Sciarrinos Stradella-Oper in Berlin

Alles nur Theater?

Musikalisch ist die Uraufführungsproduktion von „Ti vedo, ti sento, mi perdo“, der neuen Oper von Salvatore Sciarrino, ein Triumph an der Berliner Staatsoper

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 7. Juli 2018) Salvatore Sciarrino ist ein Meta-Musiker. Er hat die avancierten Klänge unserer Zeit nicht weniger im Blut als Helmut Lachenmann, aber er ist auch fasziniert von der Musik des Barock und der Renaissance. Vor allem von den seltsamen Schicksalen der Komponisten jener Zeit – allen voran Gesualdo Fürst von Venosa, der als Mörder seiner Frau und von deren Liebhaber berühmt wurde, nun aber auch von Alessandro Stradella, der nach einem ausschweifenden Liebesleben einem Mord zum Opfer fiel. Und schon einigen romantischen Opern als Held diente, so bei Friedrich von Flotow.

Seine Oper „Ti vedo, ti sento, mi perdo – In attesa di Stradella“ (Dich sehen, dich spüren, mich verlieren – Warten auf Stradella) wurde im November 2017 an der Mailänder Scala uraufgeführt in der Inszenierung von Jürgen Flimm, Ex-Intendant der Lindenoper; Lindenopern-GMD Daniel Barenboim war bis 2017 auch Musikdirektor der Scala, und so kam die Uraufführungs-Produktion nun auch nach Berlin. Die musikalische Leitung lag in den Händen des jungen Franzosen Maxime Pascal. Er hält die Fäden des fragilen Gespinstes wunderbar zusammen, das Sciarrino aus gegenwärtigen und alten Klängen, für die Staatskapelle im Graben und deren Solisten in den Proszeniumslogen und die Sänger auf der Bühne im wahrsten Sinne des Wortes „komponiert“ hat. Der Abend atmet ein und atmet aus, haucht, hält die Luft an – und singt dann auf einmal aus vollem Hals.

Vor allem singt Laura Aikin, sie ist die Sängerin auf der Bühne, die eine Aufführung Stradellas probt. So lange der mit diversen Damen beschäftigte Komponist Stradella nicht auftaucht, singt sie eben andere Sachen – schon alleine wie sie diese umfangreiche Partie nicht nur durchhält, sondern auch mit Leben erfüllt, ist bewundernswert. Sie trällert und kokettiert, singt schmiegsame Melodien und schüttet ihr Herz aus – und wartet immer wieder neu auf Alessandro Stradella. Den ganzen Abend vergebens. Am Ende wird die Todesnachricht sie niederschmettern: Stradella wurde ermordet.

Die Konstellation auf der Bühne gleicht der von „Capriccio“ von Richard Strauss: Ein Musiker und ein Dichter verplaudern die Wartezeit, während sie der Diva mehr oder weniger Aufmerksamkeit schenken. Mit dem Bariton Otto Katzameier als Literat hat Laura Aikin einen erfahrenen Sciarrino-Kämpen an ihrer Seite, der sehr genau mit dem Sciarrino-Stil vertraut ist und gerade erst in Lübeck wieder den Herzog in „Luci mie traditrici“ gesungen hat (siehe klassikinfo.de vom 6. April 2018). Die gestauchten, wie im Schock ausgestoßenen Laute werden bei ihm Ausdruck einer beredten Sprachlosigkeit. Nicht weniger virtuos geht der Tenor Charles Workman mit der Partie des Musikers um, die beiden sind ein kongeniales Paar.

Auch einen sechsköpfigen Chor hat die Sängerin bei sich, um die Zeit zu überbrücken. Gleich am Anfang finden sich in dieser Plauderei gängige Sciarrino-Hausnummern wie Cato, Borromini, Caravaggio, Orpheus, Sirenen. Natürlich geht es um den Ur-Musiker Orpheus, dessen abgeschlagenes Haupt noch auf den Wellen des Meeres sang – dieses Bild wird am Ende, nach der Todesnachricht des „neuen Orpheus“ Stradella auftauchen – und um die todbringenden Anti-Sängerinnen der Sirenen. Alles Ur-Topoi der Oper, immer wieder gut zum Erinnern: Vom „Echo des Begehrens“ singt die Sängerin und trifft damit sehr gut den Charakter von Sciarrinos Bühnenwerken, ja den Kern seiner Musik.

Für weitere Plaudereien zum Zeittotschlagen sind die fünf Diener (Sónia Grané, Lena Haselmann, Thomas Lichtenecker, Christian Oldenburg und Emanuele Cordaro) zuständig. Hemmungslos ziehen sie über die Herrschaften und die Zeitläufte her. Doch um was geht es eigentlich in dieser Oper über einen abwesenden Komponisten? „Schlaft, Augen, schlaft,“ mit diesen Worten singt ein „Junger Sänger“, kostümiert wie man sich im Barock einen Orpheus vorgestellt haben mag, das Requiem für den toten Komponisten, „und wenn innerer Krieg manchmal euch aufsperrt, den Tränen nur öffnet die kranken Pupillen.“ David Ostrek aus dem Opernstudio und als Einziger nicht schon in Mailand dabei, singt die traurige Botschaft nicht nur vom Tod eines Komponisten, sondern vom Tod der Musik mit Wärme.

Das Regieteam hat die fragmentierte Handlung fraglos werktreu umgesetzt. Ursula Kudrna hat alle Beteiligten in opulente Barockkostüme gesteckt (die Schau sind die Bühnenarbeiter, die in langen schwarzen Kutten mit weißen Halskrausen auftreten). George Tsypin hat ein Barockbühnchen bauen lassen, das von vier Tsypin-typischen Glassäulchen umrahmt wird. Und darum herum gibt es noch ein unglaubliches Gewimmel an Dekorationen, Menschen und Aktionen (sogar eine als Ballettratten verkleidete Kinderkomparserie tapst über die Bühne), für die es nur eine einzige Erklärung gibt: Horror vacui. Das Theater führt seine Mittel vor: Wie oft haben wir das schon gesehen.

Nur in wenigen Momenten entsteht Verzauberung, aber auch die wirkt gemacht und wird ausgewalzt, etwa wenn zu einem pompösen Barockmarsch zweimal Konfetti in den Graben gestreut wird, obwohl das für die Musiker gewiss schon einmal zu viel gewesen sein muss. Geht es in Sciarrinos neuer Oper denn tatsächlich nur um selbstreferentielle Betrachtungen von Theaterleuten? Geht es am Ende gar um den Tod des Theaters schlechthin? Weniger wäre hier mehr gewesen für das zarte Gewebe, das der Komponist gesponnen hat. So freuen wir uns auf eine zweite Produktion, die den Traumklängen Sciarrinos mit mehr Einfühlungsvermögen folgt, weniger konventionelle Wege geht und nicht auf die wohlfeilsten Lacher setzt – wo immer sich eine Bühne dafür finden mag.

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