Samson von Saint-Saëns in Wien

Was Israelisches

Die Wiener Staatsoper bringt Saint-Saëns „Samson“ mit Roberto Alagna in der Titelpartie neu auf die Bühne – ein Werk zwischen Oper, Ballett und Oratorium

Von Derek Weber

(Wien, 18. Mai 2018) Ja, wenn doch nur die ganze Oper so von exotischen Farben flirren würde wie der zweite Teil des 2. Aktes, man könnte glatt zum Saint-Saënsianer werden. Doch man merkt dem Werk über weite Teile die Herkunft von der ursprünglichen Oratoriums-Idee an. Im ersten und im letzten Akt kommt die Musik oft nicht unbedingt einfallsreich daher. Es ist eben nicht nur die wenig inspirierte Inszenierung von Alexandra Liedtke, die aus dem intendierten Gesamt- ein aufs Stimmenlauschen reduziertes Hörvergnügen macht, das auch durch das größtenteils einfallslose Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt nicht aufgelockert wird. Nur die mysteriöse Badewanne und das ebenso überraschende Ganz-Raum-Duschbad von oben lockern im 2. Akt die Szenerie auf, ehe sie im 3. Akt wieder im Nirwana von Stühlen versackt. Da sieht auch die Choreographie (Lukas Gaudernak) völlig aus, der zur exotischen Ballettmusik nichts Erwähnenswertes einfällt, außer dass die Figur des geblendeten Samson gedoppelt wird. Die Ballettmusik hat ihren orientalischen Reiz, wie er in Frankreich seit den 1840 Jahren in der Nachfolge von Félicien Davids Ode-Symphonie „Le désert“ in Mode war. Hier stehen, wie im 2. Akt, Chromatismen und Farben im Vordergrund, die im 3. Akt ein ekstatisches Durcheinander suggerieren.

Es dauerte lange, bis es 1877 zu der von Franz Liszt inspirierten Uraufführung in Weimar kam. Und als sich die Oper viele Jahre später schließlich in Frankreich die Bühnen eroberte, war sie nicht mehr ganz up to date. Da dämmerte schon das 20. Jahrhundert herauf. In Wien kam sie 1907 zur Erstaufführung. Oft wurde sie allerdings auch hier nicht gespielt. Dass sie ausgerechnet jetzt wieder an die Staatsoper kam, ist wohl der simplen dramaturgischen Idee entsprungen, dass man zum 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel irgendetwas „Israelisches“ spielen sollte.

Die Handlung muss man nicht lang erzählen, sie entstammt dem Alten Testament (Buch der Richter). Samson soll Gottes Willen erfüllen, indem er die Juden zum Aufstand führt. Doch die Sache läuft schief, als er sich in die Philistertin Dalila verliebt und ihr verrät, worin seine Kraft verborgen ist: In seiner Haartracht. Und als die ab ist, ist auch seine Stärke dahin. Was genau das persönliche Motiv für Dalilas Hassliebe zu Samson ist, wird in der Oper nicht ganz klar. Es ist einfach so, wie es ist. Auch Alexandra Liedtke kann das Geheimnis nicht lüften.

Die Oper steht und fällt mit den Stimmen. Dalila ist eine Glanzrolle für Elina Garanča, die sich nun immer mehr aufs dramatische Fach konzentriert. Die heiklen und nicht immer einfach erreichbaren Tiefen der Partie wertet sie mit dem gekonnten Abdunkeln der Stimme auf. Aber nicht sie heimste trotz aller Perfektion in der gesehenen Aufführung den größten Applaus ein, sondern Roberto Alagna als Samson. Zu Recht, denn der Tenor hat seine Stimme sehr viel mehr unter Kontrolle als ehedem, meistert nicht nur die hochdramatischen Stellen, sondern auch das Piano und das, was dazwischen liegt. Dazu kam als Dritter im Bunde Carlos Álvarez mit wie immer kontrolliertem Timbre als böser Oberpriester. Auch die Nebenrollen des Abimélech und des alten Hebräers waren gut besetzt. Der Staatsopernchor agierte gediegen und das Orchester der Staatsoper spielte unter der Leitung von Marco Amiliato farb-erfahren und in angenehm entschärfter Edelkitsch-Manier auf und lieferte so die solide Grundlage, auf der sich die Sänger stilsicher zu bewegen wussten.

Zum Schluss krachte nicht der heidnische Tempel, von Samson zerdrückt, zusammen. Ein kleiner, rauchiger Feuerzauber brach aus, der zum Applaus überleitete, der zwar zustimmend, aber weniger enthusiastisch ausfiel, als man es hätte annehmen können. Folgevorstellungen folgen eben anderen Gesetzen als Premieren.

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