Salieri Falstaff

Falstaff als Oliver Hardy

Amüsieren wie Bolle: Anett Fritsch (Mrs. Alice Ford), Christoph Pohl (Sir John Falstaff), Robert Gleadow (Bardolf)
Foto: Herwig Prammer

Antonio Salieris „Falstaff“ am Theater an der Wien
Von Derek Weber
(Wien, 12. Oktober 2016) Der Frage nachzugehen, welchen sidestep Regisseure machen müssen, um auf ausgefallene szenische Lösungen zu kommen, wäre durchaus interessant. Im neuen Wiener "Falstaff" im Theater an der Wien tritt der dickliche Schwerenöter im Kostüm von Oliver Hardy auf. Warum, das erschließt sich einem nicht. Auch nicht, wenn es sich hier nicht um den allseits bekannten Verdi-"Falstaff" handelt, sondern um die gleichnamige Oper Antonio Salieris aus dem Jahr 1799, also um ein Werk, das fast hundert Jahre früher entstanden ist.
Salieri kennen wir im landläufigen Durchschnitt nur als „Mozart-Mörder“ aus Foremans Film. Dass er auch ein guter Komponist war, fällt in der Regel unter den Tisch. Sein "Falstaff" aber gilt inzwischen als rehabilitiert und wird seit den 1970er-Jahren vielerorts wiederentdeckt. Ob das mit soziologischen Tatsachen wie dem Abstieg der Mittelklassen in den Industriestaaten zusammenhängt, darüber ließe sich gut rätseln: Falstaff ist ja ein etwas heruntergekommener Adeliger, ein Mann aus der Oberschicht also.
Torsten Fischers Wiener Inszenierung glänzt nicht durch Tiefgang. Das verwundert nicht, bietet doch auch das Libretto von Salieris Oper wenig Ansatzpunkte dafür. Von der subversiven  gesellschaftlichen Moral der Shakespeare-Geschichte ist da nicht viel zu spüren, davon, dass die Normalbürger von Windsor es faustdick hinter den Ohren haben und sich dem lebens- und trinklustigen Frauenfreund und Außenseiter gegenüber ziemlich bösartig, ekelig und aggressiv verhalten. So richtig zum Lachen ist einem dabei nicht zumute.
In der von Carlo Prospero Defranceschi bearbeiteten Librettoversion, die  Antonio Salieri 1799 vertont hat, kommt alles harmloser und entschärfter daher. Das von den Wienern der Mozartzeit geschätzte derbe Blödeln steht im Vordergrund und gibt natürlich auch der Regie freie Bahn bei allerlei gymnastischen Lockerungsübungen für Solisten, Chor – wie immer der bestens disponierte Arnold Schoenberg Chor – und Statisterie, die sich auf der von Herbert Schäfer gestalteten Bühne ziemlich frei und ungeniert bewegen dürfen.
Da haben Arrigo Boitos Dramaturgie und Verdis Musik mehr Tiefgang. Bei Salieri bleibt alles an der komischen Oberfläche. Dementsprechend wurde aus dem "Dramma giocoso" von 1799 im Theater an der Wien nun unter der Hand eine "Opera comica". Das verlagert auch den musikalischen Akzent hin zum leichteren Fach. Wie leicht könnte da Salieris Musik unter ihrem Wert gespielt und manche Raffinesse der Musik übersehen bzw. überhört werden! Was aber nicht zu überhören ist, ist ein permanenter Zug zu einem neuen Gleichgewicht, weg vom musikalischen Nummerntheater hin zu zusammenhängenden Szenen.
Auch sonst ist in Salieris "Falstaff" vieles etwas anders als gewohnt: Das junge Liebespaar Fenton-Nannetta ist gestrichen. (Dafür ist Mister Ford ein Tenor.) Ein zweites Paar – Mr. und Mrs. Slender – tritt auf und eine drollige Kammerdienerin (Betty) ist eingefügt. Sir John hat nur einen frechen und selbstbewussten Assistenten namens Bardolf, der etwas von einem englischen Leporello hat. (Salieri hat sich dabei gewiss an die Zusammenarbeit mit Mozart erinnert.)
Sir John Falstaff ist bei Christoph Pohl in besten Händen. Rober Gleadow spielt einen allgegenwärtigen Bardolf, und Anett Fritsch singt eine stimmstarke Mrs. Alice Ford. Als ihr eifersüchtiger Ehemann reussiert Maxim Mironow. Alex Penda und Arttu Kataja singen als Mrs. und Mr. Slender ein tüchtiges zweites Paar; und  Mirella Hagen muss als Betty mehr Energie auf die Abwehr der Zudringlichkeiten Bardolfs verwenden als aufs Singen.
Die "Akademie für Alte Musik Berlin" spielt in einem behenden und leichten Plauderton, der unter René Jacobs Leitung in Richtung auf charmanten Rossini getrimmt ist, wie ja Salieri überhaupt eher ein Verbindungsmann in diese Richtung ist als ein musikalischer Konkurrent Mozarts.
Die Regie von Torsten Fischer darf sich gehörig durchs Stück albern, hat viele gute und witzige Einfälle. (Manchmal vielleicht zu viele.) Sogar die englische Queen tritt auf. Die mit Sicherheit beste Idee besteht darin, Falstaffs Bad im Fluss mit hyperleichten tennisballgroßen Kugeln zu simulieren. (Fast) alles ist eben Spaß auf Erden.



Münchner Philharmoniker


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