Schubert-Festival

Anspruch und Unterhaltung

Camerata Salzburg und der Leitunge von Gérard Korsten Foto: Weißbach

Das neues kleine Schubert-Festival in Bad Gastein hat gleich auf Anhieb für sich eingenommen
von Derek Weber

(Bad Gastein, Mitte September 2013) Es ist lange her, im 18. Jahrhundert, da wollten die Poeten "prodesse et delectare", Belehrend-Nützliches mit Unterhaltendem verbinden. Und irgendwie scheint das auch der geheime Wahlspruch des neuen kleinen, dreitägigen Schubert-Festivals zu sein, das am vergangenen Wochenende zum ersten Mal in Bad Gastein stattfandet. Da wurde mit lockerer Hand programmiert; anspruchsvolle Konzerte und Plaudereien mit Musik wechselten einander ab. Und zum Schluss gab’s eine Schubert-Messe. 
Die Idee dazu hatten offenbar einige Väter, neben dem ehemaligen Pressesprecher der Salzburger Landesregierung, Roland Floimair, der Präsident des Vereins "Camerata Academica des Mozarteums", Lutz Hochstraate. Die operative Planung lag in den Händen von Sarah Wedl-Wilson, der Geschäftsführerin der Camerata, die auch in Zukunft das Festivalprogramm zusammen mit den Musikern planen wird.
Bad Gastein hat Aktivitäten dieser Art, könnte man salopp sagen, bitter nötig. Der alte Glanz ist ab, ein neuer noch in weiter Ferne. Teile des alten Ortskerns können den Verfall nicht verbergen. Und zur Zeit gibt es nicht einmal einen benützbaren richtigen Konzertsaal. Heuer spielt man vor allem in Kirchen und ungenutzten Kursalons. Die sind fürs Erste groß genug und eignen sich natürlich vorrangig für Kammermusik. Denn die Musiker aus Salzburg als Kammermusiker zu präsentieren, ist wohl die Grundidee des Festivals.
Den Wiener Komponisten hat Gastein lange Zeit geradezu weggelegt. Erst in jüngster Zeit hat man sich – spät, aber doch – seiner wieder erinnert und pirscht sich vorsichtig – vorerst mit touristischer Grundierung – an Schubert heran, der ja auf der längsten Reise seines kurzen Lebens bis nach Gastein gekommen ist und hier Teile einer Symphonie geschrieben hat, die – als "Gasteiner Symphonie" bezeichnet – lange als verschollen galt, ehe sie als seine "große" C-Dur-Symphonie (Deutsch-Verzeichnis Nr. 944) identifiziert wurde. 
Diese stand denn auch im Zentrum des Eröffnungskonzerts der Camerata Salzburg in der Preimskirche. Und dieses Konzert war – auch ohne den Lokalpatriotismus zu bemühen – ein Ereignis. Das lag am Ort, der keine Tempo-Eskapaden erlaubt; es lag an der überlegt disponierenden, von Kirchenerfahrung zeugenden Leitung Gérard Korstens und insbesondere an der kleinen Besetzung (mit nicht mehr als sechs Geigern in beiden Sektionen). Dieser gleichsam kammermusikalische Zuschnitt förderte Einsichten und Schätze zutage, die bei den üblicherweise mobilisierten Riesenorchestermassen verlorengehen. Das Verrückte, Überdrehte des letzten Satzes mag dabei (auch wegen der heiklen Akustik) ein wenig in den Hintergrund getreten sein, aber der bohrende Schmerz des "Andante con moto", seine Dissonanzen, Zusammenbrüche und Abstürze waren in einer Deutlicheit herausgearbeitet, die rar ist. Auch die Tempi – der zweite Satz ist ja in einem Tempo notiert – stimmten, waren nicht manieriert auseinanderdividiert. Und die "himmlische Länge" der Symphonie, über die Robert Schumann ins Schwärmen geriet, war hier ergänzt durch himmlische Längen, die sozusagen eine Ebene darunter die Basis fürs Ganze legen. Insbesondere die vier Cellisten brachten wahre Wundertöne hervor. In dieser Form kann die Camerata durchaus an das Ideal anschließen, das Sándor Végh gepflegt hat: Streichquartettkultur auf größerer, "höherer" Ebene unter Bedacht auf die individuelle Qualität der Musiker. Es wird Zeit, sich seiner wieder zu erinnern. 
Natürlich ist noch nicht alles ganz perfekt in ein großes Paket geschnürt. Aber ein Weg ist da, der gangbar erscheint. Ob es zum Beispiel sehr sinnvoll ist, Schuberts Symphonen mit der Musik seines Zeitgenossen Franz Lachner zusammen­zuspannen, darf man bezweifeln. Zu groß ist der Qualitätsunterschied. Die Instrumentierung von zwei Schubert-Liedern durch den Camerata-Cellisten Shane Woodborne hingegen, die am Eröffnungsabend zu hören war, ließ aufhorchen. Darüber hinaus gibt es genug andere Schubert-Zeitgenossen – von Juan Crisóstomo de Arriaga bis zu Carl Maria von Weber -, die zu seiner Musik "passen". Tragfähig ist auch die Idee, den Musikern der Camerata ein Forum für Kammermusik zu schaffen. Schuberts berühmtes Streichquintett war vom Feinsten, nicht auf Sicherheit, sondern auf Risiko hin gespielt, exponiert und mit scharfen Kanten versehen. Als tragfähig könnte sich auch das Aufspüren von Verbindungen zwischen der Volksmusik und Schubert erweisen, ebenso die Kombination von Wort (Erzählung) und "leichter" Schubert-Musik. Es muss nur auf Dauer eine Linie gefunden werden, die das Folkloristisch-Touristische und "Gschmackig"-Wellnesshafte im Zaum hält.
Dass Schuberts Lieder in Bad Gastein nur einen Aspekt bilden, setzt eine zukunfts­weisende Note. Da existieren einige andere Festivals, die das abdecken. Aber auch auf dem Gebiet des Lieds gibt es viele Möglichkeiten, über Schubert und seine Zeit hinauszudenken. Volks-Liedhaftes gibt es zeitversetzt im europäischen Norden, in England, in Ungarn und anderswo. Heuer war mit dem jungen deutschen Bariton Manuel Walser, einem Quasthoff-Schüler, ein Sänger eingeladen, der mit seiner Schubert-Strauss-Matinée den Wunsch weckte, mehr von ihm zu hören. Ein Sänger mit einer wirklichen Liedstimme, kultiviert, wortdeutlich, in allen Lagen sicher, nobel im Ausdruck und ohne aufdringliche Allüren.
"Schubert in Gastein" – das könnte was werden.  

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.