Salustia

Die Mutter des Kaisers

Maria Ercolano in der Titelrolle Foto: Marc Ginot/Festival Montpellier

Das Montpellier-Festival präsentiert zum ersten Mal seit seiner Uraufführung den Opernerstling von Pergolesi „Salustia“
(Montpellier, Ende Juli 2008) Sie klagt ihr Leid. Sie, die einfach alles zu ertragen scheint. Eine Frau, die nicht aufbegehrt, als ihr Mann unter die Fittiche seiner machtlüsternen Mutter zurückkehrt. Die nicht protestiert, als sich anscheinend alle gegen sie verbünden.
Salustia ist die Liebe in Person. Ihr Mann Alessandro, Kaiser des römischen Reiches, verrät sie. Gegenüber dessen Mutter Giulia, die nur zu gern an die Stelle Salustias treten würde, um endlich selbst Kaiserin zu werden; ist sie sich doch mehr als bewußt, dass Alessandro nicht das Rückgrat besitzt, um das Imperium zu führen. Giulia dagegen ist davon überzeugt, dass nur sie das Zeug dazu habe. Um aber Kaiserin zu werden muß Giulia erst ihre Rivalin, Salustia, aus dem Leben ihres Sohnes verbannen.

Die erste Oper von Giovanni Battista Pergolesi bietet, wie es für das barocke Musiktheater typisch ist, Liebe und Hass, Drama und ein Happy End, aber „Salustia“ erinnert auch an ein in Musik verwandeltes Schauspiel von William Shakespeare. Nicht wenige Szenen bieten Rezitative und Duette, die in ihrer dramatischen Tiefe eher an das englische Sprechtheater der Renaissance erinnern als an eine Opera seria des frühen 18. Jahrhunderts.

„Salustia“ ist zum ersten Mal wieder seit ihrer Uraufführung 1732 im venezianischen Teatro San Bartolomeo in Szene gesetzt worden. Beim Festival im südfranzösischen Montpellier, organisiert von Radio France. Deus ex machina dieser Wiederentdeckung ist Antonio Florio, Gründer und Direktor des auf neapolitanische Barockmusik spezialisierten Ensembles „La Capella della Pietà dei Turchini“.

Die erste Oper Pergolesis geriet schon kurz nach ihrer Uraufführung in Vergessenheit. Im gleichen Jahr 1732 hatte er seine Oper „Il frate inamorato“ komponiert, mit der er auf einen Schlag berühmt wurde.
Die Hauptrolle der Salustia wurde mit großer Dramatik und Leidenschaft von der Sopranistin Maria Ercolano gesungen. Die Mezzosopranistin José Maria Lo Monaco interpretierte Kaiser Alessandro. Eine vielleicht zu kleine Stimme für die Rolle eines römischer Imperators, aber in der Darstellung eines zwischen seiner Mutter und seiner Frau hin- und hergerissenen Mannes überzeugte die Sizilianerin. Die böse Mutter sang Raffaella Milanesi. Ihre herbe Sopranstimme passte ausgezeichnet zur Rolle der Giulia.
Auch wenn Regisseur Jean-Paul Scarpitta antikisierende Kostüme benutzte, siedelte er die Handlung in einem fantastisch anmutenden Ambiente an – zwischen bukolischer Landschaftsidylle und angedeutetem altrömischen Palazzo. Und: Er ließ es regnen. Als ein Teil der Handlung in einer Therme spielte, ließ er es rund 30 Minuten lang auf die Bühne regnen. Nicht unbedingt zum Vorteil des Klangs: man hatte den Eindruck, Oper bei einem
sommerlichen Regenguss zu hören.

Interessant an dieser Wiederentdeckung ist der Umstand, dass Pergolesis erste Oper über den typischen Geschmack seiner Zeit hinausgeht. Pergolesi versuchte eine Sprung in das, was man später Neoklassizismus nennt. In „Sallustia“ finden wir den Keim einer Entwicklung, der erst später aufgehen wird; einen ersten Versuch stilistisch etwas Neues zu bieten. Das wird vor in den ungewöhnlich langen Arien deutlich, in ihrer Dramatik, aber auch in
den Rezitativen. Florio hat sie bewußt nicht gekürzt. Ganz und gar nicht langweilig, spiegeln sie vielleicht noch deutlicher als die Arien und Duette den dramatischen Handlungsstrang wieder. So zum Beispiel zwischen Salustia und ihrem Vater, dem General Marziano, gesungen von Marina de Liso.
Marziano verzeiht es seiner Tochter nicht, dass sie schließlich, mit sehr zaghaften Worten, gegen Giulias Einflußnahme auf die Politik ihres Mannes Einspruch erhebt. Er hingegen ist Giulia loyal verbunden – und wird damit zum Gegner seiner eigenen Tochter. Im zweiten Akt kommt es zu einem längeren Rezitativ, in dem Vater und Tochter ihre Spannungen bis zum offenen Wutausbruch zum Ausdruck bringen – wäre der Text nicht gesungen, wäre er perfektes Sprechtheater.
Auch ohne die Regie Scarpittas wirkt Salustia nicht als ferne antike Historiengestalt, sondern als realer Mensch, der leidet und dieses Leiden für den Zuhörer nachvollziehbar macht. Darin wirkt diese Rolle ungemein modern. Fast schon wie aus einer Mozartoper.

„Salustia“ wird übrigens im September beim diesjährigen Pergolesi-Spontini-Festival in mittelitalienischen Jesi erneut aufgeführt.
Zum Glück wird es Ende des Jahres auch eine DVD der Inszenierung in Montpellier geben.
Thomas Migge

 

 


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