Salzburger Pfingstfestspiele

Cecilia Bartoli mit und ohne Bart im Zentrum

Die Pfingstfestspiele in Salzburg drehten sich in diesem Jahr um das romantische Schottland in der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stand eine zu Recht gefeierte szenische Aufführung von Händels „Ariodante“ in einer Inszenierung von Christof Loy.

Von Oliver Schneider

(Salzburg, Pfingsten 2017) Wenige Spuren hat Alexander Pereira, früherer Chef des Opernhauses Zürich und heute Herr der Scala di Milano, in seiner kurzen Intendanz bei den Salzburger Festspielen hinterlassen: die auch unter Markus Hinterhäuser weiterexistierende Ouverture spirituelle und die Verpflichtung von Cecilia Bartoli als künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele. Ein Glücksgriff sondergleichen, wie sich (fast) jedes Jahr von neuem zeigt. Im Mittelpunkt steht jeweils eine szenische, zweimal gezeigte Opernproduktion, die im August ins Sommerfestspielprogramm übernommen wird und später zum Teil auf Tour geht.

Heuer hat Bartoli Händels 1734 uraufgeführten „Ariodante“, der auf einem Gesang aus Ariosts Versepos „Orlando furioso“ beruht, gewählt. Erzählt wird die Geschichte des fahrenden Ritters Ariodante, der sich in die schottische Königstochter Ginevra verliebt, aber erst eine Intrige seines Konkurrenten Polinesso überstehen muss, bevor er glücklich mit ihr vereint wird. Christof Loy nimmt Virgina Woolfs „Orlando“, aus dem die Bartoli auch selbst zu Beginn der drei Akte rezitiert, als Ausgangspunkt seiner Inszenierung. Er spürt der Frage von männlichen und weiblichen Eigenschaften im Menschen und in einer Beziehung nach. Weniger geht es ihm um Ritter oder Helden. Da wirkt es nicht aufgesetzt, wenn die Bartoli mit langen Haaren und Bart an Conchita Wurst erinnert. Den Bart legt sie erst am Ende der über vierstündigen Aufführung ab, um als Frau (!) mit Ginevra zu den Jubelklängen des Chors (Salzburger Bachchor, einstudiert von Alois Glaβner) ohne Aufsehen die Bühne zu verlassen. Loy und sein Team (Bühne: Johannes Leiacker, Kostüme: Ursula Renzenbrink) lassen in ihrer Arbeit die Zeiten fliessend ineinander übergehen; gespielt wird in einem klassizistisch-grossbürgerlichen weissen Raum, der sich immer wieder nach hinten öffnet und den Blick auf romantische Landschaftsprospekte freigibt.

Mag der Abend auch durch die vielen Ballett-Divertissements etwas lang werden, Andreas Heises Choreographien stellen die Verbindung zwischen dem höfischen Tanz des 18. Jahrhunderts und dem Heute so her, dass die Bewegungssprache nicht parodierend wirkt, sondern Loys Konzept weiterführt. Und Renzenbrinks modern-zeitlose Kostüme nehmen immer wieder barocke Elemente auf, so dass auch Ariodante in einer Rüstung auftreten darf.

Selbstverständlich ist die Bartoli das musikalische Zentrum dieser Aufführung. Wie sie etwa mit Koloraturen, Verzierungen und Sprüngen in ihrer Arie „Con l’ali di costanza“ das Publikum zu verzücken weiss. Oder wie sie am anderen Ende der Gefühlsskala, in „Scherza infida in grembo al drudo“ ihrem Leid freien Lauf lässt, weil sich Ariodante von Ginevra hintergangen fühlt, das war schlicht grossartig. Auch die übrigen Protagonisten hatten erheblichen Anteil am musikalischen Erfolg der Produktion: So elegant-weich Christophe Dumaux‘ Counterstimme klingt, die dunklen Seiten von Polinessos Charakter leuchtete er perfide aus. Kathryn Lewek überzeugte nach unsicherem Start als sensible Ginevra. Sandrine Piau, die sich aus Liebe zu Polinesso von ihm für das Gelingen seiner Intrige missbrauchen lässt und Ariodante als Ginevra verkleidet den Verrat vorspielt, wusste ihren Reuegefühlen beredten Ausdruck zu verleihen. Norman Reinhardt gab Ariodantes Bruder zuverlässig – im Sommer wird Rolando Villazón diese Partie übernehmen –, während Nathan Berg einen knorrigen König sang, der sich in anderen Rollen wohler fühlen könnte. Kristofer Lundin ergänzte das Ensemble als Odoardo.

Im Graben spielten erstmals in Salzburg die Musiciens du Prince Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano, Bartolis eigenes Orchester. Capuano führte die Musikerinnen und Musiker aufmerksam und solide, aber ohne grosse eigene Handschrift durch die Partitur. Etwas dünn klangen im hinteren Teil des Parketts die Streicher, was aber wohl auch mit der Architektur des Hauses zu tun hat. Möglicherweise sollte man hier bei der Wiederaufnahme im Sommer grösser besetzen.

Italienische Romantik und Ballett

Als Gegenpol zu Händels „deutsch-englischem“ Romantik-Blick hatte die Bartoli Gioacchino Rossinis, 1819 uraufgeführte „La donna del lago“ nach dem Versepos „The Lady of the Lake“ von Sir Walter Scott aufs Programm gesetzt. Ein Werk, das in Italien eine regelrechte Schottland-Euphorie auslöste. Wiederum begleiteten die Musiciens du Prince unter der Leitung von Gianluca Capuano, dem Rossini mehr als Händel zu liegen schien. Die Bartoli selbst verkörperte souverän die Titelpartie, Elena, die, während sie ihren Geliebten Malcolm herbeiwünscht, die Liebe des schottischen Königs Giacomo entfacht, der sich ihr gegenüber als ein verirrter Jäger ausgibt. Heiraten soll Elena freilich, wenn es nach ihrem Vater Douglas geht, dem vom Hof verbannten alten Lehrer Giacomos, Rodrigo, das Oberhaupt eines Clans, der sich der Unterwerfung unter den König widersetzt. Auch wenn der Text projiziert wird, eine verworrene Geschichte, die trotz einiger Kürzungen noch über drei Stunden dauerte und trotz zündender Arien, schöner Chöre (sehr gut der Salzburger Bachchor) am Sonntagabend Längen hatte.

Wenn man Juan Diego Flórez in der Partie des Giacomo gehört hat, ist jeder Vergleich schwierig. Aber Edgardo Rocha meisterte die Klippen der Partie mehr als achtbar, was man von Norman Reinhardts Rodrigo, für den Rossini geradezu mörderische Sprünge komponiert hat, leider weniger behaupten konnte. Auch mit Nathan Berg als röhrendem Douglas wurde man nicht glücklich, ganz im Gegensatz zum Damenterzett. Wunderbar vereinen sich die Stimmen von Cecilia Bartolis Elena und Vivica Genaux in der Hosenrolle des Malcolm im Duett im ersten Akt „ Vivere io non potrò“. In der zusammengestrichenen Partie der Albina liess Laura Verena Incko mit ihrem fein timbrierten Sopran aufhorchen.

Das erste romantische Ballett überhaupt – „La Sylphide“ in der Choreographie von August Bournonville auf die Musik von Herman Severin Løvenskiold –, in dem sich der junge Schotte James (hervorragend Philipp Stepin) am Tag seiner Hochzeit in eine Sylphide (Olesya Novikova) verliebt, ergänzte das Opernprogramm. Getanzt wurde der Abend vom Ballett des Mariinski-Theaters. Und es gibt wohl im „nicht-russischen Ausland“ keine Kompagnie, die eine hochklassische Choreographie technisch so brillant und in den Corps-Szenen so synchron tanzt wie die Gäste aus Petersburg. Freilich, verstaubt wirkt das Ganze trotzdem ein wenig, aber dem Publikum hat’s gefallen. Das Mozarteumorchester unter der Leitung von Valery Ovsyanikov legte den passenden Klangteppich dazu aus.

40 Jahre Salzburg

Das erste der drei Konzerte im Programm bestritt das Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter der Leitung seines Chefdirigenten Antonio Pappano. Sie steuerten eine mitreissende und in den Bläserstimmen schön ausgearbeitete Interpretation von Mendelssohns dritter Symphonie sowie die Hebriden-Ouvertüre bei. Den Holländer-Monolog „Die Frist ist um“ in der Urfassung – diese spielt in Schottland! – hat man von Bryn Terfel schon mit mehr Nachdruck gehört, während Tatjana Serjan in „Macbeth“-Auszügen als Lady ihr aktuelles hohes Niveau in dieser Partie unter Beweis stellte.

Thematisch quer stand das Festkonzert für Anne-Sophie Mutter mit „Blockbuster-Werken“. Dafür passte es umso mehr aufgrund der Geschichte der Ausnahme-Geigerin. Denn vor genau 40 Jahren debütierte sie im Rahmen der damaligen Pfingstkonzerte unter Herbert von Karajan, nachdem ihr Mentor die damals 13-Jährige im Jahr zuvor in Luzern entdeckt hatte. Sie musizierte dieses Mal unter anderem mit ehemaligen Stipendiaten ihrer Stiftung. Im kammermusikalischen ersten Teil erklang Schuberts Forellenquintett, den Klavierpart hatte Daniil Trifonov übernommen. Anne-Sophie Mutter und er inspirierten sich gegenseitig in ihrem Spiel so sehr, dass man sich eine Fortsetzung dieses Projekts nur wünschen kann. Gemeinsam (mit Maximilian Hornung am Cello, Hwayoon Lee, Bratsche, sowie Roman Patkoló, Kontrabass) musizierten sie so aufeinander hörend, als ob sie nicht das erste Mal, sondern bereits seit vielen Jahren miteinander Kammermusik machen. Vivaldis voll und warm musizierte „Vier Jahreszeiten“ mit Mutters‘ Virtuosi nach der Pause lebten vom hohen Pulsschlag der Musiker in den schnellen Sätzen – vor allem im „Sommer“ und im „Herbst“ – und von Mutters Fähigkeit, in den langsamen Sätzen mit fahlen Tönen Melancholie zu verströmen. Dass es am Ende eine Laudatio von der Festspielpräsidentin und Blumen von Cecilia Bartoli gab, versteht sich. Die Bartoli wurde im Gegenzug mit einem Geburtstagsständchen bedacht. Anne-Sophie Mutter erinnerte mit Bachs romantisch vorgetragenem Air an ihren Mentor, ohne den ihre Karriere wohl anders verlaufen wäre – und Salzburg auch nicht das wäre, was es heute ist. Das letzte Festspielkonzert bestritt schliesslich der Countertenor Max Emanuel Cencic.

Es war ein Pfingstwochenende, das beim Publikum auf großen Zuspruch stieß. Die Festspiele vermeldeten eine Auslastung von 94 Prozent. Mögen Cecilia Bartoli die Ideen für weitere Festspiele nicht so schnell ausgehen.

Wiederaufnahme von „Ariodante“:
Am 16. August 2017 im Haus für Mozart. Weitere Vorstellungen: 18., 22., 25. und 28. August. Mehr Informationen zum gesamten Festspielprogramm und Karten: www.salzburgfestival.at.

Das Motto der Pfingstfestspiele 2018 lautet „1868 – Zeitenbrüche“. Mit einer Produktion von „L’Italiana in Algeri“ wird dem 150. Todestag von Gioacchino Rossini gedacht. Die Pfingstfestspiele dauern vom 18. bis 21. Mai 2018.


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