Samson et Dalia

Samson im Muskelkostüm

Einstürzende Altbauten Foto: Lelli Masotti / Oper Rom

Charles Dutoit dirigiert „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns am Teatro dell’Opera di Roma. Carlus Padrissa von La Fura dels Baus inszeniert

(Rom, im April 2013) „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns ist eine Oper, die man leider nicht oft zu hören bekommt. Vor allem nicht in Italien, wo die französische Oper ein sehr stiefmütterliches Dasein fristet. Ob es sich um französische Opern des 18. oder des 19. Jahrhunderts handelt spielt dabei keine Rolle. Wenn französisch gesungen wird, bleiben viele italienische Opernfreunde daheim.

Es gehört also schon Mut dazu, an einem grossen Opernhaus wie in Rom eine der wichtigsten und sicherlich auch schwierigsten französischen Opern des 19. Jahrhunderts auf die Bühne zu bringen. Ein Werk, das auch, und das macht den ganzen musikalischen Reiz von „Samson et Dalila“ aus, von der leidenschaftlichen Auseinandersetzug für oder gegen die Musik Richard Wagners lebt.
Saint-Saëns war als Wagnerianer verschrien, als sogenannter „Wagnérien impéniten“, doch damit tut man dem Franzosen mehr als Unrecht. Sicherlich nähert sich seine Musik Wagner mehr als die von Bizet. Auch wenn Saint-Saëns leitmotivische Elemente verarbeitet und dem Orchester eine verstärkte Präsenz als in anderen zeitgenössischen französischen Opern einräumt, war er nie ein erklärter Anhänger Wagners.

Saint-Saëns suchte sich musikalisch einen eigenen Weg zwischen Wagner und der typisch französischen Musik seiner Zeit, und deshalb ist sein Hauptwerk musikalisch hoch interessant. Die Oper hatte übrigens nicht in Frankreich ihre Uraufführung, sondern, dank der Vermittlung von Franz Liszt, 1877 in Weimar. Der Komponist wurde stürmisch gefeiert.
Die Neuproduktion an der römischen Staatsoper war ein Risiko. Schon wegen des Orchesters. In der Regel tun sich italienische Orchester schwer mit französischer Musik. Den meisten italienischen Dirigenten gelingt es nicht, das nur scheinbar leichte der französischen Musik, ihr tonales Fließen adäquat umzusetzen.
Deshalb engagierte man Charles Dutoit. Obwohl kein junger Mann mehr, war seine Interpretation der Partitur meisterhaft. Ein großes Lob auch dem Orchester der römischen Staatsoper.

Die Besetzung war gut, mehr aber auch nicht. Aleksandrs Antonenko sang den Samson. Eine Stimme, die für einen Kraftprotz, der Tempel zum Einstürzen bringt, zu klein und zu unsicher war. Da nützte auch das Kostüm nichts: Carlus Padrissa von der spanischen Theatergruppe La Fura dels Baus hatte den Sänger in ein Muskelkostüm gesteckt, das an den Zeichentrickhelden Hulk erinnerte.
Olga Borodina interpretierte die Dalila. Sicherlich war die Borodina einmal ein wirklich guter dramatischer Mezzosopran. Die Rolle der Dalila sang sie weltweit, doch scheint ihre Stimme in vielen Momenten ein wenig wacklig geworden zu sein. Auch der ansonsten ausgezeichnete Chor der Staatsoper enttäuschte ein wenig: dass er französisch sang war nur zu erraten.

Interessant hingegen die Regie von Carlus Padrissa. Um Geld zu sparen, nutzte er Videoprojektionen. Das funktionierte ausgezeichnet. Kurios die Szene mit dem Siegesfest. Der Regisseur stellte sadomasochistische Folterszenen dar, die anscheinend an Pier Paolo Pasolinis Film „120 Tage von Salò“ erinnern sollten. Während in Pasolinis Film die Gefolterten nackt sind, sind sie in der Inszenierung Padrissas in hautfarbene und eng am Körper anliegende Gummianzüge gekleidet. Das wirkte doch recht albern, aber in Rom muß man immer noch und immer wieder auf das eher konservative Publikum Rücksicht nehmen, das bei einem nackten Körper auf der Bühne in der Regel mit einem erstaunten „Oh!“ reagiert.

Thomas Migge
 

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.