Salome Kammer und Münchner Symphoniker

Verzweifelte Göttin

Salome Kammer Foto: Christoph Hellhake

Salome Kammer spricht und spielt im Konzert der Münchner Symphoniker als Tragödin das „Proserpina“-Melodram von Carl Eberwein  
Von Klaus Kalchschmid
(München, 18. Dezember 2016) Auch wenn eine knackige „Egmont“-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven an Beginn dieses Sonntagnachmittags-Konzerts im Prinzregententheater mit den Münchner Symphonikern unter Kevin John Edusei stand und nach der Pause eine gelungene Aufführung der 1816 geschriebenen vierten Symphonie von Franz Schubert folgte, so zog doch vor allem ein halbszenisches, unvermittelt Bühnenluft atmendes Intermezzo besondere Aufmerksamkeit auf sich: das „Proserpina“-Melodram aus dem Jahr 1815 von Johann Wolfgang Goethe mit der Musik von Carl Eberwein (1786 – 1868), der auch viele Gedichte des Weimarer Dichterfürsten vertonte, seine Hauskonzerte organisierte und sieben Opern komponierte. Die Schauspielerin und Sängerin Salome Kammer rezitierte nicht einfach nur den Text zur Musik des Orchesters, womöglich noch mit Partitur auf einem Notenständer: Nein, sie spielte die verzweifelte Göttin barfuß im fließenden, enganliegenden, leicht glitzernden grauen Kleid vor, im und hinter dem Orchester.
Zur Vorgeschichte: Pluto, der Gott der Unterwelt, entführte einst Proserpina (Persephone in der griechischen Mythologie), die Tochter der Erdgöttin Ceres von einer Wiese an den Hängen des Ätna, wo sie inmitten ihrer Gespielinnen Blumen pflückte, mit seinem von vier schwarzen Rossen gezogenen Wagen. Die untröstliche Mutter erzwang schließlich Jupiters Einverständnis, dass Proserpina nur die Hälfte des Jahres in der Unterwelt verbringen müsse – und somit im Frühling neues Leben auf die Erde zurückbrächte.
Das Melodram von Goethe/Eberwein zeigt freilich die verzweifelte, sich an selige Vergangenheit erinnernde, mit ihrem Schicksal hadernde, anklagende und immer wieder fragende junge Frau. Nach sechseinhalb Minuten instrumentaler Einleitung stürzt Kammer unvermittelt auf die Bühne, sich selbst bremsend: „Halte! Halt einmal, Unselige! Vergebens / Irrst du in diesen rauhen Wüsten hin und her!“. Später hadert sie: „Warum ergriff er [Pluto] nicht eine meiner Nymphen / Und setzte sie neben sich / Auf seinen kläglichen Throne? / Warum mich, die Tochter der Ceres?“. Sie fleht, immer wieder vom Orchester unterbrochen oder gestützt (mal sehr getragen vom Bläserchoral der Hörner, mal von zarten Holzbläser- oder Cello-Soli, mal in erregtem Recitativo accompagnato), den Vater und die Mutter an, sie zu retten. Schließlich sieht sie das Labsal eines Granatapfels und beißt hinein – was freilich nur dazu führt, dass sie Schwester der Schicksalsgöttinnen, der Parzen, wird, die denn auch gleich als a-cappella-Chor aus dem Off zu hören sind, gefolgt von Proserpinas erregtem: „So schöpft, Danaiden! Sinnt, Parzen! Wütet, Furien!“ Text, „Vertonung“ und der dramatische Impetus der veritablen Tragödin Salome Kammer haben da ihren Höhe- und Siedepunkt erreicht.
Wer bei keinem der beiden Live-Konzerte dabei sein konnte, sei auf die schöne CD-Einspielung der „Proserpina“ mit Salome Kammer und den Wuppertaler Symphonikern unter Peter Gülke verwiesen; dort 1996 ergänzt von Georg Bendas berühmtem „Ariadne auf Naxos“-Melodram mit Kammer als Ariadne – und Dirk Schortemeier als Theseus.



Münchner Philharmoniker


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