Sache Makropulos

Opernkritik: Die Sache Makropulos

Männer als Marionetten

Tara Erraught, Nadja Michael, Kevin Conners Foto: W. Hösl

Árpád Schilling inszeniert eine kühl sezierende „Sache Makropulus" von Leoš Janáček an der Bayerischen Staatsoper und Nadja Michael verkörpert die Hauptfigur sängerisch und darstellerisch beeindruckend
Von Klaus Kalchschmid

(München, 19. Oktober 2014) Am Ende landet eine der Protagonistinnen in der rotglühenden Hölle der Psychiatrie, gepeinigt von halbnackten Pflegern; die andere in der selbstgewählten symbolischen Eiseskälte einer weißen Schneegebirgs-Landschaft, die sich über eine riesige Gummizelle senkt. So bedeutungsschwanger wie sinnig endet an der Bayerischen Staatsoper in München die erste Produktion von Leoš Janáčeks „Vĕc Makropulos“ ("Die Sache Makropulos") in der Originalsprache Tschechisch. Thomáš Hanus dirigiert detailgenau seine eigene revidierte Fassung der Partitur. 
Elina Makropoulos hat sich nach 337 (!) Jahren Leben als erfolgreiche, heiß umschwärmte Sängerin mit zahlreichen Männer-Affären im Augenblick, als sie die heißersehnte existenz-verlängernde Rezeptur wiedererlangt hat, innerlich erkaltet und vereinsamt fürs Sterben entschieden und kann es doch nicht. Die junge karrieregeile Sängerin Krista (Tara Erraught) verbrennt am Ende das Schriftstück „Die Sache Makropulos“ nicht, wie von Janáček vorgesehen, sondern entscheidet sich mit emphatisch nach oben gereckter Faust, in der sie das heikle Dokument hält, das ihr 300 Jahre Unsterblichkeit garantiert, eiskalt für den Erfolg als Operndiva und sei es um den Preis eines erfüllten Lebens und der Liebe, die sie schon zuvor – in Gestalt ihres Freundes Janek (Dean Power) – aufgegeben hatte. Der hatte sich, abgewiesen von Elina Makropulos zugunsten seines Vaters, dem sich Elina um den Preis des Dokuments mit der lebensverlängernden Rezeptur hingibt, umgebracht.
Nadja Michael ist diese faszinierend anziehende und zugleich immerfort zutiefst abweisende und die Männer demütigende Frau: noch immer schön, schlank, sexy – und charismatisch. Ein irritierender kleiner Schock ihr erster Auftritt in enger Hose und weißem Top unter schwarzer Lederjacke. Später ist sie barfuß ganz Weib – im fließend eierschalenfarbenen Kleid, das ihren Körper sanft umschmeichelt; und schließlich verkörpert sie im Rüschen-Kleid wieder das kleine Mädchen, das einst Versuchsobjekt des Vaters war, der 1585 – letztlich erfolgreich – ein Lebenselixier an ihr ausprobierte.
Zweifelhafter Segen ist das und noch mehr Fluch für die Tochter, die am Ende erkennt, das dem Leben nur seine Begrenzung Sinn gibt, die Nichtwiederholbarkeit vieler Ereignisse. Nadja Michael mag manchmal scharf klingen in der Höhe, ihre singschauspielerische Verkörperung dieser unmenschlich weißglühenden Frau, die am Ende unter dem massiven Einfluss von Alkohol endlich zu ihren Gefühlen zurückfindet, ist eine große Leistung.
Pausenlos gehen in Árpád Schillings Inszenierung die drei Akte ineinander über, getrennt nur von sichtbaren Umbauten auf der Drehbühne aus zwei über Eck gestellten Wänden – außen schwarzer Marmor, innen rosafarbene, abgesteppte Gummizelle (Bühne und Kostüme: Márton Ágh). Zu Beginn besteht das Büro von Anwalt Dr. Kolenatý (Gustáv Beláček) aus einem bühnenhohen Turm aus Stühlen, der Boden ist knöcheltief bedeckt mit gehäkseltem weißem Papier.
Wie so oft verblassen die Männer, die von Elina Makropulos sexuell aufs Äußerste gereizt werden, zu uneigentlichen Marionetten: Allen voran der junge Albert Gregor (der fantastische junge tschechische Tenor Pavel  Černoch), eigentlich der Ururururenkel der einstigen Ellian MacGregor, die in Schottland Josef Prus, dem einzigen Mann den sie je geliebt hat, ihren unehelichen Sohn Ferdinand Gregor gebar. Immer wieder musste Wanderin durch die Zeiten Namen, Identität und Aufenthaltsort wechseln, hieß Elsa Müller, Ekaterina Myschkina oder Eugenia Montez, trug also immer die Initialen E. M. und ist nun zuletzt Emilia Marty, der auch Jaroslav Prus (ein Bild von einem Mann mit stimmgewaltigem Bassbariton: der Schwede John Lundgren) oder der greise Hauk-Šendorf (verköpert von der einstigen Heldentenor-Legende Reiner Goldberg) verfallen sind, einst ihr Liebhaber, an den sich die Makropulos ungewohnt zärtlich erinnert.
Thomáš Hanus hat die Partitur nach den Quellen der Uraufführung minutiös revidiert (im wie immer üppigen und inhaltsreichen Programmbuch erläutert er die Probleme und Facetten dieser Arbeit ausführlich) und dirigiert das Staatsorchester mit der allergrößten Umsicht und einem untrüglichen Sinn für die Details und ihre musiktheatralische Fruchtbarmachung.
 
Am Sonntag, 1. November (18 Uhr) ist die Aufführung im Livestream kostenlos via www.staatsoper.de/tv
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