters die Fäden in der Hand hielt und natürlich Joyce di Donato in der Titelpartie der mythenumrankten babylonischen Königin sowie Alex Esposito als ihr einstiger Geliebter sangen und spielten – das ließ in seiner Intensität so manche Länge vor der Pause vergessen. Diese musikdramatische Glück sollte noch einige Zeit anhalten, denn auch die Szene als Arsace, der junge Feldherr, den Semiramide auserkoren hat, mit ihr zu herrschen, erfährt, dass er der totglaubte Sohn Semiramides ist, und die Mutter nun fürchtet, er werde sie ob des Mords an seinem Vater ebenfalls töten, besaß in höchstem Maße szenische und musikalische Spannung. Doch gegen Ende, als die Katastrophe ihren Lauf nahm, und Arsace im Dunkeln statt Assur doch die Mutter tötete, nahm sich Rossinis letzte italienische opera seria wieder viel Raum für ausufernde Arien und die Entfaltung von längst Gesagtem.
David Alden – an der Bayerischen Staatsoper durch viele, originelle und im weitesten Sinne farben-reiche (nicht nur) Händel-Produktionen in der Ära Sir Peter Jonas berühmt-berüchtigt – arbeitete wieder mit seinem bewährten Ausstattungs-Team zusammen. Paul Steinberg entwarf als Tempel Baals eine sozialistische Herrscher-Halle der 1960er Jahre in Fiebergelb und Resopal-Braun mit riesigem kantigem Lüster, wie er typisch für diese Zeit ist. Wände und Decke waren verschiebbar und gerierten immer wieder neue, auch intime Räume. Statt eines Standbilds des Gottes Baal gab es eine riesige Statue eines Herrschers zu sehen – ob aus Nordkorea stammend, aus dem Iran der Schahzeit oder von Saddam Hussein – blieb offen. Jedenfalls war sie ebenso überlebensgroß, wie die geschönten Fotos der einstigen Herrscherfamilie vor imposanten, entsprechend künstlich illuminierten Berg-Landschaften an den Wänden gigantomanisch leuchteten.
Buki Shiff entwarf ungemein prächtige, anspielungsreiche Kostüme die einen Oscar verdient hätten: Vor allem in der Szene, als Semiramide sich für einen Thron-Anwärter entscheiden muss, waren deren Gewänder  an Extravaganz und Opulenz nicht zu überbieten. Der indische Prinz Idreno (der feine, höhensichere Rossini-Tenor Lawrence Brownlee) und sein weißer, üppig bestickter Brokat samt Turban würden dem „Tiger von Eschnapur“ alle Ehre machen, Assurs Perücke und seinen vielfach gefälteteln Wickelrock kennt man von jahrhundertealten in Stein gemeißelten Abbildungen assyrischer Herrscher, Oberpriester Oroe (mit würdiger Bass-Gewalt: Simone Alberghini) könnte auch als kostbar bestickte Variante eines Mullah von heute durchgehen. Und Joyce DiDonato gäbe im feinen Rankenmuster ihrer Robe als Farah Dibah im Teheran der 1960er Jahre keine schlechte Figur ab.
Mit viel Witz wurden von Shiff auch die Choristen des exzellenten Staatsopern-Chors eingekleidet – und fühlten sich darin hörbar wohl: Gäbe es doch auch auf der Maximilianstraße so viele bunte Varianten von Mantelkleidern (oder gar Hosenanzug!) mit dazu passendem, elegantem Kopftuch. Es war die reinste islamische Modenschau und selbst in der 9. Reihe hätte man eines Opernglases bedurft, um all die Finessen zu würdigen. Die Männer waren da naturgemäß schlichter gekleidet, aber nicht minder augenzwinkernd, so wenn Shiff am Ende Parade-Uniformen mit halben Schlachter-Schürzen kombinierte und die Requisite noch echte Äxte dazu fertigen ließ!
Leider aber beschränkte sich der erste Akt auf die gemächliche Entfaltung der Handlung, die auch umfasst, dass natürlich Arsace nicht in Semiramide, sondern in Azema  verliebt ist, die in wiederliebt. Alden und Shiff schnüren sie in ein herrlich golden plissiertes Kleid mit überlangen, sie fesselnden Armen ein und lassen sie mit Glatze seltsam verführerisch zombiehaft erscheinen, weshalb auch Assur und Prinz Idreno in sie verliebt sind. Elsa Benoit singt sie mit feinem Sopran und agiert wie eine Puppe. Als Semiramide vom Volk gedrängt wird, doch endlich einen Thronfolger zu bestimmen, fährt ein Blitz nieder und löscht hier nicht das heilige Feuer, sondern die kleine, elektrische Fackel der bronzenen Statue des einstigen Herrschers. Wenn später dessen Geist aus dem Grab eingreift und um Rache heischt, fangen die alles überstrahlenden Videos seiner Gestalt an sich zu vervielfältigen.
Leider bleibt szenisch vieles in diesem ersten Akt sehr statisch und man würde sich angesichts der Qualität der Sänger und des großartigen Orchesters beinahe eine konzertante Aufführung wünschen, wie sie am 3. Dezember 1990 mit Edita Gruberova im Nationaltheater stattfand. Ihr ist auch eine der beiden ungekürzten Fassungen auf CD zu verdanken. Seit der deutschen Erstaufführung 1824 im heutigen Cuvilliès-Theater und einer Neuinszenierung im Jahr 1832 im Nationaltheater, war „Semiramide“ nicht mehr auf dem Spielplan der Bayerischen Staatsoper zu finden. Wenn sie jetzt, moderat und geschickt um eine halbe der insgesamt fast vier Stunden gekürzt, erneut auf die Bühne findet, darf man sich vor allem über das freuen, was der 37-jährige Michele Mariotti mit dem Staatsorchester zaubert. Er sog als Sohn des langjährigen Leiters des Festivals in Rossinis Geburtsstadt Pesaro diese Musik offensichtlich mit der Muttermilch ein und hat ein schier grenzenlos feines Gespür für ihre Facetten, für ihre exquisite Klanglichkeit, die Flexibilität von Rhythmus und Metrum. In oftmals gemäßigten Tempi bringt er all ihre Schönheiten zur Entfaltung, manchmal vielleicht ein wenig auf Kosten des theatralischen Zugriffs, aber das kann man angesichts der „Fülle des Wohlauts“, mit der man dafür beschenkt wird, getrost vergessen, zumal es auch oft den Komponisten selbst wenig interessierte. Und wenn es dann man darauf ankam, die Zügel straffer zu halten, besaß auch Mariotti das perfekte Timing
Grandios waren die Sänger, allen voran Joyce DiDonato als Semiramide. Sie besitzt nicht nur eine überwältigende Bühnenpräsenz, sondern auch einen in allen Langen tragfähigen, klangvollen, raumgreifenden und doch höchst beweglichen Mezzo, eine Stimme also, wie sie sich Rossini erträumt haben mag. Alex Esposito beweist einmal mehr, dass er nicht nur ein begnadeter Komiker ist – etwa als Leporello -, sondern auch den fiesen, machtlüsternen Typen in Gestaltung und Stimme gefährlich verkörpern kann. Daniela Barcellona, deren Debüt mit 29 Jahren als Rossinis Tancredi in Pesaro noch in allerbester Erinnerung ist, lässt als Arsace kaum Wünsche offen. Nur schade, dass die Maske ihr Haare und aufgemalte Bartstoppeln verpasste, die sie aussehen lassen wie ein Mädchen, das im Fasching einen Piraten spielt. Um wievieles besser nehmen sich da die Bilder von der Klavierhauptprobe im Programmheft aus!  
Die Vorstellung von „Semiramide“ am 26. Februar (17 Uhr) wird via www.staatsoper.de/tv kostenlos im Internet übertragen
   

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.