Scarlattis Oper Il primo omicidio in Paris

Beginn der gewalttätigen Geschichte der Menschheit

Von Thomas Migge

Romeo Castellucci inszeniert Alessandro Scarlattis Oper “Il primo omicidio” an der Pariser Oper

(Paris, Februar 2019) Die musikalische Kunstform des
Oratoriums ist auf deutschen Bühnen eher selten anzutreffen. Und wenn, dann
handelt es sich um ein Oratorium von Georg Friedrich Händel. Doch Oratorien
italienischer Komponisten bekommt man auf Bühnen so gut wie nie zu sehen. Auch
nicht in Italien. Dabei bieten diese Kompositionen mit geistlichem Inhalt
ungemein viel dramaturgischen Inhalt. Für Sänger, für Musiker und auch für
Regisseure. Und doch: wer kennt schon die Oratorien von Meistern wie Alessandro
Stradella oder Alessandro Scarlatti?

Im Pariser Palais Garnier wurde jetzt Scarlattis
Oratorium „Il primo omicidio“ von 1707 auf die Bühne gebracht. Mit großem
Erfolg, der darauf hoffen lässt, dass auch andere Theater dem Pariser Beispiel
folgen, und ihrerseits italienische Oratorien der Vergessenheit entreißen.

Scarlatti erzählt musikalisch die Geschichte von Kains
Brudermord aus dem Alten Testament. Dafür nutzt der Komponist nur sechs Sänger.
Im 17. und 18. Jh. wurden Oratorien dieser Art in Italien vor allem in Rom
aufgeführt. In einer Zeit, in der die Päpste dem Treiben in Opernhäusern
skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden und solche Einrichtungen in ihrem
Staat zeitweise sogar untersagten, wurde die Kunstform des Oratoriums,
aufgeführt zumeist in adligen Palästen und vor kleinem Publikum, als
Ersatz-Oper kultiviert. Ohne Bühnenbilder und Theatereffekte oblag es den
Komponisten qua Musik dramatische und ergreifende Effekte zu kreieren.

Es gelingt René Jacobs mit dem B’Barock-Orchester jede
dramatische Nuance der Partitur Scarlattis hervorzukitzeln. So wird deutlich,
dass dieses Oratorium ohne Abstriche als eine Quasi-Oper bezeichnet werden
darf. Ein Werk, das deshalb, so entschied Intendant Stéphane Lissner, alle
Voraussetzungen mitbringt, um wie eine Oper inszeniert zu werden.

Sicherlich war es gewagt, den nicht selten wegen
seiner kryptisch anmutenden Regiearbeiten als „schwierig“ eingestuften
Italiener Romeo Castellucci zu engagieren, aber er lieferte eine Interpretation
dieses Werkes, die faszinierender und ergreifender nicht sein kann.

Castellucci reduziert den Mix aus sehr dramatischen
Gefühlslagen, wie etwa Eifersucht, Mord, Vergebung, den Sündenfall und den
Verlust der Unschuld so klar und linear, dass die wesentlichen Elemente der
biblischen Handlung lesbar und leicht verständlich sind. Der Regisseur ersetzt
im ersten Teil aufwändige Szenografien mit oszillierenden Lichteffekten, die,
sehr soft, nur hinter Stoffvorhängen auftauchen. Auf diese Weise erzeugt er eine
Atmosphäre des Überirdisch-Fernen, das wie eine Brücke zwischen Altem Testament
und dem Heute fungiert. Castellucci lässt, und das erinnert sehr an
Inszenierungen von Robert Wilson, alle Sänger langsam gehen und sich bewegen. 

Im zweiten Teil des Oratoriums wird Castelluccis Hang
zu nicht auf den Blick zusammenhängenden Inszenierungselementen deutlich. Die
Lichtspiele des ersten Teils weichen einer grasigen Landschaft mit Sternenhimmel.
Die Sänger werden als Schauspieler von Kinderdoubles ersetzt. Es sind die
unschuldigen Gesichter dieser Kinder, die der grausamen Geschichte des
Brudermords und des Beginns der gewalttätigen Geschichte der Menschheit eine
besonders grausame Tiefe verleihen. Castellucci unterstreicht damit den
dramatischen Charakter dieses alttestamentarischen Mythos.

Castellucci und Jacobs bieten in Paris eine packende Aufführung,
musikalisch wie szenisch. Die sechs Sänger, Kristina Hammarström als Kain,
Olivia Vermeulen als Abel, Brigitte Christensen als Eva, Thomas Walker als
Adam, Benno Schachtner als Gottes Stimme und Robert Gleadow als Luzifer,
überzeugen durch stimmliche und auch physische Dramatik.

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