Schrekers Der ferne Klang in Frankfurt

Ein Traumspiel

Franz Schrekers „Der ferne Klang“ beschert der Frankfurter Oper eine triumphale Premiere

Von Bernd Feuchtner

(Frankfurt, 31. März 2019) Eine Folge bizarrer Klangfelder, dann suchende Tonfolgen – Franz Schrekers erste Erfolgsoper beginnt nicht mit einer herrischen Melodie, sondern ganz entsprechend ihrem Titel „Der ferne Klang“ mit bunten Farbklecksen. Auf die Zuhörer in der alten Frankfurter Oper scheint das 1912 ebenso faszinierend gewirkt zu haben wie auf die heutigen in der Nachkriegsoper, denn mit dem „Fernen Klang“ begann eine Erfolgsgeschichte, die Schreker zum meistgespielten Opernkomponisten der Weimarer Zeit machte. Auch „Der Schatzgräber“ und „Die Gezeichneten“ wurden in Frankfurt uraufgeführt, aber erst jetzt ist „Der ferne Klang“ triumphal an seine Geburtsstätte zurückgekehrt.

Zum Erfolg der Schreker-Opern trug die fast kolportagemäßige Story bei, die zusammen mit der schillernden, aber eingängigen Musik noch fähig war, das Massenpublikum zu binden, das die Gattung bald an den Film verlieren sollte. Einmal mehr steht ein Frauenopfer im Mittelpunkt: Der Mann (hier heißt er Fritz) muss hinaus ins feindliche Leben, er will sein Werk schaffen, was immer das sein mag (hier ist es ein Klang), seine Geliebte redet er mit „Kindchen“ an, um ihr anzudeuten, dass sie zu dumm ist, das zu verstehen. Also muss sie bei ihrem versoffenen Vater und ihrer resignierten Mutter bleiben und ihr Weg in den Absturz ist vorgezeichnet. Die erste Hälfte der Oper gilt nur dem Schicksal der Alleingelassenen.

Jennifer Holloway nutzt entschlossen ihre Chance. Sie gestaltet mit dieser Grete ein packendes Frauenportrait, macht mit ihrem eleganten, gut fokussierten Sopran das naive Mädchen, die verzweifelte verschacherte Braut, die venezianische Edelkurtisane und die abgesunkene Grete ebenso glaubhaft wie die ganz alte Frau, die ihren sterbenden Fritz endlich wieder in den Armen hält – und ihm verzeiht. Was er eigentlich nicht verdient hat, denn, immer nur seinem Drang und Trieb folgend, hatte er sie längst vergessen, als er sie auf einem venezianischen Fest wiedersah. Und auch da hatte er nichts Besseres zu tun, als die „Gefallene“ zu verurteilen und zu beschimpfen. Seinem Ziel, dem fernen Klang, jagte er da noch immer erfolglos hinterher. Ian Koziera singt diesen Mistkerl mit tenoralem Schmelz und der nötigen Durchschlagskraft, nur die fiebernde Besessenheit von seiner Idee nimmt man ihm nicht ganz ab. Genauso gut könnte er ein Wissenschaftler oder ein Geschäftsmann sein und hinter Profit oder Nobelpreis her sein. Beide Sänger spielen auch noch fabelhaft, so dass die Zuschauer buchstäblich an ihren Lippen hängen und neugierig auf ihre Entwicklung blicken.

Solche klischeehaften und auch etwas billigen Stories waren in der Gesellschaft des Kaiserreichs beliebt, doch wie erzählt man das heute? Regisseur Damiano Michieletto erzählt es aus der Rückblende, aus dem Altersheim, in dem Grete dahinlebt. Sie erinnert sich an das hoffnungsfrohe Mädchen, das sie einmal war und nimmt von ihrem jüngeren alter ego sogar einen Blumenstrauß entgegen, bevor ihr die alten Dummheiten noch einmal vor Augen kommen. Und ebenso sehen wir den alten Fritz im Krankenhausbett, der immer noch mit der Revision seiner Oper „Die Harfe“ beschäftigt ist, aber nie damit zu Ende kommen wird. Sein Werk – so wird berichtet – war bis zum zweiten Akt ein großer Erfolg. Doch im dritten hatte er versagt, er hatte den ersehnten fernen Klang nicht bannen können, und seine Oper war schließlich durchgefallen. Fritz ist nicht weniger gescheitert als Grete, ihre Träume sind zerstoben. Die Schauspieler Steffie Sehling und Martin Georgie bringen das den Zuschauern sehr anrührend nahe.

Paolo Fantin hat dafür ein Einheitsbühnenbild geschaffen, in dem sich vier weiße Räume hintereinander staffeln, zwischen denen immer wieder weiße Schleier auf- und zugehen und das Traumhafte der Vorgänge sinnlich verdeutlichen. Die Übergänge zwischen den Szenen werden fließend, die Dekoration kann ungesehen wechseln – bald hängt die Möblierung des Altersheims kopfüber an der Decke, bald schwebt die Harfe über der Szene, wenn Fritz wieder einmal von seinem fernen Klang träumt. Und zum Schlussbild senken sich gar sämtliche Instrumente des Orchesters herab – sie müssen stumm bleiben, da Fritz seinen Traumklang auch im Tode nicht hören wird.

Die Videokünstler Roland Horvath und Carmen Zimmermann nutzen die Schleier zur dezenten Projektion abstrakter weißer Muster, die traumhaft in der Luft weben, aber auch zu drastischen Bildern des kranken Fritz in seinem Bett. Als sein Arzt Rudolf setzt Sebastian Geyer am Ende noch einen Glanzpunkt, so wie dies davor Iurii Samoilov als Schmierenschauspieler, Dietrich Volle als Dr. Vigelius, Gordon Bintner als der Graf, der die von Fritz verschmähte Grete für ein paar Jahre heiratete, aber auch Nadine Secunde als die alte Frau getan haben, die Grete für ihren Edelpuff anwarb. In dem riesigen Sängerensemble gab es auch sonst nur Erfreuliches, und der von Tilman Michael wie gewohnt klangvoll einstudierte Chor führte sich mal als ekelhafte Meute, mal als beseligte Masse auf.

Michielettos sensible Traum- und Erinnerungsarbeit kommt Schrekers psychoanalytischer Tiefenschürfung, die eben nichts mit dem gleichzeitigen Verismo zu tun hat, besser bei als jede Drastik. Dazu passte die Feinarbeit, die aus dem Orchestergraben zu hören war und die Handlung auf Händen trug. Sebastian Weigle erzeugt den Klangsog, der Fritz vorgeschwebt haben mag, und den Franz Schreker tatsächlich zu realisieren vermocht hat. Das Orchester schwelgt nicht nur in den symbolistischen Farbräumen, sondern zeichnet deren differenzierte Schattierungen nach. Die Heimkehr des „Fernen Klangs“ reiht sich ein in die großartigen Produktionen des „Schatzgräbers“ in der Regie von David Alden 2002 und dirigiert von Jonas Albers, sowie der Neuenfels-Inszenierung der „Gezeichneten“ unter der Leitung von Michael Gielen 1979 und bedeutet viel für die Rehabilitierung des von den Nazis verfemten und aus Amt und Erinnerung gejagten Komponisten. Die Frankfurter Oper widmete diese Produktion aus gutem Grund der Erinnerung an den gerade verstorbenen Michael Gielen.

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