Schlagobers

Tanzende Torten

Ariella Casu als Prinzessin Kakao und Davide Di Giovanni als Prinz Kaffee Foto: Marie-Laure Briane

Das Münchner Gärtnerplatztheater zeigt Richard Strauss‘ unbekanntes Ballett „Schlagobers“ – ein Tanzkonfekt von leider nur beschränktem Unterhaltungswert
Von Robert Jungwirth
(München, 14. Dezember 2014) Ein Praliné tanzt ein verführerisches Solo, bunte Torten und Törtchen ein schwungvolles Ensemble. Dazwischen irrt ein Junge in Sakko und kurzer Hose umher, gleichermaßen fasziniert von den süßen Verlockungen des Gaumens wie von den aufreizenden Bewegungen der „Törtchen“. Und über alles wird jede Menge Schlagobers gekippt, wie es eben so Brauch ist beim Zuckerbäcker Demel in Wien.
Man kann ja irgendwie verstehen, dass Richard Strauss nach der Menschheitskatastrophe des Ersten Weltkriegs der Sinn nach etwas Leichtem, Heiterem stand und er deshalb diese Schlaraffenland-Phantasie komponierte nach einer eigenen Textvorlage. Doch nachdem es den allermeisten Menschen zu Beginn der 20er Jahre in den großen Städten Deutschlands und Österreichs noch ziemlich schlecht ging, Hunger und Elend allgegenwärtig waren, kam seine Ballett-Petitesse über Petit Fours bei der Wiener Uraufführung 1924 nicht wirklich gut an. Man hielt sie vielmehr für eine Geschmacksverirrung, wenn nicht gar für eine Geschmacklosigkeit. Und fragwürdig ist sie noch heute – weshalb sie auch so gut wie nie zu sehen oder hören ist.
Im Zuge des 150. Geburtstags des bedeutendsten Münchner Komponisten hat das Münchner Gärtnerplatztheater das Ballett nun kurz vor Ende des Jubiläumsjahres auf die Bühne der Münchner Reithalle gebracht – in einer quietschbunten, quirligen Revue von Karl Alfred Schreiner, die sich mit hübschen Dekors und wirbelnden, zappelnden und sich räkelnden Tänzerinnen und Tänzern über die Untiefen des etwa 90-minütigen Stücks hinwegzuretten versucht.
Nein, dieses Ballett, entstanden nach „Ariadne“ und „Frau ohne Schatten“ ist ein schier unglaublicher Fehlgriff des 60-jährigen Strauss – inhaltlich wie musikalisch. Es rumst und poltert, es schwelgt und säuselt, dass man kaum glauben kann, dass eine solch inhaltsleere musikalische Zuckerwatte vom Komponisten der „Elektra“ stammt. Dazu erschlägt Strauss die Nichtigkeit von Handlung – ein Junge überfrisst sich am Tag seiner Firmung in einer Konditorei und landet im Krankenhaus, wo er alptraumhaft von den Torten u.Ä. noch einmal heimgesucht wird – mit der Dauerforte-Klangwucht eines Riesenorchesters, mit dem man auch den „Rosenkavalier“ aufführen könnte (Marco Comin am Pult hält sich nicht zurück, läßt aber sehr geschlossen und süffig musizieren). Tonsprachlich fällt Strauss dabei weit ins 19. Jahrhundert zurück, nimmt Anleihen z.B. beim „Heldenleben“.
Eine schöne Idee von Schreiner und seinen beiden Bühnenbildnern Kaspar Glarner und Marco Brehme ist es, das ganze Szenario am Ende in einer riesigen Schaumparty ersaufen zu lassen – als Ersatz für Schlagsahne.
Jetzt erst mal ein Bier nach dem ganzen Süßkram!

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