Schubert im Township

Erlkönig als Missbrauchsdrama

Mit einem außergewöhnlichen Musikprojekt gehen der südafrikanische Sänger und Regisseur Kobie van Rensburg und die Organisation Umculo in Südafrika soziale Probleme an: mit Schubert-Liedern

Von Laszlo Molnar

(Kapstadt, im Mai 2017) Ein sonniger Wintertag am Kap. Kurz nach Schulschluss In der Isilimela Comprehensive School im Township Langa vor den Toren Kapstadts. Schüler fallen übereinander her. Ein schwarzer Junge liegt am Boden, zwei andere liegen auf ihm und halten ihn nieder. Ein Mädchen weint, ein anderes rauft sich die Haare. Ein drittes läuft mit Schrecken im Gesicht davon. Gruppen von anderen Schülern stehen im Kreis herum und schauen sich den Vorgang an. Sie mischen sich nicht ein. Die alltägliche Gewalt unter einer Gruppe von Südafrikas Bevölkerung, der man kaum Chancen für eine erfolgreiche Zukunft zuspricht? Alltag an einer Schule für Schwarze in einer Gegend, von deren Besuch man Weißen ohne Begleitung eher abrät?

Die Teilnehmer des Workshops in Langa Fotos: Laszlo Molnar

Gewissermaßen. Die Jungen und Mädchen sind jedoch nicht in feindlicher Absicht übereinander hergefallen. Sie wurden sogar dazu aufgefordert, von einem Trainer und Coach. Sie waren Darsteller in einem Minidrama, in dem sie eigene Erlebnisse zum Gegenstand machen sollten. Denn die Gewalt, welche die Schüler in einem luftigen „Creativity Room“ an einem sonnigen Wintertag am Kap in dieser Szene darstellten, ist wirklich Alltag. Ihr Alltag. Tausende junger Schwarzer im Schulalter in Südafrika werden Tag für Tag Zeugen von Gewalt, wenn nicht Opfer. Diese Gewalt erleben sie in ihren Familien, bei Freunden, bei Verwandten. Sie erleben sie sogar in der Schule, wo sie von Drogendealern bedrängt werden. Gewalt in den Familien der schwarzen Bevölkerung Südafrikas ist eines der größten Probleme, mit denen das Land zu kämpfen hat.
Die meisten dieser jungen Menschen haben die Anwesenheit von Gewalt in ihrem Alltag akzeptiert, so dass sie nicht darüber sprechen. Andererseits sind auch kaum Personen da, mit denen sie dies vertraulich tun könnten.

Diesem Teufelskreis zu entkommen, dafür gibt es nur wenig Hoffnung für den größten Teil der schwarzen Bevölkerung Südafrikas. Die in jungen Jahren erlebte Gewalt – Ehemänner kommen betrunken nach Hause, sie schlagen ihre Frauen, sie schlagen ihre Söhne, sie missbrauchen ihre Töchter – setzt sich in den Köpfen fest und in den Lebensläufen fort. Wenn aus den Jungen Männer, Ehemänner und Väter geworden sind, handeln sie oft nach dem Vorbild ihrer Väter. Die heutigen Mädchen lassen sie später als Ehefrauen und Mütter gewähren.

In der Township-Schule in Hout Bay, einem luftigen Gebäudekomplex mit einem kleinen Amphitheater und Blick über die Bucht, betreuen neun Lehrer 500 Schüler. Das reicht kaum, um mit dem Schulstoff durch zu kommen. Für persönliche Zuwendung bleibt keine Zeit.
Die Minidramen im Kreativ-Raum sollen ein Mittel sein, damit die Saat der Gewalt nicht widerstandslos aufgeht. Sie werden ermöglicht von „Umculo“, einer deutsch-südafrikanisch-australischen Non-Profit-Organisation. „Umculo“ – der Begriff stammt aus der südafrikanischen Sprache Xhosa und bedeutet sowohl Musik als auch Versöhnung – wurde vor zehn Jahren von der Musikjournalistin Shirley Apthorp ins Leben gerufen. Ihre Familie stammt aus Südafrika und Australien. Inspiriert wurde sie dazu vom venezolanischen Musikerziehungsmodell „Sistema“ und dessen Erfolgen bei der Ausbildung junger Menschen aus sozial schwachen Schichten. El Sistema bildet junge Menschen aus sozial schwachen Schichten zu Instrumentalisten und sogar Dirigenten aus. Der berühmteste Sprössling des Systems heißt Gustavo Dudamel – schon seit vielen Jahren einer der gefragtesten Dirigenten der Welt. Apthorp sah die Stärke der schwarzen Südafrikaner in ihren guten Stimmen und ihrer Lust am Singen. Ihre ersten Projekte befassten sich damit, Gesangsbegabte Schwarze an die europäische Gesangskunst, an die Chor-und Operntradition heranzuführen. Dafür begeisterte sie Musiker und Regisseure aus Deutschland und Österreich und brachte sie dazu, Opern mit Mitwirkenden aus Südafrika zu erarbeiten. Purcells „King Arthur“ etwa und Monteverdis „Orfeo“.

Mit der Zeit wurde die sozialpolitische Seite der Aktivitäten gestärkt. Nach wie vor begegnen sich die Mitwirkenden und ihr Publikum in Musikschulen und Theatern in ganz Südafrika. Aber nun geht „Umculo“ selbst zu den Brennpunkten. Dort, an Schulen und Gemeindezentren in Townships, veranstaltet die Organisation Aufführungen und zum Thema der Produktionen gehörende Workshops.

Lebona Sello leitete die Umculo-Workshops in den Township-Schulen

Seit den Umsiedlungen des „Group area act“, nach dem die weiße Apartheid-Regierung in den 1950er Jahren den Bevölkerungsgruppen in ganz Südafrika eigene Wohngebiete zuwies – und damit die schwarze Bevölkerung aus den „guten“ Quartieren weißen in das Umland der Großstädte verbannte – liegen die eigentlichen Ballungszentren des Landes in diesen „Township“ genannten Siedlungen. Der bekannteste und größte in Südafrika ist Soweto – South Western Township – bei Johannesburg mit über zwei Millionen Einwohnern.

Im Großraum Kapstadt leben mehr als 2,5 Millionen Menschen in verschiedenen Townships, die bis zu 50 Kilometer von der Stadt entfernt liegen. Gleichzeitig und systematisch wurde die schwarze Bevölkerung mit dem „Bantu Education Act“ auch von den Bildungsinhalten der „Weißen“ ferngehalten und mit minderwertigen Lehrplänen abgespeist. Das rächt sich heute. Die physischen Grenzen der Twonships sind zwar gefallen. Aber weder im Bildungsniveau noch im Wertesystem hat die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung Südafrikas bis heute zum Standard der „Weißen“ aufschließen können. Von einer Angleichung an die Lebenswelt der „Weißen“ kann keine Rede sein.

Straßenkreuzung vor dem Kulturzentrum in Langa

Mit der Besinnung auf die Kunst sucht Umculo nach einem quasi neutralen Ansatzpunkt, nach einer universell verständlichen Sprache. Das sozial engagierte Rahmenprogramm, wie jenes im Township Langa, soll in den jungen Menschen – vor dem Hintergrund des Themas der aktuellen Produktion – Kräfte frei setzen, die in ihnen liegen.

Zum Erreichen ihres Ziels setzen Shirley Apthorp und Umculo auf einem anspruchsvollen Niveau an. Seit 2015 haben sie den aus Südafrika stammenden Tenor und Regisseur Kobie van Rensburg an Bord. Van Rensburg, der viel und regelmäßig an deutschen Theatern inszeniert, kümmert sich nun um die künstlerischen Inhalte Umculos und ihre Umsetzung. Die Mitwirkenden von Umculo sind der Überzeugung, dass die westliche klassische Musik überall auf der Welt verstanden werden kann und ihre Botschaften zur Wirkung kommen können.

Bisher waren es Opern, mit denen Umculo junge schwarze Menschen in Südafrika auf neue Ideen bringen wollte. Für dieses Jahr hatte van Rensburg ein Programm mit Liedern entworfen. Einen 90-minütigen Abend mit Liedern von Franz Schubert. Und dieses Programm trug auch noch – auf deutsch! – den Titel „Schande“. Schubert, Südafrika und Schande? Kann das zusammenpassen? Kann das funktionieren?

Kobie van Rensburg, dahinter Emma Luyendijk (Piano) und der Bassist Ronald Melato

„Umculo“ hat „Schande“ fünfmal im Raum Kapstadt gezeigt. Zweimal im Theaterforum der Groote Schuur High School im gepflegten, weiß dominierten Stadtteil Newlands. Danach in Schulen und Kulturzentren verschiedener Townships. Die Aufführungen in Newlands stießen auf ein kulturerfahrenes, im Alter überwiegend fortgeschrittenes Publikum. Man applaudierte, anschließend diskutierte man. In den Townships Hout Bay, Kraaifontein und Langa waren es mehrheitlich Schülerinnen und Schüler, die sich „Schande“ ansahen. Die Schüler schrien auf, sie klatschten und pfiffen mitten im Stück. Und so was bei Schubert, der Heideröslein unter Lindenbäumen seufzen lässt?

Natürlich nicht, denn Kobie van Rensburg, selbst Südafrikaner, lässt das Heideröslein nicht seufzen, weil es so schön ist unterm Lindenbaum. Er selbst nennt die gängige Aufführungspraxis der Liederabende „viktorianisch“. Züchtig, sexuell bereinigt, jeder Hintergründigkeit beraubt. So würde Schubert keinen südafrikanischen Schüler im Township aus seinem Sitz heben. Kobie von Rensburg und seinen vier Sängerinnen und Sängern mitsamt einem Mann oder einer Frau am Klavier ist aber genau das gelungen. Und das immer wieder. Schubert „funktioniert“ also in unserer Gegenwart, wenn man ihn, wie der Regisseur Kobie van Rensburg, mit Mitteln unserer Zeit ohne Einschränkungen beim Wort nimmt.

Van Rensburg zeigte in seiner Produktion „Schande“, was wirklich in Schuberts Liedern steckt. Er spannt Lieder aus verschiedenen Epochen Schuberts zusammen, und fügt sie geschmeidig zu einer Lieder-Oper. Er überträgt den Gesang auf vier Solisten, Sopran, Alt, Tenor und Bass (Palesa Malieloa, Christine Bam, Nick de Jaeger, Ronald Melato). Mit ihnen gestaltete er aus den dialogischen Elementen, wie im „Erlkönig“ oder im „Heideröslein“, Szenen, und plötzlich wird aus einem Lied ein kleines Drama. In Schuberts Liedern steckt überraschend viel Handlung. Diese macht van Rensburg erlebbar: Er zeigt sie in Bildern, die er auf die Bühne projiziert und die Sänger darin einbindet. Damit die Produktion leicht transportierbar und einfach zu zeigen ist, erzeugt van Rensburg das Bühnenbild nur mit Projektionen. Die Darsteller werden vor einer „Green Screen“ gefilmt und live in die Projektion hineinkopiert. So sehen die Zuschauer Filme mit live-Darstellern, eine schon allein technisch spannende Kombination zweier Darstellungsformen. Gesungen wird übrigens auf Deutsch. In den Projektionen sind die Übersetzungen auf Englisch und Xhosa (von der südafrikanischen Dramatikern Fatima Dike) enthalten.

Schubert a la Rensburg: Robert Melato und Palesa Malieloa vor der Bluescreen in „Erlkönig“

Die Leinwand ist für van Rensburg kein Platz für Sentimentalitäten. Er formuliert in verständlicher Bildsprache, ausschließlich mit Motiven und Szenen unserer Gegenwart, worum es in so vielen Liedern Schuberts geht: Missbrauch, Gewalt von Männern gegen Frauen, Unterwerfung, Tod. Van Rensburg meint, dass Schuberts berühmte „Schubertiaden“ im Kreise seiner Freunde nicht nur vergnügliche Sing-Abende waren. Dort wurden mit den Mitteln der Kunst die Themen der Zeit verhandelt, die man offen im Metternich-Österreich nicht ansprechen durfte. Und das sind die Themen, über die man im heutigen Südafrika auch nicht offen sprechen will.

In der ersten Episode ihres Programms zeigen die Darsteller in Liedern wie „Das Grab“, „Nachtgesang“ und „An die Apfelbäume“ die Trauer von Menschen von heute über den Verlust ihrer Lieben. Memento mori – das Leben ist endlich. Denke daran, es gut zu leben.
In Teil zwei geht es mitten hinein in die Hölle des Lebens. In „Erlkönig“ fährt ein Vater mit seinem völlig verstörten Sohn im Auto durch die Nacht. Der Vater hält das Steuer fest und die Straße sicher im Blick. Der Sohn aber kauert sich an ihn und wimmert. In Rückblenden zeigt der Film, was im Kind vorgeht: Ein Mann – ein Onkel – beugt sich über ihn und zwingt ihn zu unsittlichen Handlungen. „Mein Vater, siehst Du den Erlkönig nicht?“ ächzt der Sohn. Der Vater glaubt die Worte nicht, die Rückblende geht weiter, der Onkel windet sich vor Lust: „Mein Vater, Erlkönig hat mir ein Leids getan.“ In den folgenden zwei Liedern – „Litanei“ und „Das Greb“, D.569 – schildert van Rensburg das Leid der Eltern. Der Junge hat die Folgen des Missbrauchs nicht überlebt, seine Mutter verliert den Verstand („Litanei“) und erschießt sich. Der Vater bleibt alleine am Grab („Das Grab“). Wenigstens ein Freund ist an seiner Seite.

Welch ein tiefer Einblick in die psychologischen Möglichkeiten eines allbekannten Schubert-Hits, welch schlüssige, drastische Deutung mit Bildern aus unserer Welt! Aber das war erst der Anfang. Frei nach Billy Wilder, beginnt van Rensburg in „Schande“ mit einem Erdbeben und steigert es dann langsam.

Die verzweifelte Mutter eines Gewaltopfers: Christine Bam in „Litanei“.

In Episode 4 zeigt van Rensburg zum Lied „Lebenslust“, D.609, eine Party vor einem „Shebeen“, einer der in Südafrika beliebten Bier-Bars. Übrig bleiben Mann und Frau in einer Szene zum berühmten „Heideröslein“. Vermutlich war von Anfang an – sowohl vom Dichter Goethe als auch vom Musiker Schubert – nur an ein Röslein als Metapher gedacht. Warum sollte der Jüngling auch so brutal sein, das Röslein brechen zu wollen? Und warum bleibt das Stechen erfolglos? Van Rensburg liest daraus, dass es um einen Machtkampf zwischen Mann und Frau geht. In seinem Video zwingt der Mann die Frau nieder, bekommt aber beim „Stechen“ einen Tritt zwischen die Beine. Darauf verliert er die Beherrschung und wirft die Frau zu Boden. Szenen alltäglicher Gewalt, in Kunst sublimiert. Die Schüler in Langa sprangen bei dieser Szene von ihren Stühlen, sie zischten laut, sie applaudierten, als „Röslein“ dem Jüngling ins Geschlecht trat und buhten, als er sie dann zu Boden warf.

Wo bei uns gäbe es je eine solche Reaktion, wo würde Schubert so die Gemüter erregen? Diese Interpretation war nicht nur exemplarisch für Schüler in Südafrika, sie ist auch wegweisend für die Schubert-Auslegung bei uns. Und eine weitere Rehabilitation für das dramatische Talent, das Schubert so stark in sich spürte und auch in der kleinen Form nicht verleugnen konnte. Am Ende des „Schande“-Abends steht daher auch das Wort. Im Melodram „Abschied von der Erde“ wird das Publikum von den vier Solisten direkt angesprochen, im Abschied ermutigt.

Palesa Malieloa und Christine Bam als Aidskranke erwarten im Hospital den Tod in „Der Jüngling und der Tod“

So gelang es van Rensburg, mit „klassischen“ Sängerinnen und Sängern und mit modernster Medientechnik in den 22 ausgewählten Liedern, ein völlig neues und aktuelles Schubert-Bild herzustellen und damit ins Herz dieser Kompositionen zu treffen. Mit „Hochkultur“ in unserem Sinn „kulturfremdes“ Publikum derart zu bewegen, das ist eine bei uns schier undenkbare Leistung. Aber van Rensburg hatte ein klares Ziel vor Augen und er hat es auch erreicht. Die jungen Menschen sollten in der Kunst erkennen, dass das Verhalten, dem sie Tag für Tag ausgesetzt sind, nicht richtig ist und sie völlig berechtigt sind, sich dagegen aufzulehnen. Gewalttätiges Verhalten, wie es van Rensburg mit den Szenen zu den Schubert-Liedern illustriert, ist eine „Schande“, „Shame“ – und wird als solche auch seit Jahrhunderten wahrgenommen. Die Verklärung der Romantik hat speziell im deutschen Sprachraum dazu geführt, die gesellschafts- und daseinskritischen Inhalte gerade in Schuberts Liedern nicht mehr wahrzunehmen. Allenfalls Einsamkeit und Tod wie in „Winterreise“ kommen noch herüber, aber auch dann eher als ein typisches Leiden einer tendenziell morbiden Epoche.

Für solche Erkenntnisse ist in Südafrika keine Zeit. Die Probleme sind akut und sie verlangen nach einer Reaktion. Sie gefährden die Zukunft dieses Landes. In Schubert haben Kobie van Rendsbrug und „Umculo“ einen Mitstreiter gefunden, um dem Blick in die Zukunft etwas Hoffnung mitzugeben.

Shirley Apthorp, Übersetzerin Fatima Dike und Mitarbeiter des Umculo-Teams.

Shirley Apthorp, Umculo und Kobie van Rensburg werden weiter machen. Sie kommen wieder nach Südafrika mit neuen Programmen und mit Einsichten, zu denen uns wir gar nicht trauen würden. Kunst verändert den Menschen; das ist hier kein leeres Wort. Selbst wenn es nur ein paar Dutzend Schüler sind, die jetzt besser Bescheid wissen über ihr Leben, ihre Bedürfnisse, ihre Rechte: hier wird eine Saat gelegt für den Widerstand gegen die Gewalt im Alltag. Die Botschaft der Kunst bekräftigt junge Menschen darin, dass sie ein Recht darauf haben, eine Zukunft zu haben. Solche Arbeit verdient jede Unterstützung: www.umculo.com.

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