Saraste mit Herzog Blaubarts Burg

Freiheit und Würde

Jukka-Pekka Saraste dirigiert in der Reihe Musik im Dialog des WDR Sinfonieorchesters „Herzog Blaubarts Burg“ von Bartok

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 17. April 2019) Beim WDR Sinfonieorchester steht mit Ablauf dieser Saison ein gravierender, aber letztlich ganz natürlicher Wechsel an. Der Dirigent Jukka-Pekka Saraste wird sein Chefamt, welches er seit 2010 inne hat, an den Rumänen Cristian Macelaru übergeben. Bei seiner Programmgestaltung wurde nordische Musik relativ dezent berücksichtigt. Natürlich hat sich der Finne Saraste immer wieder mal für seinen Landsmann Sibelius eingesetzt, aber er übertrieb diese Akzentuierung nicht. Er setzte bevorzugt auf das deutsch-österreichische Traditionsrepertoire, was sich u.a. in einer Liveaufnahme sämtlicher Sinfonien Ludwig van Beethovens niedergeschlagen hat. Welche Werke sich der Dirigent für sein Abschiedskonzert im Juli aussucht, verrät er nicht.

Sarastes aktueller Auftritt in der Kölner Philharmonie war ein weiterer Abend innerhalb der neu etablierten Reihe „Musik und Dialog“, bei der das Musikprogramm von Ansprachen prominenter Persönlichkeiten zäsiert wird. Im vergangenen September hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit Äußerungen zum Thema „Schicksal“ die Reihe eröffnet (Marek Janowski dirigierte Beethovens fünfte Sinfonie und die „Egmont“-Ouvertüre). Bei dem jetzigen Vortrag des als Jurist wie als Schriftsteller überaus erfolgreichen Ferdinand von Schirach war eine Analogie zu den musikalischen Darbietungen (Beethovens „Fidelio“-Ouvertüre und der Operneinakter „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók) weniger im Vordergrund. Schirach referierte über „Freiheit und Würde“ und gab mit seinen Äußerungen zu intensivem Nachdenken Anlaß. Er beschwor „westliche Werte“ und ging, um den in der Historie häufig stattfindenden Dissens zwischen Kirche und weltlicher Obrigkeit aufzugreifen, auf die Auseinandersetzung zwischen Papst Gregor und König Heinrich IV. im elften Jahrhundert zurück, welcher bekanntermaßen mit dem für Heinrich demütigenden Gang nach Canossa endete. Über solch heftige Zwistigkeiten ist man heute natürlich hinaus, doch gibt es zu einigen Themen weiterhin unterschiedliche moralische Auffassungen. Schirach sprach sich jetzt vor allem für das Selbstbestimmungsrecht des Menschen aus. In seinem jüngsten Theaterstück „Gott“ (Premiere ist am 25. April nächsten Jahres zeitgleich in Berlin und Düsseldorf) geht es um das Recht auf einen freiwilligen Tod, worüber ja gerade stark debattiert wird. Auch wenn die Musikwerke zu Schirachs Gedanken nur eine lockere Beziehung hatten, betteten sie doch das Gesagte emotional ein.

Beethovens „Fidelio“ etwa beschwört die Freiheit wie auch die Tugend unverbrüchlicher Gattenliebe. Die Ouvertüre schrieb der Komponist nach drei eher sinfonisch angelegten „Leonoren“-Ouvertüren. Sie verzichtet auf deren Trompetensignal, welches im Kerkerbild der Oper dann aber zu hören ist. Ein zweimaliges Ertönen dieses symbolisch aufgeladenen Motivs wäre kaum zu rechtfertigen. Auch wenn die „Fidelio“-Ouvertüre somit nichts „verrät“, stimmt sie auf Kommendes doch atmosphärisch schlüssig ein.

Die Widergabe unter Jukka-Pekka Saraste schärfte die dramatischen Umrisse der Musik, unterstrich ihr theatralisches Fundament. Wirkungsvoll das leichte Ritenuto am Ende der die Ouvertüre eröffnenden musikalischen Phrase. Das Lodernde dieser Interpretation wurde durch ein, zwei leicht unkonzentrierte Momente im Orchesterspiel nicht weiter tangiert.

So locker auch die Verbindung zwischen der Schirach-Rede und den Musikwerken: diese waren ihrerseits stark aufeinander bezogen. Beethoven schildert den heroischen Kampf um eine Liebe, bei welcher davon auszugehen ist, daß sie eine seit jeher glückliche war. Bartóks „Blaubart“ schildert hingegen das Kennenlernen zweier Personen, welche die Sehnsucht nach Zweisamkeit vorsichtig, wenn auch begehrlich zueinander führt. Während Blaubart seine Gefühle aber nur andeutungsweise preisgibt, läßt Judith deutlich einen starken erotischen Trieb spüren, welcher mit weiblicher Neugierde einher geht. Aber sie findet letztlich keinen Zugang zum geliebten Mann. Wie die früheren Frauen des Burgherren wird sie zu einer Station des Tagesablaufs entmaterialisiert; Blaubart schmückt sie mit den Insignien der Nacht. Und Nacht wird nun – vermutlich auf ewig – auf ihn selber niederfallen.

Obwohl Bühnenaufführungen von „Herzog Blaubarts Burg“ immer wieder zeigen, dass die handlungsarme Oper von einem wirkungsvollen szenischen Umfeld profitiert, hat auch eine konzertante Aufführung ihre Reize. Dies vor allem, wenn die Sänger echte Bühnenpersönlichkeiten sind. Stefanie Irányis jugendlich leuchtender Mezzosopran bildete die Begehrlichkeiten Judiths ungemein stimmig ab, intensive Körpersprache unterstrich das Brodelnde ihres Charakters. Den Blaubart könnte man sich sicher noch etwas sinistrer vorstellen, als wie ihn Andreas Bauer Kanabas zeichnete, aber sein geschmeidiger, kantabel strömender Baß gab der emotional sich verschließenden Figur dennoch überzeugende vokale Konturen. Saraste arbeitete mit dem Orchester sowohl die dunkel schimmernden wie auch die hell gleißenden Farben der Musik klangmächtig heraus. Eine faszinierende Interpretation.

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