Salome Stuttgart

Opernkritik: Salome

Einstürzende Palastbauten

Matthias Klink (Herodes), Simone Schneider (Salome), Claudia Mahnke (Herodias) Foto: A.T. Schaefer

Der Stuttgarter Staatsoper gelingt unter Roland Kluttig eine vor allem musikalisch sensationelle Neusinszenierung von Strauss‘ „Salome“
Von Robert Jungwirth

(Stuttgart, 22. November 2015) Zuerst singt Salome in ihrem Schlussgesang die Saaldecke weg, dann reißt Dirigent Roland Kluttig zu Herodes Worten „Man töte diese Weib“ mit dem Orchester der Stuttgarter Oper auch noch den Palast des Herodes ein. Nein, eine solche "Salome" hat man noch nicht erlebt. Wie die Stuttgarter Oper in ihrer Neuinszenierung das biblische Strauss’sche Grusical musikalisch und darstellerisch mit Drastik und Schlagkraft auflädt, das lässt einem mehr als einmal den Mund offen stehen. Möglich macht das neben einer phänomenalen Orchesterleistung und -leitung ein phantastisches Gesangsensemble mit einer Salome von Simone Schneider, die geradezu sensationell ist. Was für eine Stimme!

Man kennt ja so manche geifernd-giftige Interpretationen dieser femme fatale mit ihrem bis zur Hysterie gesteigerten Wunsch nach dem Kopf des Propheten Jochanaan. Aber bei Simone Schneiders dunkel timbrierter Stimme stellen sich einem die Haare auf. Dabei zeichnet sie Regisseur Kirill Serebrennikov gar nicht mal als Monster, sondern als eine der Gothikbewegung zumindest optisch nahestehendes Mädchen, das in einer Umgebung aus Gewalt und Frivolität nach Liebe sucht und sie (natürlich) nicht findet. In Jochanaan erkennt Salome einen Gegenpol zu ihrer gestörten Familie, doch der weist sie schroff zurück, was in ihrer verletzten Seele den (anerzogenen) Killerinstinkt auslöst. Ihre Mutter jedenfalls ist ja mit dem Wunsch nach der Enthauptung des Propheten vollkommen einverstanden. Nur Herodes ist nicht amused – vor allem weil er eine wie auch immer geartete göttliche Rache fürchtet. Auch Matthias Klink liefert als neurotisch-psychotischer Herrscher mit ausgewachsener Paranoia und punktgenauer stimmlicher Akzentuierungen ein faszinierendes Rollenporträt. Auch diese Partie hat man kaum je so dringlich existentiell wie in dieser Stuttgarter Produktion. Mit seiner täppischen Nervosität und auch in seiner Physiognomie erinnert Klink an Edgar Selge. Beide – Klink und Schneider- gaben damit übrigens ihr Rollendebüt: was für eine phantastische Leistung! Man hat sicher nicht zu Unrecht den Eindruck, dass viel von der außerordentlichen Wirkung der Sängerinnen und Sänger in dieser Produktion mit der musikalischen Einstudierung von Roland Kluttig zusammenhängt. Denn Kluttigs zugespitzte musikalische Dramatik, die der Partitur eine unerhörte Plastizität und Brutalität abgewinnt, dabei aber sehr klar und mit geschärften Konturen erklingt, sind auch die Sänger verpflichtet. Das ist alles aus einem Guss und deshalb so wirkungsvoll und überzeugend.

Da ist es gar nicht so leicht als Regisseur auf diesem Niveau mitzuhalten, und Serebrennikov gelingt das auch nicht immer ganz, zumal seine In-eins-Setzung des Jochanaan mit den wahnsinnigen "Gotteskriegern" des islamistischen Terrors nicht wirklich überzeugt (die Rolle ist hier durch den Schauspieler Yasin El Harrouk gedoppelt, der einen arabischen religiösen Eiferer spielt). Natürlich kommt auch in Strauss‘ Oper viel Religionskritik im Sinne einer Kritik an religiöser Eiferei vor – den auskomponierten Streit unter der Glaubensrichtungen hat man auch kaum je so plastisch vernommen wie hier. Aber ob der Brückenschlag zum IS, der immer wieder mit seinen Zerstörungsakten (auch Köpfen gehört ja zum Repertoire) auf eingespielten Videos zu sehen ist, eine zwingende Analogie darstellt, darüber kann man sicher verschiedener Meinung sein.

Der Palast des Herodes ist bei Serebrennikov ein unwirtlicher Kasten aus Glas und Stahl und schwarzen Wänden (Bühne: Pierre Jorge Gonzales). Es wimmelt von Wachpersonal, das jeden Zentimeter per Video im Blick hat. Also auch die Bastion des Herodes ist eine fragile, was auch die Musik ausdrückt. Wie um diese Fragilität zu kompensieren oder zu übertünchen gibt man sich dem vollkommenen Hedonismus hin. Herodias (stimmlich untadelig: Claudia Mahnke) ist fast durchgängig mit ihren Lustsklaven im Schlafzimmer zugange, während sich Herodes an seiner Stieftocher aufgeilt. Eine schrecklich nette Familie. Dieweil singt Jochanaan wie eine Kirchenorgel heilige Prophetien aus der Versenkung. Iain Paterson ist der dritte im Bunde der grandiosen Protagonisten dieser herausragenden Produktion.

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