Rudolf Kempe Ring

CD der Woche

„Der Ring des Nibelungen“ unter Rudolf Kempe von den Bayreuther Festspielen 1961 erstmals auf CD
Alle drei „Ringe“ unter Leitung von Rudolf Kempe von den Bayreuther Festspielen 1960 bis 1962 gibt es jetzt auf CD. Allesamt sind sie von technisch guter Qualität und künstlerisch durchaus ebenbürtig – bei aller Fluktuation der Sänger. Aber die jetzt bei Orfeo erschienene Version von 1961 ist doch in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter und übertrifft beide Mitschnitte von 1960 und 1962 noch. Es ist zudem der einzige, der auf die Originalbänder des Bayerischen Rundfunks zugreifen konnte und das hört man besonders bei der Natürlichkeit der Stimmen. Es sind hier teilweise heute kaum noch bekannte Sänger dokumentiert, die damals – und auch heute noch – eine Sensation bedeuteten: So der stimmgewaltige Kanadier James Milligan, der seinen Durchbruch als charismatischer Wanderer mit einer elektrisierenden Naturstimme erlebte und bereits wenig später – mit 33 – an einem Herzinfarkt starb. Ganz anders, aber nicht minder großartig der elegant kraftvolle Jerome Hines als Wotan (Rheingold, Walküre). Ein Jahr zuvor war Hermann Uhde als Rheingold-Wotan und Wanderer kein geringeres Kaliber, während 1962 Otto Wiener alle drei Partien sang. Den ebenfalls erst 33-jährigen Thomas Stewart kann man 1961 als prägnanten Donner und Gunter erleben.
Einmal mehr trafen in den drei Jahren mit Astrid Varnay und Birgit Nilsson zwei gleichaltrige Brünnhilden aufeinander, die unterschiedlich nicht hätten sein können. Hier die reife, hochdramatische Stimme der Varnay in der „Walküre“, exakt passend für die aufmüpfige, selbstbewusste Wotan-Tochter – und noch Halbgöttin. Dort der helle, metallisch trompetengleiche und alterslos jugendlich klingende Sopran der Nilsson für die liebende Frau in „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Der damals 45-jährige Hans Hopf war auf dem Zenit seiner Karriere und sang wieder – wie 1960 und 1962 – erneut Siegfried: konditionsstark, souverän, aber immer auch ein bisschen heldentenoral selbstverliebt, während der dramatische Tenor Fritz Uhl den so ganz anders timbrierten und gestaltenden Wolfgang Windgassen als Siegmund ablöste. Régine Crespin war Uhl eine leidenschaftliche, sinnlich vibrierende Sieglinde. Gottlob Fricks Bassgewalt machte Hunding wie Hagen zu gefährlich unberechenbaren Männern.
Erneut überzeugten mit gehaltvollem Timbre und charaktervoller Gestaltung der Bariton Otakar Kraus (Alberich) und – in allen drei Jahren – der grandiose Charaktertenor Gerhard Stolze (Loge) mit seinem unverwechselbaren Timbre und der hoch differenzierten Gestaltung, die alles Ambivalente, ja schillernd Fiese dieses Feuer-Gotts in jeder Phrase lustvoll hörbar macht.
Rudolf Kempe hatte mit dem Festspielorchester 1961 die Partitur noch einmal präzise durchgearbeitet und dirigierte zwischen dem 26. und 30. Juli 1961 eine Aufführung, die heute noch bemerkenswert frisch und modern, dabei immer wieder enorm expressiv und geheimnisvoll, aber ohne jedes falsche Pathos klingt. Großartig seine immer wieder gewaltigen Steigerungen schon im „Rheingold“, dessen Beginn in den Tiefen des Rheins selten magischer klingt. Aber auch die halbstündige Auseinandersetzung ziwschen Brünnhilde und Wotan im zweiten Aufzug der „Walküre“ knistert nur so vor offensichtlicher oder versteckter Spannung. Und den Beginn des zweiten Aufzugs „Siegfried“ kann man kaum langsamer und intensiver zum Siedepunkt bringen. Stets spürbar ist auch das enge Band zwischen Bühne und Graben.
Von Klaus Kalchschmid
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