Salome bei den Salzburger Festspielen

Schonungslose Selbstentäußerung

Dank der Sängerin der Titelpartie Asmik Grigorian wird die neue Salzburger „Salome“ in der Regie von Romeo Castellucci und unter der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst zum großen Erfolg

Von Christian Gohlke

(Salzburg, 28. Juli 2018) Die Inszenierungen des italienischen Theaterkünstlers Romeo Castellucci polarisieren Publikum und Kritik. Als er in der vergangenen Spielzeit im Münchner Nationaltheater Wagerns „Tannhäuser“ inszenierte, wurde seine Arbeit in der Presse teils heftig attakiert, teils hymnisch gefeiert und Castellucci selbst als Genie gepriesen oder als Scharlatan verworfen. Mit starken Reaktionen war deshalb auch in Salzburg zu rechnen, wo mit Richard Strauss‘ „Salome“ die zweite Festspielpremiere auf dem Programm stand. Lautstarke Ablehnung rief Castelluccis „Salome“ jedoch nicht hervor.

Castellucci geht es in seinen Operninszenierungen nicht um eine präzise, psychologisch genaue Personenführung als Deutung des Librettos. Vielmehr will er Theater als eine Art von Gesamtkunstwerk wahrnehmbar machen, weshalb er nicht nur Regie führt, sondern zugleich auch das Bühnenbild und die Kostüme entwirft. Castellucci, der eigentlich Malerei studierte, sucht nach Bildern, die nicht unbedingt verstanden, sondern eher erspürt und erlebt werden wollen. Sein Theater richtet sich nicht vornehmlich an den Kopf des Zuschauers; es will in ihm eine andere, schwer zu benennende, sozusagen tiefere Schicht ansprechen.

Für „Salome“ hat er in der archaisch anmutenden Felsenreitschule mit ihren steinernen Arkaden einen geradezu idealen Raum gefunden. Die riesige, golden glänzende Bühnenfläche wird von einer kreisrunden Öffnung beherrscht. Sie bildet das Zentrum des ganzen Abends. In diesem so beängstigenden wie faszinierenden Abgrund sitzt der Prophet Johanaan (Gábor Bretz mit markanter, ausdrucksstarker Bass-Stimme) und erschreckt den Hof des Herodes mit seinen Mahnungen und Weissagungen. Später, wenn der Diener Narraboth, den Julian Prégardien mit wunderbar klarem, sicher geführtem Tenor singt, den Wunsch Salomes erfüllt und Johanaan aus seiner Gruft bringen lässt, ragen Kopf und Hals eines schwarzen, im Kreis gehenden Pferdes über den Rand. Und nachdem Salome von Herodes (John Daszak singt ihn mit durchdringendem, flexibelm, in den Höhen mitunter etwas angestrengtemTenor) den Preis für ihren Tanz unerbittlich einfordert, ist die runde Fläche über Johanaans Gruft mit milchweißer Flüssigkeit gefüllt. In ihr sitzt der nackte Leichnam des Propheten. Er sitzt dort ohne Kopf. Doch an ihn wendet sich die Prinzessin: „Ja, ich will ihn jetzt küssen, deinen Mund!“ Ganz am Ende, kurz bevor der entsetzte Herodes den Befehl gibt, „dieses Weib“ zu töten, legt sich Salome ins Wasser einer zweiten, kleineren Zisterne, matt, aber entspannt und glücklich nach vollbrachtem Werk: „Ich habe deinen Mund geküsst, Johanaan! Ich habe ihn geküsst, deinen Mund!“ Starke Bilder! Sie gehen unter die Haut und bleiben haften.

Natürlich verdanken sie ihre Intensität auch und nicht zuletzt der Salome der Asmik Grigorian, bei der Castellucci sich beim Schlussapplaus mit einem Kniefall für eine überragende Darstellung bedankt. Mag sein, dass ihre Stimme in der Höhe manchmal etwas dünn wird und ihr für diese Partie die lyrische Strahlkraft ein wenig fehlt. Aber die litauische Sopranistin agiert mit vorbehaltloser Hingabe, großer Leidenschaft und beeindruckender Kraft.

Ein wenig mehr von dieser schonungslosen Selbstentäußerung hätte man sich von Franz Welser-Möst an einigen Stellen gewünscht. Sein Dirigat wirkt an diesem Abend manchmal zu kontrolliert. Aber wie unter seiner Leitung die phantastischen Wiener Philharmoniker den Detailreichtum und die Klangschönheit der Partitur entfalten, wie fein die dynamischen Schattierungen geraten und wie wach und präzise die Musiker agieren, das ist beglückend. Und so gab es am Ende großen Applaus für ein sehr gutes Ensemble, Jubel für Asmik Grigorian – und freundliche, mit der Zeit wachsende Zustimmung für Romeo Castellucci.

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2 Antworten
  1. Kai Buchheister
    Kai Buchheister says:

    Sehr geehrter Herr Gohlke,

    mit Ihren zaghaft kritischen Bemerkungen zu Asmik Grigorian stehen Sie doch recht allein auf weitester Flur. Das wird Ihnen nichts ausmachen, aber Sie liegen auch falsch. Hören Sie sich noch einmal die Schlussarie an, dann werden Sie feststellen, dass die Stimme auch in der Höhe nichts an Gewalt und Präsenz verliert. Und über lyrische „Strahlkraft“ verfügt Frau Grigorian auch – sie setzt sie nämlich da ein, wo sie hingehört. Dauerfülle und -fülligkeit, auch russischer Provenienz, ist von gestern.

    Mit freundlichen Grüßen
    Kai Buchheister
    Karlsruhe

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    • Christian Gohlke
      Christian Gohlke says:

      Sehr geehrter Herr Buchheister,

      haben Sie vielen Dank für Ihre Anmerkung zu meiner Rezension!
      Wenn ich eine Kritik schreibe, kann ich immer nur versuchen, meine eigenen Eindrücke so gut wie möglich in Worte zu fassen und dabei gewissermaßen mir selbst gegenüber ehrlich zu sein.
      Darum habe ich meine Einwände gegenüber Asmik Grigorians Salome nicht verschwiegen. Sie verdecken aber ja, so hoffe ich, nicht, dass mir ihre Leistung insgesamt imponiert hat – bei der Übertragung im Fernsehen sogar noch etwas mehr als am Premierenabend in Salzburg.

      Mit freundlichen Grüßen
      Christian Gohlke

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