Salzburger "Freischütz"-Premiere

Max im finsteren Fantasy-Land

Peter Seiffert (Max), Petra Maria Schnitzer (Agathe), Ignaz Kirchner (Samiel), Ensemble
Foto: Baus


Premiere in Salzburg: Falk Richter inszenierte Webers „Freischütz“ im Haus für Mozart

(Salzburg, 4. August 2007) Webers „Freischütz“ war bislang eine Rarität auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele. Gérard Mortier traute wohl dem deutsch-nationalen Beigeschmack der Oper nicht. Peter Ruzicka mag sie schlicht nicht intellektuell fundiert genug gewesen sein. Von solchen Bedenken hat sich der handfeste Jürgen Flimm nicht beeindrucken lassen und dem „Freischütz“ für die Saison 2007 eine Chance gegeben. Mit Gespür für das stilistische Umfeld hat er ihn in das Haus für Mozart gesetzt, das mit der „Freischütz“-Premiere am Freitag auch seinen Einstand als Ort für romantische Klänge feierte.
Nach Haydns „Armida“ und Tschaikowskys „Eugen Onegin“ setzte Flimm auch mit dem „Freischütz“ ein Zeichen, dass er für Salzburg nicht gerade einen Kuschelkurs zu fahren im Sinn hat. Die Inszenierung wurde dem vom Schauspiel bekannten Regisseur Falk Richter anvertraut. Und Richter machte sich daran, seinem Ruf, in seinen Arbeiten die Zeichen unserer Zeit zu Bedenken zu geben, auch im Falle des „Freischütz“ gerecht. Was im Publikum, nach erfolgter Premiere, zu deutlich geäußerter Spaltung der Meinung führte: Laute Buhs wurden mit Applaus bekämpft und umgekehrt.
Auf der musikalischen Seite wagte sich Flimm nicht so weit vor. Im Graben spielen die Wiener Philharmoniker und den Taktstock schwingt Markus Stenz. Vielleicht wurde Stenz ja mit dem Gedanken engagiert, dass ein Dirigent mit seiner Reputation fürs Zeitgenössische eine oft genug als zopfig verschriene Partitur wie die des „Freischütz“ aufhellen, ja auffrischen würde. In dieser Hinsicht ist das Salzburger Projekt eine Enttäuschung. Stenz zeigt nur, dass er mit der Romantik, genauer, mit einer Musik an der Nahtstelle zwischen Klassik und Romantik, zwischen Mendelssohn und Wagner – nicht wirklich etwas im Sinn hat. Er bietet sie dar, er ermuntert das ausgezeichnete Orchester zum Spiel. Durchweg zu vermissen ist aber ein spezifischer Klangsinn, ein expliziter Ausdruck jener warm-dunklen Farben des Naturhaften, das Weber in dieser Oper zum Klingen bringt (Hans Pfitzner behauptete sogar, es gehe im Freischütz nur um den Wald und die Personen seien darin nicht mehr als Staffage).
Das ist schade, denn die Farbe, die Szenerie des „Freischütz“ liegt mehr in seiner Musik als in seiner Handlung. Die kann man fast als Vorwand für den Komponisten bezeichnen, mit Klängen sein Gemälde zu malen. Weber schaffte es nicht, das Libretto von Friedrich Kind in eine schlüssige und homogenen musikdramatische Form umzuwandeln. Er rettete sich mit Dialogen im Geist der deutschen Spieloper über die Runden anstatt derart in das Libretto einzugreifen, dass es sich nur durch Musik zu einem Ganzen rundet. Kraft geht deshalb vor allem von der Stimmung, von der Farbe, vom romantisch-melancholischen Ton der Musik aus, den es entschlossener zu kultivieren gilt als es Markus Stenz in Salzburg gelingt.
Stenz schafft also in Salzburg keinen inneren Zusammenhalt (was dem leider nicht verfügbaren Nikolaus Harnoncourt gelungen wäre) und ebenso wenig kommt den Zuschauern Falk Richter im Bühnenbild von Alex Harb zu Hilfe. Obwohl das Konzept im Bunde mit dem Dramaturgen Bernd Stegemann große Ambitionen zeigt. Dass Richter die Handlung in die Gegenwart versetzt, versteht sich fasst von selbst. Die Absicht dahinter ist, die Mechanismen von Zwang und Manipulation am Abbild des Heute kenntlich zu machen. Sinn der „Freischütz“-Übung – des Probeschusses zwecks Erringung von Braut und Ehre – sei es, junge Leute für den Militärdienst zu verpflichten und damit den Krieg und seinen Repressionsapparat am Leben zu halten. Ehrgeiz, Konsum und Glücksverheißung durch Werbung und Propaganda sind Mitspieler des Apparats. Für diese subtileren Mittel des Gefügig-Machens stehen Samiel (Ignaz Kirchner) und seine zwei von Richter dazu erfundenen Spießgesellen. Max ist eine Art Söldner, Caspar sein Kumpel von der Truppe. Der noch etwas naive Max soll seine Seele ganz an den militärisch-industriellen Komplex verkaufen, sich gleichsam widerspruchslos in die Welt von Gehorsam und Konsum einfügen. Die Chöre sind daher auch nicht Förster und Dorfschönheiten, sondern Konsumbürger wie aus den Katalogen der Reiseveranstalter oder Soldaten wie aus der Kadettenschule. Das alles passiert im Betongrau einer unterirdischen Schießanlage. Zeitgemäß gibt sich die Produktion auch durch die von Falk Richter auf heutige Sprache getrimmten Dialoge. Leider weder ein Gewinn an Erkenntnis noch an Poesie.
 
Und wo bleibt die Oper? Sie verzettelt sich in diesen ganzen Auftritten und Symbolen, sie bleibt Hängen im Geäst des sprießenden gesellschaftskritischen Ideen-Walds. Wenn es ans mystisch-Eingemachte geht, in der Wolfsschlucht-Szene, dann bemüht Richter die Fantasy-Welt: Aus der Schießanlagen-Tiefgarage wird ein Tempel wie bei Indiana-Jones, und meterhohe Flammen lodern aus genau bestimmten Punkten im Boden, fressen sich auf Schienen voran. Dass sich die Idee der Wolfschlucht auch im Inneren von Max und Caspar abspielen könnte, dafür bleibt hier kein Raum.
Lohnt es sich wenigstens, wegen der Sänger zu dieser Aufführung nach Salzburg zu fahren? Jein, lautet die Antwort. Der Max des Peter Seiffert ist eine sichere Bank, Petra Maria Schnitzer gibt eine stimmlich lebhafte Agathe, Aleksandra Kurzak ein munteres, chices Ännchen, John Relya einen raubtierhaft finsteren Kaspar. Aber keine der vorgeführten Personen brennt sich wirklich in die Erinnerung ein, kein Sänger empfiehlt sich als ein Modell seiner Rolle.
Laszlo Molnar
Weitere Aufführungen am 5., 13., 16., 20., 23. und 27. August im Haus für Mozart.  

Hilft Gott nicht, hilft vielleicht Samiel Foto: Baus

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