Salzburger Mozarteum Requiem

Stockhausen trifft Mozart

Ein glücklich erschöpfter Trevor Pinnock Foto: ISM/Wolfgang Lienbacher

Zum Abschluss der diesjährigen "Dialoge"-Reihe im Salzburger Mozarteum und zum Abschied des langjährigen Programmmachers Stephan Pauly gab es spirituelle Musik aus unterschiedlichsten Epochen und Kulturkreisen – ein außergewöhnliches Konzert

(Salzburg, 4. Dezember 2011) Wenn man die Salzburger mit einer Aufführung von Mozarts Requiem – zumal im Winter – hinter ihren gemütlichen Kachelöfen hervorlocken und auch noch beeindrucken will, dann muss man schon etwas Besonderes aufbieten. Selbstredend sind die Konzerte der "Dialoge"-Reihe der Salzburger Stiftung Mozarteum, was Programm und Interpreten anbelangt, fast immer etwas Besonderes, und somit standen die Chancen auf eine allgemeine Publikumsbeglückung mit diesem über die Maßen bekannten Werk ziemlich gut. Eingeladen waren neben dem Mozarteumorchester und dem Salzburger Bachchor der wunderbare Alte-Musik-Spezialist Trevor Pinnock als Dirigent, von dem man in Deutschland in den vergangenen Jahren leider nicht viel vernommen hat.

Doch hat Programmmacher Stephan Pauly seinem Publikum vor dem Mozartgenuss mit Karlheinz Stockhausens "Gesang der Jünglinge im Feuerofen" noch einen gewissen Härtetest auferlegt. Stockhausens Psalmvertonung aus der Mitte der 50er Jahre ist eine Tonbandkomposition mit Knabenstimmen und elektronisch erzeugten Klängen, die sich kontrapunktisch gegenüberstehen, ineinander fließen, abstoßen und ergänzen. Ein Werk, das mit genau ausgetüftelten Raumklängen arbeitet (vier Lautsprecher stehen in den vier Ecken des Saals) und in seiner ätherischen Expressivität und technischen Experimentierfreude noch immer modern wirkt und unmittelbar für sich einnimmt. Ein geschickt inszenierter spiritueller Dialog zwischen Stockhausen und Mozart über die Jahrhunderte hinweg. Die Komposition kam natürlich vom Band, was zunächst für ein wenig Erstaunen im Publikum sorgte (Klangregie: Peter Böhm).

Danach ließ Trevor Pinnock Mozarts letzte Komposition mit einer klanglichen Dramatik musizieren, wie man es kaum je erlebt hat. Jeder Musiker, ob im Orchester, im Chor oder im Solistenquartett war eingeschworen auf eine zu jeder Zeit, in jeder Note aus der Musik geborenen Intensität und Expressivität, die nichts Äußerliches oder Aufgesetztes hatte. Plastisch, pointiert und klangschön sangen alle vier Stimmgruppen im Chor, hochflexibel in Tongebung und Dynamik das Orchester und homogen fügten sich die nie selbstdarstellerisch agierenden Solisten ein: Julia Kleiter, Sopran, Marie-Claude Chappuis, Alt, Werner Güra, Tenor und Reinhard Hagen, Bass. Die trockene Akustik im Mozarteumsaal war natürlich eine Herausforderung für alle – und auch als Hörer hätte man ein wenig Nachhall nicht verkehrt gefunden. Vielleicht wäre doch eine Salzburger Kirche der passendere Ort für dieses Konzert gewesen – auch Stockhausens Werk hätte darin wunderbar gewirkt.
Und auch der letzte Programmpunkt dieses nicht nur sehr ungewöhnlichen, sondern auch sehr langen Konzerts, der Auftritt des iranischen Setar-Spielers Hossein Alizadeh und dem Perkussionisten Madjid Khaladj hätte in einer Kirche auch gut funktioniert. Deren pausenlose, weit sich verzweigende Improvisationen auf der Grundlage traditioneller persischer Musik waren sicherlich ein noch größerer Kontrast zu Mozart als Stockhausen. Aber wer sich darauf einließ, konnte auch hier eine spirituelle Klangkunst von großer geistiger Konzentriertheit erleben. Das Publikum war jedenfalls ebenso konzentriert wie begeistert.

Robert Jungwirth

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