Schumanns Dichterliebe mit Prégardien

Lieder als faszinierendes Kammerspiel

Julian Prégardien hat zu Schumanns Dichterliebe aufwendig recherchiert, bevor er sie auf CD eingesungen hat – begleitet von dem Schumann-Experten Éric Le Sage

Von Bernhard Malkmus 

Wenn man Robert Schumanns Dichterliebe einspielen will, schauen einem viele Über-Ichs mit Ihren ehrfurchtgebietenden Diskografien über die Schulter. Einem solch kanonischen Werk neue Töne zu entlocken und diese zu einer eigenständigen Botschaft zu verbinden, ist nicht leicht. Der lyrische Tenor Julian Prégardien hat sich der Herausforderung gestellt. Seine Einspielung ist betörend schön, rhythmisch lebendig und kongenial begleitet von Éric Le Sage. Und dennoch bleibt er am Ende etwas schuldig.

Um seine eigene Dichterliebe erzählen zu können, stellt Prégardien neue Zusammenhänge her: Er legt das Autograph und die von Hansjörg Ewert erarbeitete kritische Edition (Bärenreiter) unter die Folie der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. Er gleicht also die Druckfassung mit der Agogik früherer Entwürfe ab und misstraut den oft unter verlegerischen Gesichtspunkten getroffenen Kompromissen der Letztfassung. So findet er „weitaus überzeugendere rhythmische und deklamatorische“ Vorschläge für die Phrasierung. Das erlaubt es ihm, im Notenmaterial neue Bewegungen und Strömungen zu entdecken. Das Studium der Aufführungspraxis eröffnet auch neue Blickwinkel. So hat Clara Schumann bei der Erstaufführung Auszüge aus den Kreisleriana in den Zyklus eingefügt; die vier von Schumann aus der Endfassung gestrichenen Lieder wurden gelegentlich wieder eingefügt.

Prégardien, und das ist seine zweite Neukontextualisierung, bricht zwar den Zyklus nicht auf, aber er bettet ihn gewissermaßen um. Diese Umbettung erschließt sich nicht sofort und man ist Hansjörg Ewert dankbar für seine erklärenden Hinweise im Begleitheft. Die Dichterliebe, entstanden im Jahr der Eheschließung von Clara und Robert 1840, wird eingelassen in ein Geflecht aus Kompositionen beider Ehepartner aus dieser Zeit. Sie sollen, so der Begleittext, „die Dichterliebe atmosphärisch umgeben“ – tun dies aber gerade nicht. Vielmehr stellen sie spannende Kontraste zur Bipolarität des Zyklus her: sie besingen Eheglück und gelungene Zweisamkeit („Wenn ich ein Vöglein wär“), ambivalente Gefühle gegenüber der Ehe („Aus den hebräischen Gesängen“), Angst vor der Ehe („Die Löwenbraut“). Prégardiens Prolog und Epilog zur einsamen Dichterliebe bilden also ein musikalisches Psychogramm der Zweisamkeit, das die Sopranistin Sandrine Piau in den Duetten zusätzlich mit Anschaulichkeit füllt. So wird aus Kammermusik ein faszinierendes Kammerspiel.

Prégardien findet in diesem Kammerspiel schnell seine eigene Stimme: rhythmisch geschmeidig, gestisch flexibel, dramaturgisch entschlackt, auf wenige Pathoshöhepunkte konzentriert. Die fast tänzerische Biegsamkeit seiner athletischen Stimme wirkt nie undiszipliniert, was seinem stabilen Resonanzraum geschuldet ist, aus dem auch die tiefen Register warm leuchten. Wie er nahtlos von perlenden lyrischen Tenorpassagen ins samtene Baritonregister wechselt, ist eine Klasse für sich.

Diese stimmlichen Qualitäten werden noch zusätzlich durch die Begleitung zur Geltung gebracht. Le Sage bringt auf einem restaurierten Leipziger Fortepiano aus Schumanns Todesjahr ein nuancenreiches, doch pastellen abgedunkeltes Klangfarbenspektrum zum Leuchten und verleiht damit der agogischen Architektur eine warme Klarheit. Wie dieses Leuchten an den ins Offene auslaufenden Enden vieler Lieder zu Fragezeichen gerinnt, bleibt verstörend in Erinnerung. In „Im Rhein, im heiligen Strome“ assistiert dieses wendige Fortepiano Prégardiens Stimme dabei, sich unmerklich vom „Blechbläser“ zum „Holzbläser“ zu wandeln, sich gleichzeitig nach innen zu kehren und nach außen zu öffnen, aus hart geschmiedetem Tonmaterial unverhofft schwebende „Blumen und Engelein“ zu formen. Das „Sie hat ja selbst zerrissen / zerrissen mir das Herz“ am Ende von „Und wüßtens die Blumen“ ist unvergesslich. Aus dem lyrischen Tenorfutter blitzt urplötzlich ein Messer.

Umso bedauerlicher, dass Prégardien und Le Sage diese Spannkraft am eigentlichen dramatischen Höhepunkt, dem Liedpaar „Am leuchtenden Sommermorgen“ und „Ich hab im Traum geweinet“, nicht halten können. Die kaum erträglichen Abgründe, die sich hier auftun und denen sich etwa Fischer-Dieskau so ungeschützt ausgeliefert hat, bleiben zugedeckt und unerforscht. Schade! Das Fortepiano plätschert orientierungslos um die Stimme, der das Skript abhandengekommen ist. Prégardiens Stimme ist einfach zu schön, um verletzlich zu sein. Wie verletzlich auch ein lyrischer Tenor sein kann, zeigte Fritz Wunderlich bei diesem Lied (und nicht nur da). Die Membran seiner Stimme kann dem Alpdruck kaum mehr standhalten, gewinnt aber genau in dieser Ausgesetztheit eine unerwartete Anmut.

Trotz dieser Einschränkung eine unbedingt empfehlenswerte Entdeckung.

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