Schoecks Penthesilea in Linz

Schoecks Penthesilea in Linz

Oper? Oratorium? Oder was?

Endlich: Othmar Schoecks 1927 uraufgeführte „Penthesilea“ szenisch am Linzer Operntheater – eine österreichische Nachholung

Von Derek Weber

(Linz, 2. März 2019) Man kennt ihn vor allem als Liedkomponisten. Der immer noch wenig bekannte Schweizer Othmar Schoeck, der sich genug Schwierigkeiten einhandelte, weil er seine Werke in der NS-Zeit partout auch im Deutschen Reich aufgeführt wissen wollte, hat aber übers Lied hinaus auch andere gewichtige und vom Anspruch her gewiss gewichtigere Werke geschrieben, unter ihnen eines, das gemeinhin als „Oper“ bezeichnet wird, nun aber – bei der österreichischen szenischen Erstaufführung am Linzer Landestheater – ohne Zuweisungs-Etikett seine Österreich-Premiere erlebte.

Zufällig waren wir unlängst Zeugen der szenisch ziemlich verunglückten Aufführung von Mendelssohn-Bartholdys Oratorium „Elias“, bei der es nicht zu mehr reichte als zu einem unübersichtlichen Dauer-Bühnengewusel mit neurotischen religiösen Eiferern. Das wollte der Regisseur der Linzer „Penthesilea“ – einer Koproduktion mit der Oper Bonn (Aufführung 2017) – tunlichst vermeiden. Der schlaue und kluge Peter Konwitschny nennt das Werk mit Bedacht nicht „Oper“, sondern nach der alten Devise „Wasch´mir den Pelz, aber mach´mich nicht nass“ bezeichnet er Schoecks Werk weder als Oper, noch als sonst was. Er benennt es gar nicht. Es ist bei ihm einfach „Penthesilea, in einem Aufzug, nach dem Trauerspiel von Heinrich von Kleist.

Sehr klug ist das, weil es jeden zum Nachdenken anregt, was er da hört und sieht. Im übrigen hält sich Konwitschny an die szenisch-musikalischen Anweisungen Schoecks. D.h., er hält es mit einem minimalistischen Konzept.
Die Musiker agieren sozusagen im Hintergrund, der Chor befindet sich quasi-zuschauerig an den Seiten. Und natürlich ist die Mitnahme von deutschen Übertiteln von enormem Vorteil, weil das frei-steilstufig im Hintergrund postierte Orchester doch immer wieder eine gewisse Lautstärke entfacht, die das Durchdringen der Stimmen in Momenten der dramatischen Anspannung fast unmöglich macht. Es gibt aber-nebenbei bemerkt – in dieser Musik auch Momente von spätromantisch-lyrischer, schlichter Schönheit, bei denen Richard Strauss blass aussieht. Für kurze Momente schimmert auch immer wieder geradezu unverschämt Wagnerisches durch.

Mit anderen Worten, das 1927 in Dresden uraufgeführte Werk hat durchaus eigenständige Qualitäten, klingt nie “wie“ oder „nach“, ist auch nie gestrig, hat Kraft und poetischen Schwung, vermittelt nie den Eindruck, es könnte oder müsste kürzer sein. (Schoeck hat es ja – zusammen mit Le´on Oswald auf einen Akt komprimiert.)
Dass die zuweilen herbe Musik sich so nachdrücklich zu entfalten vermochte, ist nicht zuletzt auch das Verdienst des Linzer Opernorchesters (i.e. des Bruckner Orchesters Linz) und seines Dirigenten Leslie Suganandarajah, des designierten Musikchefs des Salzburger Landestheaters, der die musikalische Seite der Aufführung mit der gebotenen elastischen Straffheit ausstattete.

Die sängerische Seite der Linzer Aufführung verdient ein ebenso großes Lob: Dshamilja Kaiser fand als Penthesilea einen schönen Weg zwischen Verliebtheit und martialischer Weiblichkeit. Und vor die Wahl gestellt, die allesamt erwähnenswerten SängerInnen ausgiebig zu loben (nicht zuletzt den hervorragenden Achill Martin Achrainers) oder Sagenswertes zum Werk selbst zu sagen, wollen wir lieber ein paar Worte über die idiomatischen Eigenheiten des Werks verlieren und Anregungen zum genauen Hinhören auf den oftmaligen Wechsel zwischen Sprechgesang, freier Deklamation und textlosen Gesangseinwürfen (des Chors), Schreien und ausladenden Kantilenen verlieren.
Schoeck kann man in der Tat nur mitdenkend und genau hören (und zwar mitdenkend im emphatischen Sinn des Wortes). Dann zieht er einen in den Bann. Man muss es nur zulassen.

Kurz: Schoeck ist „moderner“ als es auf den ersten Blick (oder aufs erste Hören hin) scheinen mag. Das zeigt sich nicht zuletzt in der eigenwilligen Instrumentierung des Werks, das auf zehn Klarinetten , aber nur vier Geigen gegen viele tiefe Streicher setzt, dafür zwei offen dastehende Klaviere vorsieht, die teilweise in Bartok‘scher Manier wie Schlaginstrumente geführt werden. Da erzähle noch einer was vom unmodernen Schweizer!
Und was es noch zu lernen gibt: Man muss nicht unbedingt in Staatsopern-Hallen wandeln, um Hörenswertes zu erleben oder zu entdecken.

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