Schostakowitsch in Gohrisch

Melnikov, Rozhdestvensky, Postnikova Foto: Festival

Entdeckungen, Uraufführungen und Schostakowitsch-Gefährten

Eindrücke von den 8. Schostakowitsch-Tagen in der Sächsischen Schweiz

Von Bernd Feuchtner

(Kurort Gohrisch, 25. Juni 2017) Die Sensation der diesjährigen Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch waren drei neu entdeckte Stücke aus Schostakowitschs erster Oper „Die Nase“. Wenn man nur lange genug im Nachlass eines Komponisten wühlt, findet sich immer etwas Verwertbares. Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle, die das Festival veranstaltet, spielten die drei Fragmente unter der Leitung von Thomas Sanderling nun beim Abschlusskonzert zum ersten Mal. Ein Zwischenspiel vor der Szene in der Kasaner Kathedrale beginnt mit wildem Orgelgebraus und geht dann in Gassenhauer über, mit denen sich die Menge vergnügt. Auch die anderen beiden Fragmente geizen nicht mit grotesken Effekten, und das Publikum reagierte sehr amüsiert. Die Oper wird dadurch dennoch nicht zu einer „Urfassung“ verlängert werden – der Komponist hatte dramaturgische, musikalische und politische Gründe genug, sie nicht zu verwenden.
Aber er hat die Blätter doch aufgehoben, und solche Funde geben den Schostakowitsch-Tagen immer wieder Gelegenheit zu Uraufführungen von Werken ihres Namensgebers.

Angeregt durch eine Reportage, erinnerte sich der Kurort Gohrisch 2009 an den Aufenthalt von Dimitri Schostakowitsch im Gästehaus der SED, bei dem 1960 das Achte Streichquartett entstand. Es gründete sich ein Verein „Schostakowitsch in Gohrisch“ und gemeinsam mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird seit 2011 das kleine, aber feine Festival abgehalten, für das die Agrargenossenschaft ihre Scheune freiräumt. In der „unerhört schönen Landschaft“ (Schostakowitsch) lockt das Festival Zuschauer aus nah und fern an, die ihren Aufenthalt auch gerne zum Wandern in der Sächsischen Schweiz nutzen.

In diesem Jahr erklang vor allem Musik von Moissej Weinberg und Sofia Gubaidulina. Im Abschlusskonzert spielte die Staatskapelle nach den „Nase“-Fragmenten die zweite Kammersinfonie von Weinberg mit der Uraufführung des vierten, vom Komponisten gestrichenen Satzes. In der Musik Weinbergs (1919-1996) klingen die Traumata des Holocaust, der Vernichtung seiner Familie in Polen, der Flucht in die Sowjetunion – und des Antisemitismus der Stalinära nach, was der Kammersinfonie eine ungeheure Wucht verleiht, aber auch Mahler’sche Ironie. Es ist nicht das Ich, das hier nach Ausdruck sucht, sondern das kollektive Schicksal. Mag sein, dass Weinberg fand, dass die Musik sich vor dem Finale bereits genug ausgetobt hatte. Jedenfalls trat der seltene Fall ein, dass der Komponist den Schlusssatz streicht und seine Sinfonie selbst zu einer „Unvollendeten“ macht. Der vierte Satz hat in der Tat nicht mehr viel hinzuzufügen, doch ihn einmal erfahrbar zu machen, war ein großes Verdienst des Festivals.

Sitkovetsky, Roth (c) Matthias Creutziger

Sitkovetsky, Roth (c) Matthias Creutziger

Am zweiten Festivaltag hatte der fabelhafte Geiger Linus Roth sich für Weinbergs 2. Violinsonate und dessen eindrucksvolles Klaviertrio eingesetzt. Ein Largo für Violine und Klavier aus dem Nachlass konnte er sogar zur Uraufführung bringen. Auch hier war wieder die Emotionslosigkeit und Abstraktheit zu beobachten, die diese Musik streckenweise wie eingefroren wirken lässt. Die polnische Musikwissenschaftlerin Danuta Gwizdanka hat inzwischen Klarheit in die Verwirrung um Weinbergs Vornamen gebracht. Weinberg hatte in der Sowjetunion– nachdem er dank antisemitisch motivierter Vorwürfe wochenlang im Gefängnis gesessen hatte – darum gekämpft, seinen Vornamen offiziell in Mieczysław zu ändern. Ein sowjetischer Grenzsoldat habe ihm als Juden seinerzeit bei der Flucht den Namen „Moissej“ zugeteilt, so lautete die selbstgebastelte Legende. Und so wurde Weinberg bekannt, so heißt er auf den sowjetischen Partituren und Platten, auch dann, wenn er mit seinem Freund Schostakowitsch vierhändig spielte. Gwizdanka konnte nun in Polen die Geburtsdokumente einsehen – und feststellen, dass er vom Rabbi wirklich mit der jiddischen Form von „Moses“ ins Register eingetragen worden war. Ob nun die neuen Partituren, Bücher, CDs usw. wieder neu beschrieben werden? Äußerst ärgerlich war allerdings, dass Weinbergs Oper „Die Passagierin“ am gleichen Abend in der Semperoper Premiere hatte – warum der gleiche Veranstalter zwei Weinberg-Ereignisse am selben Abend stattfinden ließ, ist unbegreiflich. Auch dass „Die Passagierin“ in den Schulferien aufgeführt wird, und das nur vier Mal, und dass die Anwesenheit der greisen Autorin Zofia Posmysz nicht genutzt werden konnte, sie als Zeitzeugin mit Schülern in Verbindung zu bringen, ist nur schwer nachzuvollziehen.

Einen anderen Schwerpunkt bildeten Werke der mittlerweile 85-jährigen Sofia Gubaidulina, die in dieser Saison zum zweiten Mal als Capell-Compositrice der Sächsischen Staatskapelle wirkte. Ihr Spätwerk ist zunehmend bekenntnishafter geworden, etwa in dem Hauptwerk „Liebe und Hass“, indem ein religiöser Text mit rituellen Klavier- und Schlagzeug-Formeln zelebriert wird. Ein Weg, der bei „Die Pilger“ und „Einfaches Gebet“ vorgezeichnet ist, die ebenfalls in Gohrisch erklangen. Der Schostakowitsch-Höhepunkt in der mittagsheißen Scheune waren die beiden Klavierrecitals von Alexander Melnikov, der in zwei Tranchen sämtliche 24 Präludien und Fugen aufführte, die Schostakowitsch nach seinem Besuch der Leipziger Bachfeier 1950 komponiert hatte. Da war keine trockene Fugenarbeit zu hören, sondern eine äußerst sensible Aneignung eines jeden einzelnen Stücks, vom heiteren Präludieren bis zur pathetischen Aufwölbung der Fugenarchitektur der großen Moll-Stücke.

Am Vorabend hatte in der Semperoper Gennadi Roshdestwenski die Staatskapelle mit Schostakowitschs Erster und Letzter Sinfonie geleitet. Der 86-jährige, hellwache Dirigent setzte auf langsame Tempi, was dem Jugendwerk nicht durchgängig, der Fünfzehnten aber sehr gut bekam. Roshdestwenski war 2016 mit dem Gohrischer Schostakowitsch-Preis ausgezeichnet worden, den in diesem Jahr Sofia Gubaidulina erhielt. Roshdestwenski war auch bei den meisten Festival-Konzerten unter den Zuhörern. So konnte er Schostakowitschs gut gelauntem 1. Klavierkonzert mit seiner Gattin Viktoria Postnikowa als Solistin lauschen, die das Stück so brillant und zupackend spielte, wie der Komponist das selbst vorgemacht hatte. Die Begegnungen mit der alten Garde, die Schostakowitsch noch selbst erlebt hatte, macht immer einen besonderen Reiz von Gohrisch aus: Die vorangegangenen Schostakowitsch-Preisträger waren Rudolf Barschai, Kurt Sanderling, Michail Jurowski, Natalja Gutman, Gidon Kremer und das Borodin-Quartett.

Foto: Festival

Foto: Festival

Bei Führungen kann man den Teich sehen, an dem Schostakowitsch sein Streichquartett innerhalb von drei Tagen komponiert hat. Sein Zimmer kann man zwar auch sehen, doch das wurde schon in den 1980er Jahren ummöbliert. Die prächtigen 50er-Jahre-Dekorationen des schlichten Hauses sind aber noch da, und auch der runde Frühstückspavillon, in dem damals das Klavier stand, auf dem Schostakowitsch spielte. Wenn die Besucher nun auch noch wüssten, dass es sich hier die Führer des Warschauer Paktes gutgehen ließen, als sie 1968 den Einmarsch in die Tschechoslowakei beschlossen, würden sie wohl für einen Moment betreten schweigen. Aber sie würden auch die Musik von Schostakowitsch, Weinberg und Gubaidulina noch besser verstehen.

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