Sellars und Currentzis eröffnen Salzburger Festspiele mit Idomeneo

Quallenalarm an Kretas Küste

„Più fumo che arrosto“, „Mehr Rauch als Braten“ würde ein Italiener wohl in Abwandlung eines Sprichworts zur Salzburger Festspielpremiere von Mozarts „Idomeneo“ in der Inszenierung von Peter Sellars und unter der musikalischen Leitung von Teodor Currentzis sagen

Von Derek Weber

(Salzburg, 7. August 2019) Seit Wochen geht ein Gespenst um in Salzburg. Es spricht vom Klimawandel, der Kreta auf der Bühne bedroht. Doch wie so oft bei düsteren Prophezeiungen, geht es auch dort weniger heiß her als auf dem Ankündigungsmarkt. Dem Zweigespann Peter Sellars – Teodor Currentzis war aufgetragen, Mozarts frühes Meisterwerk „Ideomeneo“ in Szene und Musik zu setzen. Von beleidigten Klimagöttern war die Rede, von fürchterlichen Stürmen, Tsunamis gar.

Natürlich spielen diese kataklysmischen Ereignisse in Mozarts Oper eine hervorragende Rolle: Idomeneo, der kretische König, gerät auf seiner Heimfahrt von Troja, wo er mit seinen Mannen blutig gewütet hat, in einen fürchterlichen Sturm und wird an den Strand seiner Heimatinsel gespült.

Gut möglich, dass so ein Sturm heutzutage mit klimatischen Veränderungen zu tun haben könnte. In der alten griechischen Fabel liegt die Ursache darin, dass Idomeneo Poseidon, den Gott des Meeres, erzürnt hat. Das ist viel persönlicher gemeint als irgendein Klimasturm: Poseidon ist mit Troja verbündet. Und wenn man eins und eins zusammenzählt, ist nicht schwer zu erraten, warum Idomeneo bestraft wird. Er hat in Troja Kriegsverbrechen begangen. Und schon hat man ein Motiv, das – abseits aller ökologischen Dispute – mitten in unsere „Idomeneo“-Geschichte hineinführt: Poseidon hasst Idomeneo für das, was er als einer der griechischen Heerführer in Troja angestellt hat. Er sorgt für Sturm und Seuchen und dafür, dass Idamante, Idomeneos Sohn, den Vater als Erster findet und daher sterben muss.

Aber spielt denn die Klimafrage in Peter Sellars Inszenierung tatsächlich eine so entscheidende Rolle, wie das im Vorfeld der Oper angeklungen ist? Einige Quallen-Elemente in George Tsypins Bühnenbild legen es nahe, aber sie sind nicht wirklich eingreifend angelegt. Immerhin könnte das auf Meeresverschmutzung hindeuten. Aber in den entscheidenden Sturm- und Ungeheuer-Szenen bleiben die Quallendinger passive Beobachter. Am Ende der Oper hängen sie traurig am Bühnenplafond. Weißer Rauch wird verpustet, wo angeblich eine Katastrophe stattfindet. Immer wieder fallen Statisten zu Boden. Aber das wirkt auf dem weiten Rund der Felsenreitschule seltsam aseptisch. Da hat man in den letzten Jahrzehnten schon Eingreifenderes gesehen.

Überhaupt zieht sich eine merkwürdige Unentschiedenheit durch die Inszenierung. Vieles bleibt statisch und phantasielos, manches wirkt bloß hinskizziert, vor allem in den Anfangsszenen, in denen die gefangenen Trojaner von MP-bewaffneten Wächtern hin- und hergeschubst werden. (Darauf kann ja kein Regisseur verzichten. Aber Peter Sellars sollte normalerweise mehr einfallen, denkt man sich.) Manches kommt auch einfach nur ungeschickt daher, wie die Rauchschwaden, die eher erratisch denn gezielt eingesetzt wirken, oder Szenen, in denen massenhaftes Sterben zu einem wenig beeindruckenden Hinfall-Ballett wird. Das packt nicht.

Da ist die alte Griechenwelt musikalisch bei Teodor Currentzis, dem Freiburger Barockorchester und dem musicAeterna Chor aus Perm weitaus besser aufgeboben. Currentzis lässt mit Kraft artikulieren, spitzt zu, feilt an vielen Details, die sonst nicht bedacht werden. Da wird spannende Musik gemacht. (Nur manchmal fehlt den alten Streichern die Kraft, um den großen Raum zu überlisten. Dann sieht man sie eher spielen, als dass man sie im emphatischen Sinn hört. Der Rest entfleucht in die enorme Breite der Felsenreitschule. Aber das hätte man alles von vornherein wissen müssen. Genauso wie die Crux, dass beleuchtete Blinkstäbe wenig Stimmung machen, wenn´s um Sturm und Tod geht.)
An Rezitativen und anderem Entbehrlichem wurde eingespart, was nur irgend möglich ist. Eingefügt hingegen wurde eine Arie aus der Schauspielmusik zu „Thamos, König in Ägypten“, welche die (entbehrliche) Gelegenheit gab, die Statisterie choreographisch agieren zu lassen. Und im Schlussteil tauchen Passagen, die man sonst (weil gestrichen) nie hört. Nicht gestrichen wurde die Elektra-Arie am Ende der Oper, die Mozart eliminieren wollte, weil sie ihm zu sehr von der Aussage des Stücks abzulenken schien. Kein Regisseur könnte wohl dazu gebracht werden, auf dieses Stück ekstatischer Musik zu verzichten, an dessen Ende die griechische Prinzessin, aller Hoffnungen auf eine Karriere beraubt, zusammenbricht. Gespielt hingegen wurde die oft gestrichene Ballettmusik, mit der die Oper schließt (hier ergänzt durch einen traditionellen Tanz von der Pazifikinsel Samoa).
Die Sänger der männlichen großen Rollen – inklusive Russell Thomas als Idomeneo – füllten ihre Parts mit Bedacht aus. In Erinnerung bleiben aber werden Paula Murrihy als Idamente, Ying Fang als Ilia und Nicole Chevalier als Elettra, die ihre Rollen mit Leben zu erfüllen wussten.
Der Schlussapplaus war wie immer in Salzburg riesengroß, doch mischten sich darein auch vereinzelte Buhs für die Regie, die sich in der Tat immer wieder in choreographisch angehauchte Lösungen verlor, für die man sicherlich bessere und weniger redundante Lösungen hätte finden können. Im Vergleich zum „Titus“, den der Dirigent und der Regisseur am selben Ort gemacht haben, war „Idomeneo“ bei weitem weniger überzeugend. Heuer klaffte zwischen der musikalischen und der szenischen Umsetzung eine ziemliche Lücke.

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