Rusalka

Die Verliese des Wassermanns

Günther Groissböck und Kristine Opolais Foto: W. Hösl

Eine sensationelle Neuinszenierung von Antonin Dvoraks Märchenoper "Rusalka" ist Regisseur Martin Kusej und Dirigent Tomas Hanus an der Bayerischen Staatsoper gelungen.

(München, 23. Oktober 2010) "Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe", singen die Rheintöchter im "Rheingold". Bei Wagner ist die Wasserwelt noch in Ordnung. In Dvoraks Nixenmärchen Rusalka dagegen birgt der See, in dem die Nixen leben, allerhand Übel. Der Wassermann ist ein gefährlicher Lüstling, der sich die Nixen wie einen Harem hält und bei Bedarf über sie herfällt. Seine Lieblingsnixe ist Rusalka, die gerade ihre Flucht plant, nachdem sie sich allen Nixen-Regeln zum Trotz in einen Menschen verliebt hat.

Man muss bei diesem Wassermann in "Rusalka" gewiss nicht unbedingt an Wolfgang Priklopil und seine eingemauerte Lustsklavin Natascha Kampusch oder andere Missbrauchsfälle der jüngeren Vergangenheit denken, aber man kann es. Ähnlich wie seinerzeit Natascha  Kampusch oder die Töchter von Joseph Fritzl lebt auch Rusalka in einer unfreien und zugleich von unheimlichen Ambivalenzen geprägten Beziehung zum Wassermann, der sich an ihr vergeht, der aber auch ihre väterliche Bezugsperson ist, zu dem sie eine starke emotionale Bindung hat. Zu Beginn von Martin Kusejs Inszenierung schlurft der Wassermann – fantastisch gesungen und gespielt von Günther Groissböck – in der ersten Szene mit zerschlissenem blauen Bademantel und dunkelblauer Trainingshose in einer Mischung aus Resignation und Testosteron über die Bühne und zündet sich erst mal zur Entspannung eine Zigarette an und saugt an seinem Dosenbier, bevor er sich mit gefüllter Aldi-Tüte in sein mit Abwasserrohren verschraubtes Verlies einen Stock tiefer begibt, wo er die Einkäufe an seine hungrigen, im knöcheltiefen Wasser stehenden weiblichen Gefangenen verfüttert. Um sich dann wieder seiner Lieblingsnixe zu widmen.

Faszinierend die Bühnenbilderfindungen von Martin Zehetgruber, die vielfältige Beziehungen zwischen Ober- und Unterwelt herstellen und virtuos den Märchenstoff im hier und jetzt verorten. Die toten Rehe, die vorab zum Boulevard-Aufreger wurden, spielen eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich sie für die Gewalt des Menschen gegenüber der Natur stehen und dafür zweifellos gut gewählt sind.

Klaus Florian Vogt (Der Prinz), Krístine Opolaís (Rusalka) Foto: W. Hösl


Das ist alles ohne Frage eher drastisch als romantisch – aber wer glaubt, Rusalka sei ein harmloses Fischteichmärchen, hat sich schwer getäuscht.
Es spricht für die Qualität dieser packenden, mitunter sogar aufwühlenden Inszenierung, dass Kusej, die Parallelen zur Missbrauchsthematik à la Kampusch nicht einfach als äußerliche, assoziative Idee auf die Bühne stellt, sondern sie in enger Verzahnung mit der psychischen Disposition der Titelfigur aus dem Libretto und der Musik ableitet. Und er lässt die Sänger dies mit einer schauspielerischen Detailgenauigkeit und Intensität spielen lässt, dass man sich dem nicht entziehen kann. Allen voran die stimmlich und darstellerisch überragende Kristine Opolais als Rusalka, die den stillen Seelenschmerz ebenso souverän veranschaulicht wie den aus Rusalka heraus brechenden Schrei nach Liebe. Weil diese Liebe auch in der Oberwelt verraten und enttäuscht wird, wird die Figur zur doppelt tragischen. Für den Verrat sorgt der schnöselige Prinz, den Klaus Florian Vogt mit ein wenig engem Tenor singt.

Dass die Regie so bezwingend und überzeugend mit Dvoraks zwischen naturhaftem Volksliedton und herzergreifend eindringlichen Seelentönen changierender Partitur zusammengeht, ist natürlich auch Tomas Hanus am Pult des Bayerischen Staatsorchesters zu verdanken. Hanus setzt auf starke Kontraste, spitzt die Musik ebenso zu wie Kusej die Szene, lässt aber auch dem Lyrismus Raum zur Entfaltung. Wie zur Bestätigung des gegenseitigen Einvernehmens stehen beide denn auch beim Schlussapplaus zusammen vor den Sängern und fassen sich demonstrativ bei den Händen. Ein überragender Erfolg des gesamten Ensembles, wie er in dieser Eindeutigkeit und Stimmigkeit auf der Opernbühne nicht sehr oft zu erleben ist. Prädikat: unbedingt sehenswert!

Robert Jungwirth
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